Erstellt am 04. September 2015, 16:39

Flüchtlingsdrama auf A4 - Erstickungstod noch in Ungarn. Bei dem Flüchtlingsdrama mit 71 Opfern auf der Ostautobahn (A4) im Burgenland geht die Polizei davon aus, dass die Flüchtlinge im Kühl-Lkw noch in Ungarn und "innerhalb kürzester Zeit" erstickt sind.

71 Tote im Kühl-Lkw auf der A4-Autobahn - ein Fall, der um die Welt ging. Der Schremser Altbürgermeister Reinhard Österreicher, zugleich Bezirksstellenleiter-Stellvertreter des Roten Kreuzes in Gmünd, setzt auf mehr Information: "Zeigt man die Schicksale von Flüchtlingen, dann findet man so viele Unterstützer..."  |  NOEN, APA/Roland Schlager

Bei einem zweiten Transport unter ähnlichen Umständen war es 81 Flüchtlingen gelungen, während der Fahrt eine Türe zu öffnen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt könne man allerdings "noch nicht hundertprozentig sagen, was die Todesursache ist", so Doskozil. Ein gerichtsmedizinisches Gutachten, für das auch Gewebeproben untersucht wurden, stehe noch aus. "Es dauert durchaus noch fünf bis sechs Wochen, bis hier das endgültige Gutachten vorliegt."

DNA-Spuren passen zu Schlepper-Bande

Mittlerweile stehe fest, dass es sich bei den Festgenommenen um jene Tätergruppe handle, die die Schleppung am 26. bzw. 27. August durchgeführt habe. Ebenso stehe fest, "dass unter den fünf in Ungarn festgenommenen Verdächtigen auch derjenige ist, der das Fahrzeug gelenkt hat", sagte Doskozil. Dies sei durch einen am Fahrzeug sichergestellten Handflächenabdruck verifiziert worden, der dem Verdächtigen "eindeutig" zuzuordnen sei. Im Fahrzeug seien mehrere DNA-Spuren sichergestellt worden, die dieser Person zuzuordnen seien. Zusätzlich gebe es drei Zeugenaussagen, die dies untermauern würden.

Der Lkw sei am 26. August um 5.00 Uhr an der serbisch-ungarischen Grenze gestartet und dann über die Autobahn M5 und später die M1 Richtung Österreich gefahren. Am Vormittag habe das Fahrzeug die Grenze überschritten. Am Tag darauf entdeckten in Parndorf (Bezirk Neusiedl am See) Polizisten die Leichen im Fahrzeug.

Fahrzeug war luftdicht verschlossen

Die technische Untersuchung des Lkw sei bereits abgeschlossen. Erste Erkenntnisse gingen dahin, "dass das Fahrzeug luftdicht verschlossen war", das Kühlaggregat sei nicht angeschlossen gewesen und hätte auch keine Frischluftzufuhr ermöglicht. Ebenso bereits abgeschlossen sei die erste Phase der Identifizierungsmaßnahmen sowie die Obduktionen. Insgesamt wurden über 350 Gegenstände, darunter Rucksäcke über Kleidungsstücke, untersucht. Bisher habe man noch niemand identifiziert. Dies soll nun in der nächsten Phase geschehen, sagte Doskozil.

300 Hinweise per Hotline

Inzwischen seien über 300 Hinweise bei der Hotline der Polizei eingegangen, auch erste DNA-Spuren von behaupteten Angehörigen seien abgenommen worden. Bei acht Opfern seien bereits Treffer in der Eurodac-Datenbank registriert worden - vier aus Griechenland und vier aus Bulgarien.

Aus den 17 sichergestellten Reisedokumenten gehe hervor, dass es sich um eine gemischte Gruppe von Geschleppten handle, die vermutlich aus Syrien, dem Irak und Afghanistan stammten. Von 40 gefundenen Handys wurden bisher 16 einer ersten Auswertung unterzogen.

Alle sechs von der Staatsanwaltschaft Eisenstadt erwirkten europäischen Haftbefehle seien bereits vollzogen worden, sagte Verena Strnad, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Eisenstadt. Fünf Verdächtige wurden in Ungarn, einer in Bulgarien festgenommen.

Verfahren in Österreich und Ungarn möglich

"Es gibt keinen Zuständigkeitskonflikt zwischen einzelnen Ländern", stellte der Leiter der Staatsanwaltschaft Eisenstadt, Johann Fuchs, fest. Bei den Ermittlungen habe Eurojust in Den Haag die internationale Koordinierung der Tätigkeiten von Justiz- und Polizeibehörden übernommen. Ein Hauptverfahren könnte "bei dieser Konstellation" sowohl in Österreich als auch in Ungarn geführt werden. Ziel sei aber, "dass der gesamte Komplex in einem Verfahren durchgeführt wird, also entweder in Ungarn zur Gänze oder in Österreich zur Gänze." Eine endgültige Entscheidung sei nicht dringlich, weil ohnehin noch beide Länder mit den Ermittlungen beschäftigt seien.

Die Staatsanwaltschaft Eisenstadt ermittle in Richtung Schlepperei, vorsätzliche Gemeingefährdung und Mord. Für vorsätzliche Gemeingefährdung mit Todesfolge und Mord seien lebenslängliche Freiheitsstrafen möglich, sagte Fuchs.

Zweite Tätergruppe wurde überführt

Durch die Veröffentlichung von Fotos sei die Polizei auf einen zweiten dieser Tätergruppe zuzuordnenden Fall aufmerksam geworden, berichtete Doskozil: Am Tag, an dem die 71 toten Flüchtlinge in Parndorf entdeckt wurden, seien 81 Personen in einem "fast bauartgleichen Fahrzeug" von Ungarn nach Österreich geschleppt worden. Diese Flüchtlinge seien in einer ähnlich lebensbedrohenden Situation gewesen. Den 81 Personen im zweiten Lkw sei es gelungen, "mit einem Brecheisen die Seitentür des Fahrzeugs während laufender Fahrt zweimal zu öffnen, weil zu wenig Luft im Lkw war", erklärte Doskozil. Offenbar sei der Fahrer dann jeweils stehen geblieben und habe das Fahrzeug wieder verschlossen.

Bei einem Kreisverkehr in Gols im Bezirk Neusiedl am See setzte der Schlepper schließlich die Flüchtlinge aus. Diese Fahrt sei eindeutig einem in Ungarn Inhaftierten zuzuordnen, sagte Doskozil. Beide Schlepper-Fahrzeuge seien unmittelbar vor den Fahrten nach Österreich gekauft und zugelassen worden.

Nachdem man die 81 Personen aufgegriffen habe, seien sie nach Vordernberg zur asylrechtlichen Behandlung gekommen, sagte der Polizeichef. Danach wurden sie teilweise in Traiskirchen, teilweise in Verteilerzentren gebracht.