Erstellt am 27. August 2015, 15:20

von Wolfgang Millendorfer, Bettina Eder und Pia Reiter

Flüchtlingsdrama: Mehr als 70 Tote!. Tote Flüchtlinge in einem abgestellten LKW bei Parndorf. Vom Fahrer fehlt jede Spur.

In dem auf einem Pannenstreifen auf der A4 in der Nähe von Parndorf (Bezirk Neusiedl am See) abgestellten Lastwagen dürften mindestens 30 Flüchtlinge ums Leben gekommen sein. Im Bild: Der abgestellte LKW am Donnerstag, 27. August 2015, auf der A4.  |  NOEN, HANS PUNZ (APA)
In einer Pannenbucht bei Parndorf machte die Polizei am Donnerstag kurz vor Mittag auf der Ostautobahn A4 einen schrecklichen Fund: Tote Flüchtlinge wurden im Laderaum eines abgestellten LKWs entdeckt.

Das Nummernschild des Lkw war von einem Rumänen in der mittel-ost-ungarischen Stadt Kecskemet beantragt worden. Das sagte Janos Lazar, Stabschef von Premier Viktor Orban, bei einer Pressekonferenz in Budapest. Lazar zufolge soll das Fahrzeug dem Mann auch gehören.

Doskozil: „Es ist ein schreckliches Verbrechen“

x  |  NOEN, (APA)
In einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz gaben Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil und das Landeskriminalamt erste Details bekannt.

Doskozil zeigte sich tief betroffen: „Es ist ein schreckliches Verbrechen, das hier im Burgenland auf der A4 zutage getreten ist.“

Demnach erreichte die Polizei in Parndorf am Donnerstag-Vormittag eine Meldung über den in einer Pannenbucht auf der Ostautobahn A4 abgestellten 7,5-Tonner. Beamte der Autobahnpolizeiinspektion Potzneusiedl wollten den Klein-LKW gegen 11:20 Uhr kontrollieren und stellten fest, dass im Bereich der hinteren Tür zur Ladefläche Verwesungsflüssigkeit ausgetreten ist. Das Fahrzeug dürfte auf dem Pannenstreifen bereits seit längerer Zeit abgestellt worden sein.

Exekutive mit ungarischen Kollegen in Verbindung

Der Lastwagen war offenbar Mitarbeitern des Streckendienstes der Asfinag aufgefallen. Er war dort bereits länger abgestellt gewesen. Die Mitarbeiter verständigten schließlich die Polizei.

„Wir haben sofort unsere Strukturen hochgefahren“, so Doskozil weiter. „Es ist verifiziert, dass sich tote Menschen im LKW befinden. Wir können noch nicht sagen, wie viele es genau sind. Es ist ein großer Kühl-LKW.“

x  |  NOEN


Doskozil betonte: „Der Informationsstand ist momentan noch sehr dürftig. Man kann sich vorstellen, wie der Zustand dieser Personen ist. Daher können wir auch noch nicht sagen, um wie viele Tote es sich handelt.“

Es gäbe noch keine konkreten Angaben, wie der Tod eingetreten sei. „Wir gehen aber davon aus, dass es sich um Flüchtlinge handelt“, so Doskozil. Anderen Quellen zufolge seien die Flüchtlinge erstickt.

Innenministerin kämpfte mit den Tränen

Sofort ist die Exekutive mit den ungarischen Kollegen in Verbindung getreten. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. Nach den ersten Tatortmaßnahmen wurden weitere Schritte gesetzt und eine Fahndung eingeleitet. Von den neuesten Entwicklungen berichtet die Polizei dann in einer Pressekonferenz um 18 Uhr.

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner kämpfte mit den Tränen: „Heute ist ein dunkler Tag. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und den Familien der Opfer. Diese Tragödie macht uns alle betroffen. Wir alle wissen, Schlepper sind Kriminelle und wer jetzt noch immer meint, dass es sanftmütige Fluchthelfer sind, dem ist nicht mehr zu helfen. Wir müssen die Schlagzahl im Kampf gegen die Schlepper noch einmal erhöhen. Dazu müssen im Kampf gegen die Schlepper so rasch wie möglich die gesetzlichen Änderungen vorgenommen werden.“

x  |  NOEN, ROLAND SCHLAGER (APA)


Die Kontrollen gegen Schlepper sollen künftig weiter verstärkt werden, so Mikl-Leitner, vor allem auch im grenznahen Raum. „Eines ist uns wichtig: Dass sich die Schlepper nie in Sicherheit fühlen dürfen. Es soll null Toleranz gegen Schlepper in Österreich geben, aber auch in anderen EU-Mitgliedsstaaten.“

Mikl-Leitner weiter: „Die Tragödie führt uns auch vor Augen, wie wichtig es ist, Stützpunkte an den EU-Außenstellen zu errichten, damit die Flüchtlinge sofort Schutz bekommen.“ Die Innenministerin sieht einen klaren Auftrag, die Schlagzahl im Kampf gegen die Schlepperei zu erhöhen: „Die innereuropäische Schlepperei muss ein Ende nehmen.“

Keine Leichenbergung am Tatort möglich

Eine Bergung der bis zu 70 toten Flüchtlinge ist nicht am Tatort möglich. Das sagte Helmut Marban, Sprecher der Landespolizeidirektion Burgenland, am Nachmittag. Ein Abschleppwagen hob die Vorderachse des Schwerfahrzeugs an und fuhr, begleitet von einer Polizeieskorte, mit dem Transporter ab.

x  |  NOEN, ROLAND SCHLAGER (APA)


Der Lkw ist in eine unweit vom Tatort gelegene Halle gebracht worden, die von der Asfinag zur Verfügung gestellt wurde. Wie der Leiter der Staatsanwaltschaft Eisenstadt, Johann Fuchs mitteilte, soll der Lkw dort geöffnet werden.

Die Tatortgruppe der Polizei wird dann weitere Untersuchungen vornehmen, ein an Ort und Stelle befindlicher Gerichtsmediziner wird mit der Befundaufnahme beginnen. "Es hat 31 Grad, insofern eilt die Zeit", sagte Fuchs.

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