Erstellt am 04. Juli 2011, 11:59

Ermittlungen nach Enthaftung wieder am Anfang. Nach der am Sonntag erfolgten Enthaftung jenes 50-jährigen Wieners, der Freitag früh als Verdächtiger im Kriminalfall Julia Kührer festgenommen worden war, stehen die Ermittlungen der Polizei definitiv wieder am Anfang.

Das Skelett des am 27. Juni 2006 im Alter von 16 Jahren verschwundenen Mädchens aus Pulkau (Bezirk Hollabrunn) wurde zwar vollständig gefunden. Es gibt aber weiterhin keine Hinweise auf eine Todesursache (die Gerichtsmedizin ermittelt), den Tatort und -zeitpunkt sowie auf ein Motiv. Allfällige Verdächtige fehlen ebenfalls.

Bereits im Mai 2010 waren im Zusammenhang mit dem Verschwinden Julia Kührers drei Personen festgenommen, aber nach wenigen Tagen ebenfalls wieder freigelassen worden. Es handelte sich um eine damals 27-Jährige, ihren ein Jahr jüngeren Ex-Freund und den 21 Jahre alten Bruder der Frau. Für den zuständigen Korneuburger Haftrichter waren die Indizien nicht ausreichend, um weiter vom von der Staatsanwaltschaft angenommenen dringenden Tatverdacht in Richtung Freiheitsentziehung auszugehen.

Das Bundeskriminalamt (BK) verfolgte den Fall Kührer ab März 2010 im Rahmen eines Cold Case Managements wieder intensiv. Im Zuge der neu aufgerollten Erhebungen stellte sich heraus, dass das Mädchen an jenem 27. Juni 2006 nach der Heimfahrt mit dem Schulbus noch um 13.30 Uhr am Hauptplatz in Pulkau mit drei Jugendlichen gesehen worden war, die aus einem silbernen Auto gestiegen waren.

Friedrich Köhl, Sprecher der Staatsanwaltschaft Korneuburg, sagte am Montag, dass die Enthaftung des 50-Jährigen nicht kommentiert werde. Es handle sich um eine Entscheidung eines Richters, die zu akzeptieren sei. Die "Verneinung eines dringenden Tatverdachts" sei jedoch "keine völlige Verdachtsentkräftung", so Köhl.

Die Staatsanwaltschaft hatte am Sonntag die Verhängung der U-Haft beantragt. Es bestehe Mordverdacht, hatte Köhl am frühen Vormittag gesagt. Dazu lägen Flucht- und Verdunkelungsgefahr vor - letztere, weil Mittäter nicht ausgeschlossen werden könnten. Am Nachmittag gab es die Wende: Der Verdächtige wurde enthaftet. Der zuständige Richter habe den Mann vernommen, "in der Folge das Vorliegen eines dringenden Tatverdachtes verneint und den Antrag auf Haftverhängung abgewiesen". Der Anklagebehörde steht nach der schriftlichen Beschlussausfertigung, die noch am (heutigen) Montag zu erfolgen hat, "das binnen 14 Tagen ab Zustellung einzubringende Rechtsmittel der Beschwerde an das Oberlandesgericht Wien zu".

In Dietmannsdorf 3 in der Gemeinde Zellerndorf (Bezirk Hollabrunn), einem Grundstück, über das der 50-jährige Wiener Verfügungsberechtigter ist und wo das letztlich vollständige Skelett Julia Kührers in einem Erdgewölbe gefunden wurde, waren die polizeilichen Erhebungen am Montag weiterhin im Gang. Das haben das BK und die Staatsanwaltschaft bestätigt.

Laut Köhl wartet man überdies auf das gerichtsmedizinische Gutachten der Untersuchung der sterblichen Überreste des Mädchens. DNA-Spuren am Auffindungsort des Skeletts, wo es auch Brandspuren gibt, würden ebenfalls untersucht.

Enthafteter hofft auf Klärung, "damit ich Ruhe habe"

Im Interview mit dem ORF-Radio "Ö3" sieht der am Sonntag im Kriminalfall Julia Kührer enthaftete 50-jährige Wiener seinen einzigen Fehler darin, dass er sein Haustor - in Dietmannsdorf 3 in der Gemeinde Zellerndorf (Bezirk Hollabrunn), wo das Skelett des Mädchens gefunden wurde - nicht abgesperrt habe. Er hoffe, dass der Täter gefunden werde, "damit ich meine Ruhe habe". Es gehe ihm nicht gut, so der Mann.

Zum "Kurier" sagte der Wiener auf die Frage, warum er keinen Anwalt genommen habe: "Ich habe nichts zu verbergen." Im Gespräch mit der Tageszeitung merkte er auch an, dass bereits vor zwei Jahren Beamte "da" gewesen seien. "Mit einem Hund", habe seine Lebensgefährtin ergänzt. Die Fahnder hätten sich "umschauen" wollen. "Es gab keinen Durchsuchungsbefehl. Ich hab' ihnen gesagt: Kommen Sie rein, ich habe ja nichts zu verstecken." Die Beamten seien "überall" gewesen. "Auch in dem Keller."

Die Aktion sei im Akt nicht aufgeschienen, sagte der 50-Jährige laut "Kurier" weiter. "Deshalb hat man während der Vernehmung die Beamten angerufen, die bestätigt haben, dass sie bei mir waren." "Niemand" rechne mit einer Leiche in seinem Keller. "Irgendwer muss sie in den vergangenen beiden Jahren dort abgelegt haben. Ich war nicht mehr dort."

Der Freitag früh festgenommene 50-Jährige hatte laut Bundeskriminalamt (BK) bereits bei den Einvernahmen im Landeskriminalamt in St. Pölten wiederholt betont, mit einem Verbrechen an Julia Kührer nichts zu tun zu haben. Er merkte dabei auch an, dass die Leiche auf dem Grundstück abgelegt worden sei. Die polizeilichen Befragungen des Mannes dauerten bis Samstagabend.

"Sie können sich gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin", wurde der Wiener in "Österreich" zitiert. Die Ermittler seien "alle fair" zu ihm gewesen. "Besonders der Haftrichter war ein leiwander Typ." Dass er das Haustor nicht abgesperrt habe, bezeichnete der Enthaftete in der Tageszeitung als "wirklich blöd". "Da konnte doch jeder rein!"

"Mein einziger Fehler, den ich begangen habe, ist, dass ich mein Haustor - das Eingangstor zum Grundstück - nicht abgesperrt habe. Jeder, der dort wohnt und vorbeigekommen ist, konnte hinein. Jeder hatte Zutritt", sagte der Wiener im "Ö3"-Interview. Veränderungen habe er am Grundstück keine bemerkt. "Der Verschlag war immer dort, weil ich einen Hund hatte und weil ich nicht wollte, dass er in den Keller hinuntergeht. Vor einiger Zeit war die Landesregierung bei mir. Es wurde gesagt, dass der Weinkeller einsturzgefährdet ist und dass er geschlossen werden sollte."

Julia Kührer habe er von der Videothek aus gekannt, so der Wiener weiter. Vielleicht zwei- oder dreimal sei sie mit ihrem Freund im Geschäft gewesen. "Es war aber nicht so, dass wir telefoniert, SMS geschrieben, uns getroffen hätten oder auf einen Kaffee gegangen sind." Auf die Frage, warum er seine Videothek einige Zeit nach dem Verschwinden des Mädchens geschlossen habe, antwortete der Mann, dass er keine Einnahmen mehr gehabt habe und ihm der Strom abgedreht worden sei. "Ich konnte die Miete nicht mehr zahlen." Der 50-Jährige habe die Geschäftsaufgabe mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten erklären können, sagte BK-Ermittlungsleiter Ernst Geiger bereits am Freitagabend.

Am (heutigen) Montag wollte der Mann trotz all der vorangegangenen Aufregungen laut "Kurier" und "Österreich" wieder arbeiten gehen. "Ich bin Fahrer in einer Transportfirma."