Erstellt am 12. Januar 2016, 16:33

von APA/Red

Auffahrunfall aus Verzweiflung: 32-Jährige in Eisenstadt vor Gericht. Ein Auffahrunfall, den eine 32-jährige Mutter im Vorjahr auf der A2 im Südburgenland aus Verzweiflung herbeigeführt haben soll, beschäftigt heute, Donnerstag, einen Geschworenensenat in Eisenstadt.

 |  NOEN, www.BilderBox.com

Im Wagen war auch der 15 Monate alte Sohn der Frau, die vor Gericht sagte, wie leid ihr alles tue. Die Staatsanwaltschaft plädierte für eine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.

Die zuletzt in der Steiermark wohnhafte Frau sei am 31. Juli des Vorjahres mit ihrem Seat Ibiza in der Früh auf der Südautobahn (A2) Richtung Wien unterwegs gewesen. Der Sohn saß angeschnallt in einem Kindersitz, der allerdings nicht auf der Rückbank befestigt war. Die 32-Jährige sei dann "mit voller Wucht" und ungebremst von hinten in den Lkw gefahren.

Abschiedsbrief im Wagen gefunden

Dabei wurde der Pkw unter den Laster geschoben. Einzig ein moderner Unterfahrschutz des Lkw habe verhindert, dass der Wagen ganz unter das Fahrzeug geraten und zerquetscht worden sei, argumentierte die Anklägerin. Der Kindersitz sei nach vorne geschleudert worden, der Sohn habe dabei eine Schürfwunde auf der Stirn erlitten.

"Es stellt sich die Frage: "Warum tut eine junge Mutter so etwas?", meinte die Staatsanwältin und verwies auf einen Abschiedsbrief, der im Wagen gefunden worden sei. Es ergebe sich das Bild "einer Mutter, die ihr Kind über alles liebt", die aber verzweifelt sei aus Sorgen und Ängsten um das Wohl des Kindes, von dem sie geglaubt habe es sei krank. Schließlich sei der Leidensdruck für die 32-Jährige so groß geworden, dass sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen habe.

Die Frau habe auch Hilfe gesucht und sei mit dem Buben in einer Klinik gewesen. Ihr sei aber gesagt worden, dass das Kind "völlig normal, gesund und munter sei". Das habe sie erst recht unter Druck gesetzt.

"Heute geht es nicht darum, jemand zu bestrafen"

"Heute geht es nicht darum, jemand zu bestrafen", betonte die Staatsanwältin. Sondern es gehe darum, dass die depressive Erkrankung der Mutter nicht in ihrer Gefährlichkeit unterschätzt werde und die vom Gesetz vorgesehenen Maßnahmen ergriffen werden, damit Mutter und Kind in Zukunft vielleicht wieder irgendwann einmal zusammen sein könnten.

Die Verteidigerin schilderte die Lebensgeschichte der 32-Jährigen, die zwei gescheiterte Beziehungen gehabt habe, bevor sie den späteren Vater des Buben kennenlernte. Dieser habe den Sohn als "Umfaller" bezeichnet und sei nicht zu dem Kind gestanden. Die Frau habe sich schließlich immer mehr an den Buben geklammert, um Liebe zu bekommen und ihm Liebe zu geben.

Sie habe leider als "Übermutter" zu stark reagiert. In dem als Abschiedsbrief bezeichneten Schrieb stehe nicht, dass sie sich selbst und dem Buben das Leben nehmen wollte, so die Verteidigerin: "Sie wollte ihn schützen."

Die Mutter schilderte vor Gericht, sie sei "bei jedem Husten und Weinen" ihres Kindes alarmiert gewesen. "Ich habe geglaubt, mein Sohn ist ein Autist", sagte die Frau. Sie ging mit dem Kind zu Ärzten und Psychologen, die jedoch nichts Krankhaftes entdeckten.

Aus Sorge um Kind zur "Übermutter"

"Ich bin so dankbar, dass uns nichts passiert ist", sagte die Frau. Das Letzte, was sie wolle, sei ihrem Kind etwas Böses zu tun. Die Staatsanwältin hielt ihr vor, dass sie bei ihrer Vernehmung ausgesagt habe, sie sei absichtlich von hinten aufgefahren und habe in diesem Moment "den Tod von uns beiden in Kauf genommen". Das sei eine Formulierung wie aus einem juristischen Kommentar, zweifelte die Verteidigerin an der Authentizität dieser im Protokoll vermerkten Aussage.

Sie könne sich nicht erinnern, meinte die 32-Jährige: "Es ist niemals in meinen Gedanken gewesen, dass ich so etwas mache." Am Tag vor dem Unfall sei sie in einem Grazer Krankenhaus gewesen, um sich und ihren Buben zwei bis drei Tage aufnehmen zu lassen - um zu sehen "ob ich richtig auf ihn reagiere". Dazu kam es jedoch nicht.

Gefragt, wie es ihr heute gehe, meinte die Frau: "Ich fühle mich auf dem Weg der Besserung". Damals sei es nicht möglich gewesen, sich krankheitseinsichtig zu verhalten. Die Frage, ob sie mit der Anordnung einer medikamentösen Behandlung einverstanden wäre, beantwortete sie mit: "Absolut". Im Zuge der Verhandlung sollen auch vier Gutachter gehört werden. Der Prozess war vorerst bis 22.00 Uhr angesetzt.

Experte: Mutter unzurechnungsfähig

Bei der 32-jährigen Mutter sei eine immer wieder auftretende, schwere depressive Störung vorgelegen, erläuterte der psychiatrische Sachverständige Manfred Walzl. Die Frau habe zum Zeitpunkt des Unfalls einfach nicht mehr gewusst, was sie tue.

Die schwere psychiatrische Erkrankung sei zum Zeitpunkt des Unfalls "völlig unzureichend behandelt" gewesen. "Diese Erkrankung schließt jede Schuldfähigkeit aus", beschrieb der Sachverständige: "Die Zurechnungsfähigkeit war sicherlich nicht gegeben."

Die Frau habe Selbstentwertungstendenzen gezeigt: "Sie hat nicht mehr an sich selbst geglaubt." Sie habe ihren kleinen Sohn als einziges Ziel gehabt und ihn "unter eine Schutzglocke" gestellt, damit ihm nur nichts zustoße. "Böswilligkeit ist ihr in keinem Fall zu unterstellen", sagte Walzl.

Sowohl der psychiatrische Gutachter als auch die mit der Erstellung der Gefährdungsprognose beauftragte Sachverständige sprachen sich dafür aus, die Mutter mit ihrem Sohn in einem beobachteten, betreuten Wohnen unterzubringen bei gleichzeitiger Fortsetzung der Therapie. Dass Mutter und Kind sofort wieder zu Hause bei den Großeltern leben, wurde dagegen nicht als empfehlenswert erachtet.

In ihrem Schlussplädoyer wies die Staatsanwältin darauf hin, dass die 32-Jährige vor der Polizei mehrfach gesagt habe, sie wolle mit ihrem Sohn "in eine bessere Welt". Eine "Verkettung glücklicher Umstände" habe dazu geführt, dass bei dem Unfall nichts Schlimmeres passiert sei. Die Anklägerin ersuchte das Gericht, mittels vorbeugender Maßnahmen (Einweisung in eine Anstalt, Anm.) dafür zu sorgen, dass die 32-Jährige die nötige Behandlung bekomme, "damit sie das wieder kann, was sie sich wünscht - die allerbeste Mama für ihr Kind zu sein."

"Sie hat niemals gesagt: Ich wollte mich töten. Dieser Wunsch ist nie gekommen", wandte sich Verteidigerin Karin Prutsch gegen die Sichtweise der Staatsanwaltschaft. Ihre Mandantin sei nun in psychiatrischer und psychologischer Betreuung, mache eine Therapie und werde mit Medikamenten behandelt. "Wir haben eine völlig geänderte Lebenssituation."

Die Fahrweise der 32-Jährigen vor dem Unfall zeige, dass sie übermüdet gewesen sei. Wenn man eine Nacht nicht schlafe, steige statistisch betrachtet, das Unfallrisiko um 650 Prozent. "Heute bleiben viele Fragen offen, die wir nicht beantworten können", sagte Prutsch, die an den Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten" erinnerte.

"Ich bitte darum, dass Sie mir glauben, dass ich meinem Sohn nie etwas Böses wollte", sagte die 32-Jährige, bevor sich die Geschworenen zur Beratung zurückzogen. Sie befinde sich "in sehr guter Behandlung, die spricht sehr gut an bei mir." Das Wichtigste jedoch sei, dass ihrem Kind bei dem Unfall nichts passiert sei.

 


BVZ.at berichtete bereits am Dienstag:

Ein Auffahrunfall auf der Südautobahn (A2) im Burgenland, bei dem ein kleines Kind verletzt wurde, beschäftigt  einen Geschworenensenat in Eisenstadt.

Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter des Buben vor, den Zusammenstoß absichtlich herbeigeführt zu haben, geht aber von Unzurechnungsfähigkeit aus und beantragte die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.

Kind erlitt Kopfprellung

Die 32-jährige Frau war am 31. Juli des Vorjahres auf der A2 unterwegs. Bei Loipersdorf (Bezirk Oberwart) soll sie das Auto, in dem ihr 14 Monate alter Sohn auf der Rückbank in einem nicht gesicherten Kindersitz mitfuhr, gezielt beschleunigt und gegen den Sattelaufleger eines vor ihr fahrenden Lkw gelenkt haben.
Durch den Anprall, der mit einer Kollisionsgeschwindigkeit von mehr als 110 km/h erfolgt sei, wurde der Pkw unter den Unterfahrschutz des Sattelzuges gedrückt. Der Bub erlitt eine Kopfprellung und eine Schürfwunde an der Stirn.

Staatsanwalt geht von Tötungsabsicht aus

Weil sich das Kind beim Unfall mit im Auto befand, geht die Staatsanwaltschaft von einer Tötungsabsicht aus. Deshalb wird der Fall vor dem Schwurgericht verhandelt. Zum Unfallzeitpunkt soll die Mutter jedoch aufgrund einer schweren depressiven Störung mit psychotischen Symptomen nicht zurechnungsfähig gewesen sein. Gutachten dazu werden im Prozess erörtert. Die Verhandlung ist bis 22.00 Uhr angesetzt.