Erstellt am 03. September 2015, 13:55

von Bettina Eder

Flüchtlinge aus Zug in ungarisches Aufnahmelager gebracht. Kurz nach seiner Abfahrt aus Budapest ist der Zug mit bis zu 300 Flüchtlingen in der Nähe eines der größten Aufnahmelager Ungarns wieder gestoppt worden.

 |  NOEN, HERBERT P. OCZERET (APA)

Flüchtlingschaos in Budapest: Nachdem die Polizei am Donnerstag in der Früh die Blockade des Ostbahnhofs für Flüchtlinge beendet hat, haben sich auf den Bahnsteigen chaotische Szenen abgespielt. Hunderte Flüchtlinge, die seit Tagen vor dem Gebäude ausgeharrt hatten, strömten auf die Bahnsteige. Zwei Züge, die vorgeblich Richtung München über Sopron fahren sollten, wurden von der Polizei gestoppt.

Nur rund 40 Kilometer westlich der ungarischen Hauptstadt hielt die ungarische Polizei einen Zug Richtung Sopron mit Hunderten Flüchtlingen an Bord an und forderte die Reisenden zum Aussteigen auf. In der ungarischen Stadt Bicske warteten laut der ungarischen Nachrichtenagentur MTI Polizisten, Dolmetscher und rund 20 Busse auf die Flüchtlinge, um sie in das nahegelegene Flüchtlingslager zu bringen.

Zahlreiche Migranten weigerten sich in die Busse zu steigen. Viele Flüchtlinge schlugen gegen die Fenster und riefen "Kein Lager, kein Lager", wie ein Reuters-Reporter berichtet.

Flüchtlinge legten sich auf Gleise

Flüchtlinge, die sich auf die Gleise gelegt hatten, wurden festgenommen. Auch ein zweiter Zug Richtung Györ wurde in Bicske gestoppt. Vor der Abfahrt aus Budapest drängten noch zahlreiche Menschen aus den Waggons, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass sie dieser Zug auch nicht nach Deutschland bringen würde, sondern in ein Flüchtlingslager fahren werde.

Den Ort Bicske riegelte die Polizei ab und erklärte ihn zum Einsatzgebiet. Die Medienvertreter wurden zum Verlassen aufgefordert. Laut einem Reuters-Reporter setzte die Polizei auch Schlagstöcke ein, um Journalisten zu vertreiben.

Die Flüchtlinge waren am Vormittag am Budapester Ostbahnhof in den Zug gedrängt. Als Ziel wurde die ungarische Grenzstadt Sopron genannt. Über Österreich sollten die Flüchtlinge nach München gebracht werden, hatte ein Polizist am Bahnsteig erklärt. Zugleich hatte die ungarische Eisenbahngesellschaft MAV erklärt, es gebe bis auf Weiteres keine direkten Züge von Budapest nach Westeuropa. Am Vormittag fuhren auch keine Züge von Österreich direkt in die ungarische Hauptstadt.

Auch die tschechische Eisenbahn CD teilte mit, dass die internationalen Eurocity-Zugverbindungen von Berlin über Prag nach Budapest seit Donnerstagvormittag im ungarischen Grenzbahnhof Szob beginnen oder enden. In Szob müssten die Reisenden in Regionalzüge umsteigen.

Unklarheit bei ÖBB

Bei der ÖBB herrschte Unklarheit über die Planungen in Ungarn. Über den Sonderzug nach Sopron sei man nicht informiert worden, sagte ÖBB-Sprecher Michael Braun. Allerdings wurden Vorbereitungen getroffen für den Fall, dass die ungarische Bahn doch noch Züge von Budapest nach Sopron führen sollte. "Dann werden wir Doppelstockzüge, die derzeit in Wulkaprodersdorf stehen bleiben, nach Sopron verlängern", so Braun. Auf ihrer Homepage rieten die ÖBB generell von Bahnreisen nach Ungarn ab. Auch die Bahnhöfe in Salzburg und Wien bereiteten sich auf einen möglichen neuerlichen Flüchtlingsansturm vor.

Da es keine Informationen über den Gesundheitszustand der Flüchtlinge gibt, ist die Berufsrettung Wien - MA 70 vorsorglich bereits mit Spezialfahrzeugen sowie Rettungstransportwagen zu Hauptbahnhof bzw. Westbahnhof ausgerückt. In den beiden Großraum-Fahrzeugen K2 und K3 können jeweils bis zu 15 Personen gleichzeitig untersucht und erstversorgt werden. Unterdessen schickte die Caritas Mitarbeiter nach Sopron und Budapest, "damit wir uns ein besseres Bild machen können, sagte Sabine Wartha, Leiterin Caritas Katastrophenhilfe. In Budapest soll abgeklärt werden, was die Flüchtlinge am dringendsten benötigen.

Am Bahnhof in Sopron gab es keinerlei Hinweise darauf, dass Züge mit Flüchtlingen aus Budapest ankommen werden. Weder wurde das Bahnpersonal aufgestockt noch Exekutivkräfte hinzugezogen, auch die Bahnhofsdirektion hatte keinerlei Information über einen "Flüchtlingszug".

Nachdem die Flüchtlinge in Bicske aus den Zügen geholt wurden, kam es in Budapest vor dem Bahnhof erneut zu lautstarken Protesten von Flüchtlingen. "Germany, Germany!" skandierten rund 100 junge Männer. Die Polizei nahm im Inneren des Gebäudes mit Helmen und Schlagstöcken Aufstellung. In Richtung Gebäude drängten die Migranten vorerst nicht.

Flüchtlinge - Polizei im Burgenland gerüstet

Die Polizei im Burgenland ist für Flüchtlinge aus Zügen "im Großen und Ganzen gerüstet". Das teilte Polizeisprecher Gerald Pangl mit. "Wir gehen aber nicht davon aus, dass Flüchtlinge in Sopron aus dem Zug steigen und zu Fuß die Grenze passieren werden", sagte er.

Grund für diese Annahme seien die Geschehnisse der vergangenen Tage und Stunden. "Wir gehen davon aus, dass die Flüchtlinge von Ungarn nach Deutschland reisen wollen", erklärte Pangl. "Die schwerpunktmäßigen Kontrollen im grenznahen Bereich sind weiterhin aufrecht, alle Kontrollpunkte sind besetzt. Wir werden auf die Situation entsprechend reagieren", meinte der Polizeisprecher und verwies darauf, dass die Zahl der Aufgriffe in den vergangenen Tagen konstant gewesen sei.

Seitens des Roten Kreuzes Burgenland ist man bei der Versorgung flexibel. "Es wird niemand hungern, wenn uns die Polizei den Auftrag gibt, Menschen zu versorgen", versicherte Sprecher Tobias Mindler. Wie es nun weitergehe, hänge allerdings "ganz massiv davon ab, wie sich die ungarische Polizei verhält".

Sollten Flüchtlinge sich zu Fuß auf den Weg nach Österreich machen und die Grenze in Klingenbach (Bezirk Eisenstadt-Umgebung) passieren, könnten sie in der Sammelstelle in Schattendorf (Bezirk Mattersburg) oder in Nickelsdorf (Bezirk Neusiedl am See) versorgt werden. "Es gab auch schon eine kurzfristige Versorgung in einer Rot-Kreuz-Bezirksstelle. Auch das wäre möglich. Wir sind für flexible Lösungen immer zu haben", sagte Mindler. Laut Pangl gebe es derzeit auch noch Kapazitäten in der Asfinag-Halle in Parndorf und in Heiligenkreuz.

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