Erstellt am 27. September 2012, 15:23

Kinderanwalt Reumann: Schuld haben die Täter. Zum unfassbaren Fall der Kindesmisshandlung in Limbach im Bezirk Güssing (die BVZ berichtete) nahm auch der burgenländische Anwalt Stellung: "Man kann offensichtlich etwas übersehen oder nicht sehen". Leute sollen sich melden, wenn ihnen etwas komisch vorkommt.

"Die, die das Kind verletzt haben, das sind die Schuldigen - wer auch immer das war", kommentierte am Donnerstag Burgenlands Kinder- und Jugendanwalt Christian Reumann den unfassbaren Fall in Limbach. Man dürfe nicht jene zu Schuldigen machen, die mehr oder weniger in die Betreuung involviert waren. "Wenn Leute dort sind, die betreuend und kontrollierend agieren, dann gibt es keinen Grund, wieso sie etwas absichtlich übersehen sollten. Die sind ja interessiert daran, dass sie gute Arbeit leisten, weil sie ja nur Schwierigkeiten haben, wenn sie es nicht tun." Wie gewisse Verletzungen übersehen werden können, müsse man letztendlich auf medizinischer Ebene klären.

Im Fall des zwei Monate alten Mädchens wurden die Verletzungen bei einer Untersuchung erkannt - aber erst durch ein Röntgen im zweiten Spital. Je kleiner das Kind ist, desto schwieriger sei es, gewisse Dinge zu sehen, meinte Reumann. "Wenn ein Kind noch nicht spricht, kann es nicht sagen, was ihm wehtut. Und wenn es noch nicht läuft, kann ich eine Verletzung, zum Beispiel einen Beinbruch, nicht sehen." Offensichtlich ist es möglich, "dass man Dinge übersehen kann", sagte er.

Auch in den Ortschaften könne man nicht alles sehen, auch wenn im Nachhinein etwas anderes behauptet werde. Das Bild, dass sich so wie früher alles im Ort abspiele und jeder über den anderen Bescheid wisse, gebe es vielfach nicht mehr. "Wir haben so viele Pendler, oft kommen die Leute nur noch zum Schlafen heim. Das heißt, der Austausch passiert kaum. Es spielt sich viel weniger draußen ab als früher." Wenn Menschen nach Auffliegen solcher schrecklicher Taten behaupten, man habe sich das "eh schon immer" gedacht, "ja dann hätten sie aber auch etwas sagen können", sagte der Kinder- und Jugendanwalt, der seit 20 Jahren als solcher tätig ist.

Heutzutage haben die Menschen zwar nach seiner Erfahrung weniger Scheu Missstände "anzuklagen", aber oftmals falsche Vorstellungen: "Wenn ich eine Meldung mache, weil mir dieses und jenes aufgefallen ist, dann habe ich keinen Anspruch darauf, informiert zu werden, wie es weitergeht. Das unterliegt der Amtsverschwiegenheit. Die dürfen nichts sagen. Und das wird dann immer so ausgelegt: Ich habe etwas gesagt und jetzt meldet sich keiner", klärte er auf.

Wichtig ist die Meldung an sich - egal an wen sie gerichtet wird. "Wenn mir etwas komisch vorkommt, dann ist es komisch - auch wenn es nur für mich so scheint. Im Zweifelsfall würde ich das melden", so Reumann. Tun könne man das bei der Polizei, beim Jugendamt oder auch bei ihm (Telefon: 057-600 2808) - wenn es gewünscht ist, auch anonym. "Das biete ich immer an. Wenn zum Beispiel die Schwägerin, Nachbarin oder Lehrerin Angst hat, dass rauskommt, wer den Hinweis gegeben hat, sage ich immer: Sie können sich jederzeit auch ohne Namensnennung bei mir melden, mir die Informationen geben und ich leite die dann adäquat weiter." Das habe schon oft etwas gebracht.

Die Angst - besonders bei Hinweisgebern aus dem Nahbereich, dass den Eltern die Kinder weggenommen werden, sollte nicht überwiegen. "Wenn ich Angst habe, dass das Kind abgenommen wird, wenn ich mich melde, dann muss ich sagen: Vielleicht gibt es Gründe, dass das Kind wegkommt aus der Familie", sagte Reumann und wies darauf hin, dass selbst im Fall der Fälle die Kinder nicht automatisch für immer aus der Familie genommen werden.

Wer Kontakt mit dem Jugendamt habe, müsse im Übrigen nicht automatisch denken, dass das Kind nun weggenommen wird. "Eine Fremdunterbringung ist die letzte Maßnahme. Davor gibt es eine Familienintensivbetreuung, eine Therapie, die man besuchen muss, Kontrollbesuche und Hilfsangebote. Der überwiegende Teil der Fremdunterbringungen erfolgt im Einverständnis mit den Eltern, die Zwangsweise-Fremdunterbringung läuft über das Gericht. Das Jugendamt nimmt die Kinder nur weg, wenn Gefahr in Verzug ist - aber auch dann muss schnell das OK vom Gericht kommen", erläuterte der Kinder- und Jugendanwalt.