Erstellt am 19. März 2012, 23:27

Anschlag in Frankreich: Höchste Terror-Alarmstufe. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy vermutet hinter dem Angriff auf eine jüdische Schule in Toulouse mit vier Toten einen antisemitischen Täter.

epa03151485 Distressed teenagers walk away from the Ozar Hatorah jewish school in Toulouse, France, 19 March 2012, where a man opened fire and killed a 30-years old teacher and three children aged 6, 3 and 10. Two others were wounded EPA/MAXPPP/XAVIER DE FENOYL FRANCE OUT  |  NOEN, MAXPPP/XAVIER DE FENOYL (MAXPPP)
Nach Angaben von Sarkozy handelt es sich beim Täter um denselben, der in den Tagen zuvor zwei Anschläge auf Soldaten verübt hatte. "Jedes Mal, wenn dieser Mann in Aktion tritt, handelt er, um zu töten. Er lässt seinen Opfern keine Chance", betonte der Präsident am Montagabend in Paris. Ein antisemitisches Motiv sei wahrscheinlich, der Mann sei gefährlich und müsse schnellstens gefasst werden.

Sarkozy sprach von einer nationalen Tragödie. Nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts verhängte er am Abend die höchste Terror-Alarmstufe für die Region. Alle jüdischen und muslimischen Einrichtungen werden nun besonders gesichert. "Diese schreckliche Tat kann nicht ungesühnt bleiben. Alle, wirklich alle verfügbaren Mittel werden eingesetzt werden, um diesen Kriminellen daran zu hindern, weiter Schaden anzurichten."

Ein Unbekannter hat Montag früh einen 30-jährigen Lehrer und drei Kinder vor der jüdischen Ozar-Hatorah-Schule in Toulouse erschossen. Die Schüsse kamen aus derselben Waffe, mit der in der vergangenen Woche drei Soldaten getötet und einer schwer verletzt worden waren - ebenfalls in Toulouse und in der etwa 50 Kilometer entfernten Gemeinde Montauban. Drei der Soldaten hatten Wurzeln in Nordafrika, einer war ein Schwarzer. Jedes Mal beschrieben Zeugen den Täter als einen schwarz gekleideten Mann, der auf einem Motorroller geflüchtet war.

Die für Terrorismus zuständige Staatsanwaltschaft in Paris erklärte, sie ermittle zum Verdacht des "Mordes und versuchten Mordes im Zusammenhang mit einer terroristischen Vereinigung" in allen drei Fällen. Dies sei aber vor allem wegen des Ausmaßes der Taten geschehen, hieß es in den Ermittlerkreisen.

Nach Angaben aus Ermittlerkreisen wird vor allem die These verfolgt, dass es sich bei dem Täter um einen rassistischen Militärangehörigen oder Ex-Militär handeln könnte. Doch auch ein durchgedrehter Einzeltäter oder die Tat einer Terrorgruppe wird den Angaben zufolge nicht gänzlich ausgeschlossen, wobei ein Anschlag einer ausländischen, islamistischen Gruppe wie Al-Kaida als unwahrscheinlich gilt.

Der Täter benutzte nach Angaben aus Ermittlerkreisen eine halbautomatische Pistole vom Kaliber 11,43 Millimeter. Der Angreifer fuhr demnach in jedem Fall einen schweren Yamaha-Motorroller vom Typ T-MAX, der vor über einer Woche in Toulouse gestohlen worden war. Auch ansonsten folgten die Angriffe demselben Muster: Der Angreifer schoss seine Opfer jeweils am helllichten Tag nieder.

In der Region geht nun die Angst vor weiteren Anschlägen um. Der Bürgermeister von Toulouse, Pierre Cohen, verwies im TV-Nachrichtensender BFM auf die Kaltblütigkeit des Täters. "Wir sind extrem beunruhigt", sagte er.

Wegen des Anschlags unterbrachen die Parteien vorübergehend den Präsidentschaftswahlkampf. Präsident Sarkozy reiste noch am Vormittag nach Toulouse. Auch sein sozialistischer Herausforderer Francois Hollande sagte alle Parteitermine ab und informierte sich am Nachmittag am Tatort. Die Anschläge brachten das Thema Innere Sicherheit im laufenden Präsidentenwahlkampf nach oben auf die Tagesordnung. Sarkozy hatte zuletzt rechtspopulistische Töne angeschlagen und vor zu vielen Ausländern im Land gewarnt.

Sarkozy ordnete für diesen Dienstag eine Schweigeminute um 11.00 Uhr zum Gedenken an die getöteten Kinder in allen Schulen an: "Es sind unser aller Kinder." Am Abend wollte er in Paris an einem Gedenkgottesdienst in einer Synagoge teilnehmen. Der Verband der jüdischen Studenten in Frankreich (UEJF) rief für den Abend zu einem Gedenkmarsch in der Hauptstadt auf.

Die Tat gilt als einer der mörderischsten Anschläge auf eine jüdische Einrichtung seit drei Jahrzehnten, als 1982 ein Überfallkommando im jüdischen Viertel in Paris in der Rue des Rosiers in einem Restaurant sechs Menschen tötete. Hinter dem Anschlag werden Angehörige von Palästinensergruppen vermutet.