Erstellt am 12. Juni 2011, 09:30

Kellerleichen: Immer mehr Details. Die Tage von der Auffindung der Kellerleichen in Wien-Meidling bis zur Verhaftung der als Doppelmörderin verdächtigen Goidsargi Estibaliz C. hätten Krimi-Autoren nicht besser inszenieren können.

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Recherchen stießen auf ein Katz- und Maus-Spiel zwischen einer Flüchtigen, die immer wieder durch falsche Spuren die Ermittler in die Irre zu führen suchte, und den sie verfolgenden Beamten. Dass die 32-jährige Spanierin dringend verdächtig ist, mit den Leichen im Keller zu tun zu haben, war demnach für die Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA, Gruppe Fleischhacker) nicht einmal 24 Stunden nach der Entdeckung des ersten Toten klar.

Die Vorgeschichte: Im November 2010 verschwand der zu diesem Zeitpunkt in Niederösterreich gemeldete Eismaschinenvertreter Manfred H., der zu diesem Zeitpunkt mit Estibaliz C. liiert war und höhere Geldsummen in ihr Lokal investierte. Zunächst ermittelte die Außenstelle Süd in dem Vermisstenfall, die wegen der Meldeadresse des Verschwundenen die Causa aber sehr schnell an das Landeskriminalamt Niederösterreich abgab. Die Fahnder dort durchleuchteten den Fall sehr genau, kontrollierten die Anrufe auf dem Mobiltelefon des Verschwundenen ebenso wie Handygespräche seiner Freundin. Doch die Leiche tauchte nicht auf.

Am Abend des vergangenen Montag waren Bauarbeiter im Keller des Hauses in der Oswaldgasse 1 damit beschäftigt, den Abfluss eines Friseurs neu zu machen. Neben dem Frisiersalon befinden sich in dem Gebäude auch ein Kebablokal und das Eisgeschäft "Schleckeria", das Estibaliz C. gehört. Es handelt sich um einen sehr alten Keller mit mehreren Abteilen, von denen manche Hausparteien zugeordnet sind, andere nicht. Die Arbeiter mussten mehrere Abteile öffnen. In einem davon fanden sie nur Gerümpel, wie sie zunächst glaubten.

Doch beim Ausräumen entdeckten sie nicht nur Waffen - letztendlich waren es zwei Gewehre und eine Pistole -, sondern auch ein Bein, einbetoniert in einer Mörtelwanne. Die Arbeiter verständigten die Polizei. Zunächst rückten die Ermittler der Außenstelle Süd des LKA aus, verständigten aber bald darauf die LKA-Zentrale. Die Gruppe Fleischhacker übernahm um Mitternacht den Fall. Im Laufe des Dienstag fanden sie eine Leiche, zerstückelt in mehrere Teile. Bei einem der einbetonierten Stücke lag auch ein Handy.

Durch die früheren Ermittlungen im Vermisstenfall Manfred H. lag Vergleichsmaterial für einen DNA-Test vor. Und auch zum Handy gab es durch die alten Erhebungen gleich Spuren. Das Mobilelefon ordneten die Polizisten noch am Dienstag Estibaliz C. zu. Das DNA-Testergebnis lag am Nachmittag ebenfalls vor: Es handelte sich um Manfred H. Noch am Dienstagnachmittag hatten die Ermittler einen Haftbefehl gegen seine Freundin in Händen.

Doch die hatte bereits ihre Vorkehrungen getroffen: Am Vormittag war sie zu ihrem Eisgeschäft gekommen. Ein Nachbar erzählte ihr, was sich im Keller abspielte. Estibaliz C. dürfte nicht lange gezögert haben: Sie sprang in ein Taxi, organisierte sich innerhalb kürzester Zeit den Pass und ein Sparbuch, das sie offenbar griffbereit hatte, löste es auf und fuhr zum Flughafen Wien. Um 13.00 Uhr war sie dort, kaufte ein Ticket, aber nicht, wie ursprünglich angenommen, in ihre Heimat. Sie wollte mit einer Air France-Maschine nach Paris.

Auch die Ermittler waren schnell: Sie erfuhren in der Oswaldgasse von den Plänen der Verdächtigen und trafen um 15.30 Uhr am Airport ein, fanden heraus, wohin der Flug die 32-Jährige bringen sollte, und warteten am Gate auf sie. Doch die Verdächtige kam nicht. Die Überwachungskameras lieferten den Grund: Estibaliz C. hatte gar nicht vor, die Maschine zu besteigen. Eine Stunde nach ihrer Ankunft stieg sie in ein Taxi. Vom Beginn ihrer Flucht an verzichtete sie übrigens völlig auf die Benützung ihres Mobiltelefons, um nicht verfolgt werden zu können.


Unterdessen ging auch die Arbeit am Fundort in der Oswaldgasse am vergangenen Dienstag weiter: In einer von mehreren Tiefkühltruhen, die in dem Kellerabteil standen, fand die Polizei den Kopf einer zweiten Leiche. Wegen des starken Verwesungsgrades war einerseits klar, dass diese Person um einiges früher gestorben sein musste als Manfred H., anderseits war die Identifizierung um vieles schwerer. Auch am Samstag war die Identität des Toten nicht restlos geklärt, DNA-Tests standen noch aus. Aber alles sprach dafür - nicht zuletzt die ersten Aussagen der Verdächtigen Goidsargi Estibaliz C. - dass es sich um ihren aus Deutschland stammenden Ex-Mann handelt.

In weiterer Folge tauchten auch die anderen Teile des zweiten Toten in den Gefriertruhen in dem Kellerabteil auf. Beide Leichen waren damit komplett vorhanden, und beide Männer sind erschossen worden.

Estibaliz C. wurde unterdessen von einem Taxilenker nach Italien gebracht, er buchte für sie nördlich von Udine ein Hotelzimmer für zwei Tage und kehrte nach Wien zurück. Am Mittwoch redete er bereits mit der Polizei, die auch bald darauf italienische Kollegen informierte und bat, in dem Hotel vorbeizuschauen. Doch die Verdächtige hatte mit der Reservierung für zwei Tage wieder eine falsche Spur gelegt. Bereits in der Früh verließ sie das Hotel, mit dem Hinweis, kurz einkaufen gehen zu wollen, kehrte aber nicht mehr wieder zurück.

Tatsächlich fuhr sie mit dem Zug nach Udine, wo sie einen Straßenkünstler dazu brachte, ihr Unterkunft zu geben. Doch diesem kam die Sache letztlich verdächtig vor, weil sie einerseits auffallendes Interesse im Internet an den Leichenfunden in Wien zeigte, anderseits auch Selbstmordgedanken äußerte. Der junge Mann verständigte die Polizei. Freitag früh wurde Estibaliz C. in seiner Wohnung in der Nähe des Bahnhofs von Udine verhaftet. In ersten Gesprächen mit der örtlichen Polizei soll sie - rechtlich im Übrigen nicht bindende - Geständnisse bezüglich der Morde an Manfred H. und ihrem Ex-Mann abgelegt haben.

Die Motivlage zeichnete sich am Samstag immer genauer ab. Estibaliz C. gab an, sie sei physisch und psychisch von beiden Männern misshandelt worden. Doch dürfte es in beiden Fällen auch um größere Geldsummen gegangen sein. Bei ihrem Ex-Mann, den sie ihren Angaben nach bereits 2008 erschossen haben soll, stellte sich schlicht die Frage, wer den Eissalon weiter betreibt. Das Paar war bereits ein halbes Jahr zuvor geschieden worden. Auch ihr Ex-Freund Manfred H. hat APA-Informationen zufolge eine ziemlich große Geldsumme in das Geschäft investiert, sich dann aber mit Gedanken an eine Trennung betragen. Nicht restlos klar war am Samstag, wo die beiden Männer ermordet wurden. Es gab aber starke Indizien, dass die Taten in der Wohnung der 32-Jährigen begangen wurden. Einer der beiden Männer wurde möglicherweise im Bett erschossen, beide könnten im Badezimmer zerteilt worden sein. Genaue Tatortanalysen sollten dazu eine Bestätigung bringen. Wenn dies so war wie vermutet, hält die Polizei es auch durchaus für möglich, dass die Verdächtige keine Komplizen benötigte. Die Teile zu einem Transportmittel und dann von diesem in den Keller in die Oswaldgasse zu tragen, hätte die 32-Jährige vermutlich alleine bewerkstelligen können. Dazu waren Ermittlungen aber noch im Gange.