Erstellt am 27. August 2015, 20:26

von Bettina Eder, Pia Reiter und Werner Müllner

Bergung der Leichen vor Abschluss. Erste Details zum Todes-LKW. Flüchtlinge waren bereits tot, als Schlepper über die Grenze fuhren.

 |  NOEN, APA

Der Lkw, in dem am Donnerstag auf der Ostautobahn 20 bis 50 Leichen von Flüchtlingen entdeckt wurden, ist mittlerweile nach Nickelsdorf in eine ehemalige Veterinärgrenzdienststelle gebracht worden. Denn dort habe man - im Gegensatz zum ersten Untersuchungsort, einer Garage in Parndorf - laut Burgenlands Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil bessere Bedingungen für die Untersuchung des Fahrzeug-Inneren und der toten Körper. Die Leichenbergung werde bis Freitagvormittag andauern.

Man werde nun genau sichten, wie viele Leichen in dem Lkw sind. Der Landespolizeidirektor ging davon aus, dass die Zahl von 20 "überstiegen wird". Der Lkw wurde bisher noch nicht geöffnet, erst müsse die entsprechende Kühlsituation hergestellt sein. Die Leichen werden nach der Bergung morgen, Freitag, in die Gerichtsmedizin Wien überstellt.

Vermutlich seit 1,5 bis zwei Tagen tot

"Ich möchte ihnen die Details ersparen, aber man kann zu 1000 Prozent davon ausgehen, dass die Menschen tot waren", so Doskozil zu den Zuständen im Todes-LKW. Die Verwesung der Leichen sei so weit fortgeschritten, dass man weder die genaue Anzahl beziffern könnte, noch ob Frauen oder Kinder dabei sind.

Vermutet werde allerdings, dass die Flüchtlinge bereits tot über die Grenze gefahren worden sind. Wann genau der LKW die Grenze überquert hat, könne man noch nicht sagen, "fest steht allerdings, dass er gestern (Mittwoch) früh südöstlich von Budapest gestartet war und heute früh in der Pannenbucht gesichtet worden ist", so Doskozil.

"Wir werden die Nacht durcharbeiten"

Den Startpunkt wisse man durch die Aufzeichnungen der ungarischen Mautstationen. Die 20 bis 50 Opfer seien  - so schätzen die Beamten - da bereits mehrere Tage tot gewesen.

"Wir werden die Nacht über durcharbeiten, morgen werden die Leichen dann in die Gerichtsmedizin Wien überstellt", so Doskozil. Dort soll die Todesursache jedes einzelne Opfers ermittelt werden.
Parallel laufen die Ermittlungen zu den Eigentumsverhältnissen des LKW. Doskozil deutete an, dass ein Firmenkonstrukt mit Banden dahinter stecken könnte und vermutet, dass die Fahrer bereits das Land wieder verlassen haben.

Der 7,5 Tonnen schwere Lkw - ein Kühltransporter, laut Doskozil "kein schleppertypischer Lkw" - hatte sich nach polizeilichen Erkenntnissen am Mittwoch um 9.00 Uhr noch in Ungarn unmittelbar vor der ungarisch-österreichischen Grenze befunden. Während der folgenden Nacht erfolgte der Grenzübertritt. Am frühen Donnerstagmorgen - gegen 5.00 oder 6.00 Uhr - wurde der Lkw von Zeugen in einer Pannenbucht auf der A4 zwischen Neusiedl und Parndorf wahrgenommen, berichtete Doskozil.

Anzahl der Toten noch unklar

Die Fahrerkabine des Lkw war nicht abgesperrt. Die fünf Meter lange Ladebordwand hätte sich von den einschreitenden, von der Asfinag alarmierten Polizeibeamten von außen öffnen lassen, gab Doskozil bekannt.

Bei den Verstorbenen handelt es sich "mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit" um Flüchtlinge.

Doskozil wies auf die gute Zusammenarbeit mit den ungarischen Behörden hin. Zwei Beamte aus Ungarn seien nach Bekanntwerden des Falls Österreich geschickt worden. Die neuen Erkenntnisse werden die Ermittlungsbehörden um 11.00 Uhr auf einer weiteren Pressekonferenz bekannt geben.

Überstellung noch in der Nacht auf Freitag

Am Donnerstagabend ist in Nickelsdorf damit begonnen worden, die Opfer aus dem Kühltransporter zu bergen. Wie Johann Fuchs, der Leiter der Staatsanwaltschaft Eisenstadt, auf Anfrage erklärte, sollen die Toten gleich im Anschluss nach Wien überstellt werden.

"Der Transport ist bereits in die Wege geleitet", berichtete Fuchs, der persönlich bei den Bergungsarbeiten in einer ehemaligen Veterinärdienst-Grenzstelle anwesend war. Das Wiener gerichtsmedizinische Institut habe den staatsanwaltschaftlichen Obduktionsauftrag übernommen. Wie viele Experten dazu herangezogen werden, "ist sicher auch eine Kapazitätsfrage. Es handelt sich zweifellos um eine einzigartige Aufgabenstellung", räumte Fuchs ein.

Lückenlose Kontrolle unmöglich

Im Burgenland kämpfe man mit einer Situation, in der es massive Aufgriffe von Flüchtlingen gebe. Alleine am Mittwoch seien nur im Bezirk Neusiedl am See rund 300 Personen aufgegriffen worden, heute ebenso, berichtete Doskozil. Den Korridor auf der M1 und der A4 passierten täglich rund 3.000 Lkw. "Dass wir die Lkw lückenlos kontrollieren, das ist nicht möglich."

In den kommenden Tagen und der nächsten Woche rechne man mit einem weiteren Anstieg der Flüchtlingszahlen. Deshalb sollen zusätzliche Polizisten im Burgenland eingesetzt werden. Man werde auch versuchen, Leistungen des Bundesheers abzurufen, wie dies bereits vereinbart worden sei, um Polizeikräfte mehr für Kontrolltätigkeiten freispielen zu können.

Mahnwache vor Landespolizeidirektion

Vor der Pressekonferenz hatten sich Angehörige der "Offensive gegen Rechts" und der Plattform "Flüchtlinge willkommen Burgenland" zu einer Mahnwache vor der Landespolizeidirektion in Eisenstadt eingefunden. Einige Teilnehmer hielten Pakate mit der Aufschrift "Sichere Fluchtwege - jetzt" und "Schluss mit der Hetze". Auf einem Transparent in roter Farbe stand zu lesen: "Refugees welcome".

"Wir sind entsetzt über diesen Vorfall", sagte Dagmar Schindler von der "Offensive gegen Rechts". Man sei auch entsetzt über Aussagen von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP), die meine, "die einzige Lösung ist, die Schlepper noch mehr zu bekämpfen und die Grenzzäune und Mauern noch höher zu ziehen. Das ist nicht die Antwort". Beide Plattformen forderten sichere Korridore für Flüchtlinge als Maßnahme gegen das Schlepperunwesen. Teilnehmer stellten Grablichter auf den Boden beim Eingang zum Polizeigebäude und legten Blumen nieder. Anschließend hielten sie eine Gedenkminute ab. Auch in Wien wurde vor dem Innenministerium am Minoritenplatz eine Gedenkkundgebung abgehalten.