Erstellt am 15. Dezember 2011, 09:11

Die letzte Streife - Assistenzeinsatz im Burgenland ist zu Ende. Nach 21 Jahren beendeten die Soldaten ihre Patrouillentätigkeit im Burgenland. Die Soldaten absolvierten dabei 60 bis 90 Kilometer Fußmarsch pro Woche

Mittwochabend in Siegendorf: Zwei Soldaten des Jägerbataillons 24 machen zu Fuß ihre Runde durch den Ort. Was für die Soldaten aus Tirol, die sich seit 4. November auf Assistenzeinsatz im Burgenland befinden, wie tägliche Routine wirkt, die bedeutet für das Bundesheer auch das Ende einer Ära: Nach 21 Jahren oder 1.112 Wochen wird der Einsatz beendet, die Soldaten ziehen endgültig aus den Dörfern des Burgenlandes ab.

Vorbei an Häusern im Halbdunkel, von denen sich ein paar durch die Weihnachtsbeleuchtung von ihrer Umgebung abheben, führt die Route von Wachtmeister Manuel Stauder und Rekrut Manuel Wurzenrainer durch Seitengassen und am Sportplatz vorbei. Der 28-jährige Gruppenkommandant hat dreimal am seit Ende 2007 laufenden Schengen-Assistenzeinsatz teilgenommen und versah zuvor fünfmal Dienst im Rahmen der Grenzraumüberwachung, die dem nun auslaufenden Einsatz voranging. Für den 19-jährigen Grundwehrdiener, mit dem er heute unterwegs ist, ist es der erste Assistenzeinsatz.

Zum Unterschied von früher, als die Soldaten in Grenznähe auf Posten waren, sei der Dienst nun abwechslungsreicher, meint der Wachtmeister: "Man sieht Leute und kann mit ihnen reden." "Die Leute nehmen uns jetzt viel stärker wahr als früher", fügt Major Alexander Kovacs vom Militärkommando Burgenland hinzu, der zu dem Trupp gestoßen ist. Früher sei der Einsatz eher statisch gewesen, "jetzt sind wir viel mobiler. Es ist kein Tag gleich wie der andere. Wir tauchen nie am gleichen Platz zur selben Uhrzeit auf." Deshalb seien die Streifen auch für Kriminelle extrem schlecht einzuschätzen gewesen. "Dort, wo unsere Soldaten patrouillieren, bricht keiner ein, und das ist einmal amtlich", stellt der Major fest.

Abgesehen davon, dass sie sich zum letzten Mal auf Streife befinden, sei der heutige Dienst ein Einsatz wie jeder andere auch, meint der Gruppenkommandant. Gleichzeitig freue man sich, "dass es langsam zurück in die Heimat geht", so Rekrut Wurzenrainer. Pro Woche haben die Assistenzsoldaten zu Fuß geschätzte 60 bis 90 Kilometer zurückgelegt. Ihre längste Schicht hatte 13 Stunden am Stück gedauert. Auf drei Tage bzw. Nächte Dienst folgte jeweils ein Tag "Zeit ohne geplante dienstliche Inanspruchnahme".

"Die ersten paar Nächte waren halt schon hart. Da bist du fertig und müde", erzählt der Grundwehrdiener. Nach dem zweiten, dritten Dienstrad werde manches zur Gewohnheit. Aber man sehe auch immer wieder etwas Neues und sei immer wieder in anderen Ortschaften: "So gesehen vergeht die Zeit schnell." Ans Flachland mussten sich die beiden Tiroler gewöhnen. "Als Abwechslung tut es gut, aber auf Dauer - nein, danke", meint Stauder.

Während die zwei Soldaten noch einmal durch die Gemeinde patrouillieren, herrscht nächtliche Stille, die nur unterbrochen wird, wenn die beiden ein paar Worte wechseln oder ein Auto vorbeifährt. Aus einer Hauseinfahrt ertönt kurz Hundegebell. Danach ist es wieder ruhig, lediglich das Geräusch der Schritte ist leise zu hören. "24 (Bezeichnung des Trupps, Anm.) meldet sich ab", verabschiedet sich der Gruppenkommandant vom Major. Die beiden Soldaten setzen danach ihre Patrouille durch Siegendorf alleine fort.

Einige Kilometer südwestlich sind in Mattersburg Stabswachtmeister Bernd Kleinlercher und Rekrut Lukas Schmutz bei der Arena, einem Einkaufszentrum, angekommen. Eigentlich sei heute auch ein historisches Datum, meint der Unteroffizier, der seit 16 Jahren Uniform trägt. Schließlich habe der Einsatz fast ein Vierteljahrhundert gedauert. Im "neuen" Assistenzeinsatz sei er zweimal gewesen, was den alten betrifft, "da hab ich aufgehört, zu zählen, aber sicher zwölf- bis dreizehnmal".

Bei seinen Einsätzen hat er einiges erlebt: Zweimal lagen Fahrzeuge nach Unfällen im Straßengraben, zum Glück befanden sich keine Insassen mehr darin. "Einmal habe ich einen Betrunkenen vor meinem Auto gefunden", schildert der Unteroffizier. Und einmal war der Tiroler beim Aufgriff von 15 Personen dabei, unter ihnen viele Kinder und Frauen: "Das war das prägendste Ereignis."

Nachdem der Trupp im Bezirk Mattersburg unterwegs war, geht es zurück in Richtung Zugsgefechtsstand nach Siegendorf. Dort ist Oberwachtmeister Diego Pietrunti bereits seit 4 Uhr Früh - seit rund 23 Stunden - im Dienst. Im Magazin neben der Kanzlei reiht sich auf mehreren Tischen verteilt, Kiste an Kiste und wartet darauf, mit Ausrüstung gefüllt zu werden. In Regalen sind Gegenstände des täglichen militärischen Gebrauchs für den Assistenzeinsatz gelagert - Nachtsichtgeräte, Feldstecher, bis hin zum Ladegerät fürs Handy. Die zurückkehrenden Trupps müssen noch Teile ihrer Ausrüstung abgeben, dann ist das Inventar komplett.

Nach Ende des Streifendienstes warten noch andere Aufgaben: Die großen Lagekarten müssen abgenommen, die Unterkünfte gereinigt und Telefone sowie anderes Arbeitsgerät in Eisenstadt zurückgegeben werden. Das werden die Soldaten heute, Donnerstag, tun. Dem Oberwachtmeister ist von Aufbruchsstimmung nicht viel anzumerken: Auch der letzte Dienst verlaufe ganz normal, "nichts Aufregendes. Wir machen da nicht irgendein Trara daraus. Das einzige, was ein bisschen anders ist, ist dass wir schon in den Startlöchern stehen für morgen fürs Abgeben."

Mittlerweile ist der Donnerstag angebrochen. Um 0.35 Uhr ist es schließlich soweit: Die letzten Trupps, die noch unterwegs waren, sind beim Zugsgefechtsstand eingetroffen. Die Soldaten treten bei der Lade- und Entladestation, einer mit Sand gefüllten Kiste, in einer Linie an. "Entladen", befiehlt der Kommandant. "Jawohl, entladen" wiederholen die Männer der militärischen Routine folgend die Anordnung. Einer nach dem anderen tritt vor, nimmt das Magazin vom Sturmgewehr ab und überprüft anschließend seine Waffe auf Sicherheit. Danach treten sie zum letzten Mal vom Dienst und verschwinden in der Unterkunft - und der Assistenzeinsatz im Burgenland ist nach mehr als 21 Jahren Geschichte.