Erstellt am 11. August 2014, 08:43

von Beatrix Keckeis-Hiller

Mercedes-Benz: Voraus in die Zukunft. Ab 2025 soll der „Highway Pilot“ Lkw-Fahrern auf europäischen Autobahnen das Lenkrad aus den Händen nehmen dürfen!

Voll autonom, doch weder fahrer- noch führerlos sollen Lkw ab 2025 auf europäischen Autobahnen unterwegs sein - wenn es nach der Nutzfahrzeugabteilung von Mercedes-Benz geht.  |  NOEN, Mercedes-Benz
Freihändiges Fahren (egal ob Pkw oder Lkw) fällt in die Liste der absoluten Verbote im Straßenverkehr. Und doch soll es bald erlaubt sein. Wenn es nach der Nutzfahrzeugabteilung von Mercedes-Benz geht, schon in etwas mehr als zehn Jahren: ab 2025. In diese nahe Zukunft können die Stuttgarter bereits jetzt vorausfahren. Vom technischen Standpunkt aus betrachtet.

Den ersten Beweis dafür hatte die Pkw-Abteilung im August des vergangenen Jahres geliefert: Und zwar anhand der mit „Intelligent Drive System“ ausgerüsteten S-Klasse, im Rahmen der „Bertha Benz-Fahrt“ – laut den Stuttgartern eine „autonome Langstreckenfahrt im Überland- und Stadtverkehr“ (von Mannheim nach Pforzheim). Der zweite konkrete Beweis wurde jetzt erbracht. Auf einem Autobahnabschnitt bei Magdeburg demonstrierte ein noch getarnter Truck auf Basis des aktuellen Actros, wie Daimler vollautonomes Lkw-Fahren realisieren kann.

Der „Highway Pilot“ als elektronischer Hilfschauffeur

Die Szenerie wirkte unspektakulär: Ein 449-PS-Truck fädelt sich in den (von den Stuttgartern mit Mercedes-Benz-Modellen inszenierten) Verkehr ein. Der Wagen beschleunigt, bremst, überholt, weicht aus, beginnt, eine Rettungsgasse zu bilden. Das Spektakuläre daran: Auf der Autobahn angekommen nimmt der Fahrer die Hände vom Volant, schwenkt seinen Sitz nach rechts – und wendet sich (zum Beispiel) seinem Tablet-Computer zu. Nur, wenn ein besonders langsames Fahrzeug den Vorwärtsdrang signifikant bremst, greift er ein.



Dahinter steckt ein System, das Mercedes-Benz als „Highway Pilot“ bezeichnet. Es handelt sich dabei um die Bündelung von Kamera-, Radar-, Multisensor- und Assistenz-Informationen auf Basis einer umfassenden Vernetzung via WLAN-Technologie mit anderen Fahrzeugen – V2V (Vehicle to Ve-hicle) – sowie mit Infrastruktur-Einrichtungen – V2I (Vehicle to Infrastructure). Damit erkennt der elektronische Hilfschauffeur andere Verkehrsteilnehmer, Straßenverläufe, Brücken, Baustellen, Verkehrsströme, Fahrbahnzustände, Hindernisse etc.

Wobei Stuttgart betont, dass der „Highway Pilot“ dem Berufsstand des Lkw-Fahrers das Lenkrad nicht aus der Hand nehmen soll. Das System soll zu höherer Treibstoffökonomie sowie der Unterstützung/Entlastung der Chauffeure dienen. Und diese sollen als versierte Logistikspezialisten eine erweiterte Zukunft haben – also eine Aufwertung für die Lkw-Fahrer.

Autonomes Fahren gesetzlich verboten

Soweit der Beweis, was technisch und sozial machbar ist. Aber es fehlt derzeit noch eine Reihe von Voraussetzungen gesetzlicher Natur, um autonom fahrende Fahrzeuge auf Autobahnen und in weiterer Folge ins übergeordnete Straßennetz zu schicken. Bislang galt die „Wiener Straßenverkehrskonvention“ aus dem Jahr 1968, die autonomes Fahren im öffentlichen Verkehr ausschließt.

Zwar wurde die von fast allen europäischen Staaten unterzeichnete Charta vor kurzem durch die UNO dahingehend angeändert, dass entsprechende Systeme zulässig seien, soferne sie vom Fahrer übersteuert werden können. Doch damit nicht geklärt sind die Themen Versicherung und Produkthaftung. Bis 2025 ist diesbezüglich noch viel zu tun …

Dennoch: Enttarnt zu sehen sein wird der vom „Highway Pilot“ lenkbare Mercedes-Benz-Truck auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover (25. September bis 2. Oktober).