Erstellt am 04. Februar 2015, 23:06

von Michael Pekovics, Wolfgang Millendorfer und APA Red

Attentat-Gedenken: „Probleme gibt’s wie überall“. Die Stimmung vor der Gedenkfeier schwankt zwischen ängstlicher Vorsicht und Freude über Zeichen der Solidarität.

Tatort. Beim Versuch, die fremdenfeindliche Tafel zu entfernen, detonierte 1995 die Sprengfalle und tötete vier Menschen. Foto: Walter Horvath  |  NOEN, Walter Horvath
Eine Detonation war am 4. Februar 1995 kurz vor Mitternacht in der Nähe der Oberwarter Romasiedlung zu hören. Nachdem am nächsten Morgen die Leichen von Erwin Horvath (18), Karl Horvath (22), Peter Sarközi (27) und Josef Simon (40) entdeckt wurden, stand bald ganz Österreich unter Schock.

Trauerzug wie beim Begräbnis 1995

x  |  NOEN, Walter Horvath
Während die Polizei zunächst irrtümlich von einer „internen Fehde“ ausgegangen war, zeigten spätere Ermittlungen, dass es sich um ein Attentat handelte, das in der Zweiten Republik bislang einzigartig blieb.

Als die vier Bewohner der Siedlung eine fremdenfeindliche Tafel (siehe Foto links) mit der Aufschrift „Roma zurück nach Indien“ entfernen wollten, detonierte die Rohrbombe des damals noch unbekannten Täters Franz Fuchs.

x  |  NOEN, VHS der Burgenländischen Roma
20 Jahre später wurde am Mittwoch der schrecklichen Ereignisse gedacht. Wie beim Begräbnis der vier Opfer wurde der Trauerzug vom Bundespräsidenten und den Spitzen der Politik angeführt.

Vor 20 Jahren seien vier junge Menschen aus dem selben Grund ermordet worden, aus dem schon ihre Vorfahren in den Konzentrationslagern vergast worden waren: "Weil sie Roma waren und weil ihre Mörder Roma hassten", sagte Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ). 20 Jahre später müsse man sich die Frage stellen, was sich seither an der Situation der Roma geändert habe. "Das Resümee ist zweigeteilt" - einerseits sei sicher eine schrittweise Verringerung der sozialen Gegensätze feststellbar.
 



Auf der anderen Seite sei die Beschäftigungssituation nach wie vor sehr ungünstig. Auch die gesellschaftliche breite Akzeptanz sei leider noch immer keine Selbstverständlichkeit: "Es gibt sie noch immer, die Ausgrenzung und Geringschätzung der Roma in unserem Land", erklärte Niessl.

"Botschaft ohne Unterlass vertreten"

Bundespräsident Heinz Fischer verwies auf den historischen Zusammenhang, in den man die Ereignisse von 1995 einordnen müsse. Vor 80 Jahren hatten in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht ergriffen. Viele intelligente Menschen - aber leider nur eine Minderheit habe gewusst: Hitler bedeute Krieg sowie die Verfolgung der Juden und anderer Volksgruppen und Gesinnungen.

Vor 70 Jahren hätten diese Ereignisse ein dramatisches Ende gefunden mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der Diktatur und der Auflösung der Konzentrationslager. "Aber ein gewisses Ausmaß an Gift und Vergiftung ist geblieben." Immer noch habe es "Spurenelemente des Rassismus" und Zweifel an der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen gegeben, so Fischer.

x  |  NOEN, PETER LECHNER (BUNDESHEER)
Er könne sich sehr gut an die Ereignisse vor 20 Jahren erinnern, als bei der Gedenkveranstaltung in der Kirche "ein geschocktes, ein betroffenes, ein verunsichertes Österreich zusammengefunden" habe im Bekenntnis gegen Terror und im Bekenntnis zu den Volksgruppen, zu Menschenwürde und Demokratie. "Diese Botschaft müssen wir unbeugsam und ohne Unterlass vertreten, weil darauf beruht vieles andere, was uns wert ist, was uns teuer ist, was unser Land lebenswert macht und was wir behalten müssen", sagte der Bundespräsident.
Der Jahrestag ist aber einmal mehr auch Anlass für die Frage, was sich nach 20 Jahren geändert hat.

Und da ergibt sich ein differenziertes Bild, zum Beispiel am Arbeitsmarkt. Manuela Horvath etwa, die für das Referat für ethnische Gruppen der Diözese arbeitet, hatte noch nie Probleme aufgrund ihrer Herkunft: „Auf sieben Blindbewerbungen an Oberwarter Firmen habe ich vier Vorstellungstermine bekommen.“

„Probleme gibt’s – wie überall anders auch“

x  |  NOEN, Hans Wetzelsdorfer
Anders hingegen Martin Horvath vom Verein „Karika“, der sich hauptsächlich um den arbeitsmarktpolitischen Aspekt annimmt: „Offener Rassismus ist selten, aber aus zweiter Hand hört man oft, dass Jobs nicht gern an Roma vergeben werden.“

Das begrenze sich aber auf den Arbeitsmarkt und Einzelfälle, in den Schulen habe sich die Situation stark gebessert.

Für Monika Scheweck, Organisatorin der jährlichen Gedenkfeier und Mitarbeiterin der Diözese, ist wichtig, dass „es nicht nur um Roma oder Nicht-Roma geht: Probleme gibt’s überall und nicht alles ist super“.

„Zeichen der Solidarität wird gesetzt“

Aktuell bemerke sie, dass die Stimmung in Österreich, auch wegen der feindlichen Töne gegen Roma in Ungarn, ängstlicher wird: „Die Gesellschaft wird generell ruppiger.“ Etwas, worüber auch Manuela Horvath nachdenkt, aber: „Die Angst darf einen nicht beherrschen.“

Den Vorwurf, dass sich viele Politiker mit ihrer Anwesenheit bei der Gedenkfeier nur profilieren wollten, lässt Scheweck so nicht gelten: „Man muss das als positives Zeichen sehen, dass vom Bundespräsidenten abwärts ein Zeichen der Solidarität gesetzt wird – auch über die Grenzen hinaus.“ Was sie etwa von der EU vermisse, wenn es um die Übergriffe gegen Roma in Ungarn geht.

Was Scheweck grundsätzlich an der aktuellen Situation ärgert? „Dass Roma ständig betonen müssen, dass sie eh arbeiten, obwohl sie Roma sind. Für mich geht’s darum, einzelnen Menschen zu helfen, nicht Volksgruppen.“


Die Folgen des Attentats

Neues Buch | 20 Jahre danach: Verlag „edition lex liszt 12“, Zeitzeugen und Autoren auf Spurensuche.

Der Auftakt zum Gedenken fand gestern, Dienstag, im Parlament in Wien statt: Auf Einladung von Bundesrats-Vizepräsidentin Inge Posch-Gruska und des Verlagshauses „edition lex liszt 12“ wurde das Buch zum Attentat von Oberwart präsentiert.

Unter dem Untertitel „Terror, Schock und Wendepunkt“ setzen sich die Herausgeber Annemarie Klinger und Erich Schneller auf mehreren Ebenen mit den Ereignissen auseinander. Zu Wort kommen Betroffene wie Stefan Horvath und Autoren wie Gerhard Roth oder Marlene Streeruwitz. Eine der zentralen Fragen: „Was ist 20 Jahre danach vom damaligen Schock und den Solidaritätsbekundungen geblieben …?“

Präsentation am 20. Februar (20 Uhr) im Offenen Haus Oberwart. Infos auf www.oho.at und www.lexliszt12.at


Chronologie:

  • Dezember 1993: Die erste Briefbombenserie erschüttert Österreich. Im Namen der sogenannten „Bajuwarischen Befreiungsarmee“ versendete der mutmaßliche Einzeltäter Franz Fuchs Bomben an Migranten, Volksgruppen-Vertreter sowie sozial engagierte Organisationen.

  • 4. Februar 1995: In Oberwart tötet die Rohrbombe vier Bewohner der Romasiedlung: Erwin Horvath, Karl Horvath, Peter Sarközi und Josef Simon. Als die Opfer am Morgen des 5. Februar entdeckt werden, steht das ganze Land unter Schock. Rund um das Offene Haus Oberwart wird zu ersten Besprechungen und spontanen Kundgebungen geladen.

  • 6. Februar 1995: Ein Mitarbeiter des Umweltdienstes Burgenland löst eine beim Kindergarten Stinatz deponierte Rohrbombe aus und erleidet schwere Handverletzungen.

  • 11. Februar 1995: Die Opfer des Attentates werden in Oberwart beerdigt. Der Trauerfeier wohnen hunderte Gäste bei, da- runter zahlreiche Spitzenpolitiker.

  • 1. Oktober 1997: Im Zuge einer Verkehrskontrolle reißt eine Rohrbombe Franz Fuchs beide Hände ab. Nach seiner Verurteilung erhängt sich Fuchs im Februar 2000 in seiner Gefängniszelle.