Erstellt am 29. September 2013, 14:41

Faymanns Kanzlerschaft könnte weitergehen. Zweiter Antritt, zum zweiten Mal Platz eins. Das ist die eine Seite der Werner Faymann-Medaille. Die andere Seite zeigt: zweiter Antritt, zum zweiten Mal das historisch schlechteste Ergebnis der SPÖ.

Spitzenkandidat und Bundeskanzler Werner Faymann  |  NOEN, APA
Wie auch immer, mit dem sich abzeichnenden Wahlergebnis vom heutigen Sonntag hat SPÖ-Chef Werner Faymann gute Chancen, auch die nächsten fünf Jahre das Land als Kanzler zu führen.

Dass Faymann bei den insgesamt harmoniebedürftigen Österreichern trotz allem nicht so recht ankommen will, überrascht eigentlich. Denn der SPÖ-Chef ist stets freundlich und höflich, bescheiden und pflegt einen alles andere als aufwendigen Lebenswandel - eigentlich alles, was dem Volk an sich gefällt, umso mehr, als Österreich unter seiner Führung vergleichsweise glimpflich durch die Wirtschaftskrise gekommen ist.

Faymanns Manko ist, dass man beim Kanzler oft nicht so recht weiß, wieso er überhaupt Kanzler sein will. Was ihm persönlich ein Anliegen ist, hält er eher verborgen. Selbst heutige Kampfthemen der Sozialdemokratie wie die Millionärs- und die Erbschaftssteuer hat der zunächst skeptische Faymann erst auf innerparteilichen Druck entdeckt. Zudem gilt der SPÖ-Chef nicht unbedingt als mitreißender Redner, was ihm etwa bei seinem missglückten Parteitag voriges Jahr in St. Pölten auf den Kopf fiel.

Gleichmut bis Langeweile statt Begeisterung

Können andere das missmutig gestimmte Parteivolk mit einer flammenden Ansprache doch noch auf ihre Seite ziehen, erzeugt Faymann oft Gleichmut bis Langeweile. So schickten ihn die Delegierten mit dem historisch schlechtesten Ergebnis eines Solo-Kandidaten von 83,4 Prozent nach Hause. Mit spielte da auch die Weigerung des Parteichefs, in der Inseraten-Affäre vor dem parlamentarischen U-Ausschuss zu erscheinen sowie der in gar nicht so kleinen Teilen der Partei unbeliebte Schwenk zum Berufsheer.

Als Faymanns größte Kunst gilt das Schmeicheln. Das könnte dem Kanzler in den nächsten Tagen hilfreich sein, wenn er versuchen muss, eine neue Regierung zu meißeln. Nach dem wieder einmal frontal gegeneinander geführten Wahlkampf der Koalitionspartner SPÖ und ÖVP müssen hier die Gräben flott zugeschüttet werden. Ob Faymann überlegt, einen dritten Partner als Zeichen der Erneuerung in eine "große" Koalition zu nehmen oder durch das Ergebnis sogar dazu genötigt wird, bleibt abzuwarten. Zumindest vor der Wahl hatte er darauf keine Lust.

Josef Ostermayer als Mastermind

Beraten wird den SPÖ-Chef dabei sein Alter Ego Josef Ostermayer. Faymanns politischer Lebensmensch gilt als Mastermind hinter der Karriere des Kanzlers. Er, der zum Minister aufrücken soll, gilt als der einzige, dem Faymann wirklich vertraut und der sich seines Sessels neben dem Kanzler sicher sein kann. Denn der SPÖ-Vorsitzende kann auch personell durchaus schnell handeln, wenn es zu seinem und auch der Partei besten ist, wie sich erst zuletzt mit den Rochaden in der Bundesgeschäftsführung gezeigt hat.

Das Taktieren hat der Kanzler von der Pike auf gelernt. Geübt wurde als Schulsprecher, schon mit 21 erklomm der am 4. Mai 1960 in Wien Geborene die Spitze der Wiener Sozialistischen Jugend, mit gerade einmal 28 war er Geschäftsführer der Wiener Mietervereinigung, einer Machtbastion in der Bundeshauptstadt. Über ein Gemeinderatsmandat schaffte er es in die Stadtregierung, wo er von 1994 an über ein Jahrzehnt den Wohnbau verantwortete, ein Ressort mit bekannt großem Inseraten-Budget.

Enges Verhältnis zum Boulevard

In dieser Zeit entwickelte sich auch Faymanns enges Verhältnis zum Boulevard, das bis heute besteht. Nicht umsonst hat der Kanzler die von der "Kronen Zeitung" angezettelte Wehrpflicht-Volksbefragung in die Wege geleitet, nicht zufällig blickt er praktisch täglich aus "Österreich" auf die Leser. Immerhin: einen EU-kritischen Leserbrief an die "Krone" wie vor der Wahl 2008 schriebe Faymann heute nicht mehr. Vielmehr ist der Kanzler heute "glühender Europäer" und sonnt sich gerne an der Seite Angela Merkels oder Francois Hollandes.

Zumindest der Legende nach hatte Faymann eigentlich nie vor, im Kanzleramt einzuziehen. Das Rathaus wäre demnach der Zielort gewesen, doch bewies Michael Häupl (SPÖ) dort ordentliches Sitzfleisch. Faymann nahm also das Angebot seines langjährigen Weggefährten Alfred Gusenbauer (SPÖ) an, 2006 als Infrastrukturminister und Regierungskoordinator in die Bundesregierung zu wechseln.

Der Rest ist jüngere Zeitgeschichte. Gusenbauer demontierte sich selbst, Faymann half ein wenig mit, hatte die wenigsten Feinde und auch nicht allzu viel falsch gemacht, was ihn als Nachfolger qualifizierte. Bei der Wahl 2008 ging es zwar bergab, jedoch nicht so weit nach unten wie bei der ÖVP, womit sich Faymanns erste Kanzlerschaft ausging.

Anklage in Inseraten-Affäre steht noch aus

Gleiches könnte jetzt nach einer schwierigen und langen ersten Amtsperiode noch einmal gelingen. Das Wahlergebnis macht eine Koalition gegen die SPÖ eher unwahrscheinlich. Stoppen könnte Faymann noch die Justiz. Die Entscheidung über eine Anklage in der Inseraten-Affäre steht noch immer aus. Freilich gilt eine Einstellung des Verfahrens als ziemlich wahrscheinlich.

Insofern wird der Kanzler, auch wenn er als Politiker gilt, der sich schon seine Auszeiten nimmt, weiter wenig Raum für Familie und Hobbys wie Bergtouren und Skifahren haben. Immerhin findet er nach Angaben von Frau Martina, selbst für die SPÖ Wiener Gemeinderätin, noch immer Zeit, für seine jüngere Tochter Flora das Frühstück zuzubereiten. Die ältere Tochter Martina aus einer früheren Beziehung ist dem Faymannschen Eigenheim schon länger entflogen.