Erstellt am 04. Juli 2011, 08:47

Kaisersohn Otto Habsburg 98-jährig verstorben. Otto Habsburg-Lothringen, der älteste Sohn des letzten österreichischen Kaisers und ungarischen Königs Karl I. (IV.), ist 98 jährig verstorben

Er war Ehrenpräsident der Internationalen Paneuropa-Union und ehemaliger Alterspräsident des Europaparlaments. Montag in den frühen Morgenstunden ist er in seinem Haus in Pöcking am Starnberger See in Bayern im Alter von 98 Jahren verstorben. Das teilte seine Pressesprecherin in einer Aussendung mit.

Betroffen über den Tod von Otto Habsburg hat sich Vizekanzler Michael Spindelegger (V) am Montag in einer Aussendung gezeigt: "Mit Otto Habsburg verlieren wir einen glühenden Europäer, der als Vorreiter der paneuropäischen Bewegung maßgeblich an einer friedlichen Öffnung des Eisernen Vorhanges mitgewirkt hat". Laut FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache "verliert Österreich einen großen Staatsmann", laut BZÖ-Obmann Josef Bucher einen "Kämpfer für Österreichs Unabhängigkeit und Freiheit".

"Er hat sich während und nach dem Zweiten Weltkrieg mit allen Kräften für den Weiterbestand eines freien und unabhängigen Österreichs eingesetzt. Dafür und für sein unablässiges Wirken für ein freies und ungeteiltes Europa sind wir ihm dankbar", ehrte Spindelegger den verstorbenen Habsburg posthum. Dieser sei vom friedlichen Zusammenwachsen Europas zutiefst überzeugt gewesen und habe für dieses Ziel seine gesamte politische Kraft eingesetzt. Auch Habsburgs "stetes Eintreten gegen Nationalismus und Kommunismus", würdigte der Vizekanzler.

Auch für Strache ist der Kaisersohn "immer - auch in den dunkelsten Zeiten - kompromisslos für Österreich eingetreten" und habe sich stets für sein Land eingesetzt. Auch wenn die Republik - "namentlich die SPÖ" - nicht immer anständig mit der Familie Habsburg umgegangen sei, so habe sich Habsburg "doch stets seine Liebe für das Land bewahrt und sich politisch vorbildlich für Österreich engagiert".

Bucher sprach von einer beeindruckenden Persönlichkeit, die im Rahmen der Paneuropa-Union eine große Anzahl an Jugendlichen für das Friedensprojekt Europa begeistern habe können. "Dr. Otto Habsburg war aber auch ein Mensch und Politiker, der sich kein Blatt vor den Mund genommen und viele Missstände richtigerweise angesprochen hat." Bucher würdigte ebenfalls den Kampf Habsburgs gegen das Nazi-Regime.

Der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer kondolierte am Montag der Familie Otto Habsburgs. Er äußerte in einer Aussendung seine "aufrichtige Anteilnahme zum Tode ihres langjährigen Familienoberhauptes". Bundeskanzler Werner Faymann (S) zeigte sich "sehr betroffen". Kardinal Christoph Schönborn würdigte Habsburg als "großen Europäer von katholischer Weite".

Mit Habsburgs Tod sei "eine Persönlichkeit von uns gegangen, deren Name in vielfältiger Weise mit der Geschichte unseres Landes verknüpft ist", sagte Fischer. Er erinnerte daran, dass Habsburg vor genau 50 Jahren die "zunächst umstrittene Verzichtserklärung auf alle Herrschaftsansprüche" abgab und sich "als getreuer Staatsbürger der Republik Österreich" bekannte. Und betonte, "dass sich das Verhältnis zwischen der Republik Österreich und Dr. Otto Habsburg in den letzten Jahrzehnten in vernünftiger und positiver Weise entwickelt hat".

Faymann würdigte den langjährigen Europapolitiker als "historische Persönlichkeit, deren Leben mit der österreichischen Geschichte vielfältig verbunden war". Besonders hob der Kanzler Habsburgs "entschiedene Gegnerschaft zu Nationalsozialismus und Faschismus" hervor und "sein beherztes Auftreten für ein friedliches und vereintes Europa und für den Fall des Eisernen Vorhangs" nach dem Zweiten Weltkrieg.

Schönborn hat es "immer geschmerzt", dass es in Österreich "so lange gedauert hat, bis es zu einer angemessenen Dankbarkeit gegenüber dem Haus Habsburg gekommen ist". Es werde dem Land gut tun, beim Requiem und der Beisetzung in der Kapuzinergruft "im Gebet und in Dankbarkeit an diesen großen Habsburger zu denken". Denn der Verstorbene sei "zweifellos einer der ganz großen Europäer", der "gemeinsam mit Robert Schuman, Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi in die Reihe der 'Architekten des Europagedankens und der europäischen Integration' gestellt werden" könne, betonte Schönborn - der als Ordenskaplan des Habsburger Haus-Ordens der Ritter vom Goldenen Vlies zugleich eine Art Hausseelsorger für das Haus Habsburg ist.



Die wichtigsten Daten im Leben von Otto Habsburg

Otto Habsburg-Lothringen war als Kind des 1918 entthronten Kaisers Karl der letzte Kronprinz der österreichisch-ungarischen Monarchie. Ein Rückblick auf sein bewegtes Leben:

- 20. November 1912: In der Villa Wartholz bei Reichenau an der Rax in Niederösterreich kommt das erste Kind von Erzherzog Karl, dem Großneffen von Kaiser Franz Joseph I., und Erzherzogin Zita zur Welt. Die Mutter, eine geborene Prinzessin von Bourbon-Parma, ist eine Tochter des vertriebenen letzten Herzogs von Parma. Das Kind wird am 25. November auf die Namen Franz Joseph Otto Robert Maria Anton Karl Max Heinrich Sixtus Xaver Felix Renatus Ludwig Gaetan Pius Ignatius durch den Wiener Erzbischof Kardinal Franz Xaver Nagl getauft. Taufpate ist der Kaiser.

- 21. November 1916: Kaiser Franz Joseph stirbt. Durch die Thronbesteigung von Karl I. wird Erzherzog Otto Kronprinz von Österreich-Ungarn.

- 11. November 1918: Kaiser Karl verzichtet auf "jeden Anteil an den Staatsgeschäften", vermeidet aber eine ausdrückliche Abdankung. Am darauffolgenden Tag wird die Republik ausgerufen. Die Familie wird auf Schloss Eckartsau im Marchfeld untergebracht.

- 24. März 1919: Der Ex-Kaiser und seine Familie gehen ins Zwangsexil in die Schweiz. Durch die am 3. April verabschiedeten Habsburger-Gesetze (Landesverweisung, Enteignung) wird die Dynastie ihrer Herrscherrechte und sonstigen Vorrechte für verlustig erklärt. Nach zwei misslungenen Restaurationsversuchen in Ungarn wird die Familie auf Beschluss der Siegermächte des Ersten Weltkriegs Ende 1921 nach Madeira verbannt.

- 1. April 1922: Ex-Kaiser Karl I. stirbt in der Villa Quinta do Monte bei Funchal und hinterlässt acht Kinder. Otto wird Oberhaupt des Hauses Habsburg-Lothringen unter der Vormundschaft seiner Mutter Zita und Thronprätendent.

- Mai 1922: Übersiedlung nach Spanien, u.a. in das baskische Fischerstädtchen Lequeitio.
- Oktober 1929: Die Familie lässt sich in Belgien nieder. Nach mit Auszeichnung bestandener Reifeprüfung Studium der Staats- und Sozialwissenschaften an der Universität Löwen. Annahme des lothringischen Titels Herzog von Bar. (Otto ist direkter Nachkomme in siebenter Generation von Franz Stephan von Lothringen - als römischer Kaiser Franz I., dem Gemahl Maria Theresias.)

- 1935: Promotion mit einer Arbeit über das gewohnheitsrechtliche und gesetzliche bäuerliche Erbrecht in Österreich. Die Ständestaats-Regierung von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg hebt im Juli die Landesverweisung auf. 1.603 österreichische Gemeinden verleihen dem Thronprätendenten die Ehrenbürgerschaft.

- 1936: Mitglied der von Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi gegründeten "Paneuropa-Union".

- 17. Februar 1938: Brief an Schuschnigg mit der Aufforderung zur Bildung einer gegen Hitler gerichteten Allparteienregierung. Otto erklärt sich bereit, zur Verteidigung Österreichs selbst Bundeskanzler zu werden. Hitler lässt die Einmarschpläne mit dem Code-Namen "Unternehmen Otto" versehen. Am 20. April titelt das NSDAP-Organ "Völkischer Beobachter": "Habsburgs entartetster Spross ein landesflüchtiger Verbrecher". Deutscher Steckbrief vom 22. April.

- Mai 1940: Flucht von Luxemburg (dessen regierende Großherzogin Charlotte mit einem Bruder von Ex-Kaiserin Zita verehelicht ist) nach Frankreich und von dort über Portugal in die USA. Mehrere Zusammenkünfte mit Präsident Franklin D. Roosevelt und Außenminister Cordell Hull.

- August 1943: Zusammenkunft mit Roosevelt und dem britischen Premierminister Winston Churchill in Quebec. Wenige Wochen später legen sich die Alliierten auf die Wiederherstellung der Souveränität Österreichs fest ("Moskauer Deklaration" vom 1. November).

- 1944-54: Exil in Frankreich und Spanien. Aufenthalt in Tirol in der zweiten Jahreshälfte 1945. Die Provisorische Staatsregierung setzt Landesverweisung wieder in Kraft. In einem Brief an Roosevelts Nachfolger, Harry Truman, hatte Otto von einer Anerkennung dieser von Karl Renner geführten Regierung abgeraten. Am 10. Mai 1951 Heirat mit Prinzessin Regina von Sachsen-Meiningen in Nancy.

- 1954: Die Familie lässt sich in der "Villa Austria" in Pöcking am Starnberger See in Bayern nieder.

- 1957 - Innenminister Oskar Helmer (SPÖ) legt den Namen "Dr. Otto Habsburg-Lothringen" fest. Die Führung des dynastischen Namens "Otto von Österreich" wird amtlich untersagt. Der Reisepass trägt den Vermerk "Gültig für alle Staaten der Welt, ausgenommen Österreich".

- 31. Mai 1961: Verzichtserklärung gemäß Habsburger-Gesetz. Verfassungsgerichtshof erklärt sich für nicht zuständig, Verwaltungsgerichtshof entscheidet 1963, dass sie ausreichend sei ("Habsburg-Krise", von der SPÖ zur Staatsaffäre gemacht).

- 31. Oktober 1966: Erste Wiedereinreise nach Österreich.

- 1972: Handschlag mit dem SPÖ-Vorsitzenden Bundeskanzler Bruno Kreisky anlässlich des 50-jährigen Paneuropa-Jubiläums.

- 1973: Wahl zum Präsidenten der Internationalen Paneuropa-Union.

- 1978: Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft.

- 1979: Wahl ins Europaparlament auf der Liste der bayerischen CSU. Wiederwahl 1984, 1989 und 1994. Mitglied der CSU seit 1982. Alterspräsident des Europäischen Parlamentes 1997.

- 2007: Empfang durch Bundespräsident Heinz Fischer in der Hofburg.