Erstellt am 13. Oktober 2010, 12:42

„Kleines Tschernobyl“. AUGENZEUGENBERICHT / Unfassbare Zustände in Ungarn. Bürger stehen vor dem Nichts, schnelle Hilfe ist notwendig.

VON MICHAEL PEKOVICS
WEIDEN, UNGARN / „Worte können nicht beschreiben, was ich erlebt habe.“ Die gebürtige Schweizerin Rahela Kuster ist vor einem Jahr von Ungarn nach Weiden bei Rechnitz gezogen. Am Wochenende fuhr sie nach Ungarn, um bei ihrem Haus in der Ortschaft Devecser nach dem Rechten zu sehen. Eigentlich wollte sie ihr Haus verkaufen, der Vertrag hätte am Freitag der Vorwoche unterzeichnet werden sollen. Der Unfall in der Aluminiumfabrik machte den Plänen aber einen Strich durch die Rechnung.

„Keine Information für die ungarische Bevölkerung“
Der BVZ erzählte sie, wie schlimm die aktuelle Lage in Ungarn ist. „Es gibt keine Informationen für die Bevölkerung im Katastrophengebiet“, ärgert sich Kuster. „Die Menschen schaufeln den Schlamm von der einen auf die andere Seite, abtransportiert wird gar nichts.“ In den Straßen irren die Menschen herum, keiner weiß, wohin er sich wenden kann. „Alle warten darauf, dass der Staat eine Richtung vorgibt“, klagt Kuster. „Das kommunistische Denken ist leider noch sehr präsent.“

Die Ortschaft Devecser liegt gerade einmal 1,5 Autostunden vom südlichen Burgenland entfernt. „Die ungarischen Behörden sagen zwar, dass der Wind die Giftstoffe nur zehn bis 15 Kilometer weit tragen wird, aber das glaube ich einfach nicht“, zweifelt Kuster. Derzeit würden die Straßen mit Wasser befeuchtet, damit die Giftstoffe des langsam trocknenden Schlamms nicht durch fahrende Autos aufgewirbelt werden. „Die Katastrophe zieht einen Rattenschwanz an Problemen nach sich. Die Behörden wissen nicht, was zu tun ist“, kritisiert Kuster. „An die Bevölkerung sind Schaufeln verteilt worden, ganz nach dem Motto: kümmert ihr euch selbst drum und räumt den Dreck weg…“.

Weder die Folgen für die Umwelt noch für die Gesundheit seien zu diesem Zeitpunkt abschätzbar: „Nach einer halben Stunde habe ich zu Husten begonnen, ich hatte einen metallischen Geschmack im Mund. Vögel gibt es in dem Gebiet gar keine mehr.“ Auf den Straßen liegen Tierkadaver, unzählige Tiere mussten getötet werden. „Die Menschen versuchen krampfhaft, wieder zurück zum Alltag zu kommen“, erzählt Kuster. „Die Situation wird einfach verdrängt.“

Sie hat bisher 400 Euro Entschädigung für ihr nicht mehr bewohnbares Haus bekommen. „Das Haus ist mir egal, das ist nur ein finanzieller Verlust“, ist die gebürtige Schweizerin froh, vor einem Jahr nach Österreich gezogen zu sein. Zwölf Jahre hatte sie mit ihrer Familie in Devecser gewohnt. „Ich habe vor Ort nur geweint, weil mir die Menschen so leid tun, weil sie von der Regierung ganz einfach im Stich gelassen werden.“ Sie wurde aufgefordert, ihr Haus auszuräumen, aber: „Das mache ich sicher nicht. Ich setze dafür doch nicht meine Gesundheit aufs Spiel. Das ist wie ein kleines Tschernobyl.“