Erstellt am 05. Dezember 2012, 08:58

Kriminaljahresrückblick: Kabel, Juwelen, Internet und Leichen. Aus statistischer Sicht erwartet die Polizei aber keine allzu spektakulären Ausreißer, wenn man von dem relativ jungen Deliktsfeld Cybercrime von Steigerungsraten bis zu 400 Prozent absieht.

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Ein Anwalt, dem seine Ostgeschäfte zum Verhängnis wurden. Ausgeraubte Juweliere. Die Verspätung in der Schnellbahn, weil in der Nacht zuvor wieder einmal Diebe Leitungen auf den Bahngleisen abmontiert haben. Und die im Internet bestellte Ware, die bezahlt, aber nie geliefert wird. Das waren die kriminellen Aufreger des Jahres 2012.

Die statistischen Entwicklungen etwa beim Delikt Mord sehen allerdings alles andere als aufregend aus. 2011 gab es in Österreich 166 Morde und Mordversuche, bisher Schlusspunkt eines kontinuierlichen Anstiegs ab dem Jahr 2008, als mit 101 bekannt gewordenen Fällen die wenigsten der vergangenen Dekade verzeichnet wurden. 2002 waren es 168 Fälle, 2004 sogar 170.

"Mord ist ein Delikt, das zu 75 Prozent im sozialen Umfeld passiert", sagte Franz Lang, Direktor des Bundeskriminalamts (BK), im Gespräch. Er wies auf das Gewaltschutzgesetz hin, mit dem es sicher gelungen sei, größere Steigerungsraten hintanzuhalten. "Das Fatale an der Gewaltkriminalität ist, dass es immer eine Entwicklungsphase gibt. Und immer haben Geschulte einzelne Segmente gesehen", erklärte Lang. Er nannte als Beispiele Lehrer, Haus- und Ambulanzärzte, Polizisten und Jugendämter.

"Wenn wir die alle zusammenbringen, würde man eine aufkeimende Krise sehen. Deshalb gibt es das Bündnis gegen Gewalt", erläuterte er. Man sei gerade dabei, beim Gewaltschutzgesetz Verbesserungen umzusetzen. Die Zahl der Wegweisungen steige noch immer.

Einer der spektakulärsten Fälle heuer war der Mord an dem Wiener Wirtschaftsanwalt Erich Rebasso, den das Wiener Landeskriminalamt zu bearbeiten hatte. Wegen der Ermittlungen, die nach Russland führten, war aber auch das BK massiv eingebunden. Lang wies in diesem Zusammenhang auf wiederholte Verknüpfungen zwischen wirtschaftlichen Kontakten im Osten und Gewaltdelikten hin.

Das Bundeskriminalamt nahm sich neben aktuellen Fällen auch weiter lange zurückliegende Causen vor. Julia Kührer und Heidrun Wastl, eine seit 2001 vermisste Kindergartenhelferin aus Wiener Neustadt, in deren Fall ein Verdächtiger in Haft sitzt, sind zu nennen. Aber auch bei den Ermittlungen zu einer 2005 in Innsbruck in einer Telefonzelle erstochenen Studentin hofft das BK auf neue Ansätze. Für die Untersuchungen werden öfters Spezialisten aus dem Ausland beigezogen, so Lang.

In Sachen Raub sind die nackten Zahlen wenig aussagekräftig. Bei den Anzeigen nach Paragraf 142 StGB (Raub) war in den ersten neun Monaten österreichweit sogar ein leichter Rückgang gegenüber dem Vergleichszeitraum 2011 zu verzeichnen, beim Paragraf 143 (schwerer Raub) war es ein Anstieg um 8,3 Prozent. Doch das sagt wenig über das tatsächliche Geschehen aus.

Denn zu den spektakulärsten Straftaten des Jahres 2012 zählten zweifellos die Überfälle auf Juweliere, von denen in Österreich in den ersten neun Monaten mit 22 um acht mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres registriert wurden. Viele davon sollen auf das Konto einer aus Serbien und Montenegro stammenden, weltweit agierenden Bande, den "Pink Panthern", gehen.

Laut Lang handelt es sich dabei um lose Netzwerke, deren Mitglieder aus fünf bis sechs Städten in Serbien und Montenegro stammen. In Österreich seien im wesentlichen zwei Hierarchieebenen tätig: die Kundschafter und Logistiker sowie die Tatausführenden, die im Hochrisikobereich agieren und meist ganz junge Männer - oft drogenabhängig - aus Serbien und Montenegro sind. Spektakulär war auch der jüngste Banküberfall im oberösterreichischen Laakirchen zweier Täter mit Maschinenpistolen.

Ein zweites Problemfeld beim Raub sei durch eine Gemeinsamkeit auf der Täterseite gekennzeichnet, betonte der BK-Direktor. In vielen Fällen geht es um Beschaffungskriminalität aus einer Sucht heraus: Drogenabhängigkeit, Spielsucht, aber auch Konsumsucht. Lang kündigte an, dass das Bundeskriminalamt in diesem Bereich 2013 einen Schwerpunkt setzen wird.

Cybercrime Herausforderung der Zukunft

Die größten Steigerungsraten 2012 wird das Bundeskriminalamt auf dem Gebiet des Cybercrime verzeichnen. Zwischenresultate signalisieren bei manchen Delikten einen Anstieg um bis zu 400 Prozent. Die Erklärung des Direktors des Bundeskriminalamtes Franz Lang: Vor zehn Jahren gab es bedeutend weniger, aber wesentlich gebildetere User, die wussten, wie sie sich im Internet zu bewegen hatten und welche Sicherheitsvorkehrungen zu treffen waren. "Heute haben wir die zehnfache Zahl an Usern, eine Masse sehr naiver User." Kriminelle würden einen unglaublichen Markt mit Benutzern treffen, die sich nicht um ihre Sicherheit im Web kümmern bzw. Gefahren gar nicht wahrnehmen.

Diese User bewegen sich Lang zufolge in einem völlig anonymen globalen Markt: Den Geschäftspartner "kennst du nicht, du weißt nicht, wo der sitzt, wie der aussieht, aber du hast das Bild eines österreichischen Geschäftsmannes vor dir", schilderte der BK-Direktor ein mögliches Szenario. Perfekt nachgebaute Homepages von Kreditkartenunternehmen, die bestellte, bezahlte, aber nicht gelieferte Ware, oder das zwar gelieferte, teure, aber minderwertige Produkt sind typische Deliktsformen. Für Klagen gebe es dann den "Gerichtsstandort irgendwo", so Lang.

Klar sei: "Die Polizei muss sich darauf einstellen, dass sie wesentliche Quantitäten und Qualitäten benötigen wird, um Cyberkriminalität effektiv bekämpfen zu können", betonte Lang. Möglich sei dies nur durch internationale Vernetzung - enge Kontakte zum Europol Crime Center und zum im Aufbau begriffenen Zentrum von Interpol in Singapur. "Es gibt de facto keinen Internet-Fall im Inland." Dazu komme die Vernetzung mit Software- und Hardware-Herstellern, die den Ermittlern Training mit in Entwicklung befindlichen Produkten ermöglicht, die oft erst zwei Jahre später auf den Markt kommen.

Auf dem Gebiet der Cyberkriminalität gab es heuer nicht nur gegen Kinderpornoringe spektakuläre Amtshandlungen. So flog im April ein erst 15-Jähriger aus Niederösterreich auf, der die Computer von 259 Firmen geknackt hatte und laut BK als einer der 50 besten Hacker weltweit galt. Unter seinen Opfern befanden sich Weltkonzerne mit berühmten Namen. Gegen Kinderpornoringe liefen unter anderem die Operationen "Carole" und "Gondola". Bei zweiterer ging den Fahndern ein Kärntner ins Netz, der sich an den Nachbarskindern vergangen haben soll.

Gegenüber Cyberkriminellen vergleichsweise banale Methoden haben Buntmetalldiebe: "Bei uns liegt das Diebsgut auf der Straße zum Abholen bereit. Oder zum leichten Abmontieren", sagte Lang. Dazu kommen "immens günstige Geschäftsvoraussetzungen". Jeder könne Kupfer oder Altmetall verkaufen, ohne Identitätsnachweis oder Herkunftsnachweis für das verkaufte Gut. In den ersten neun Monaten 2012 wurden 1.182 Anzeigen registriert, im ganzen Jahr 2011 waren es 1.569. Laut Lang ist bei der Zahl der Fälle eindeutig eine Korrelation mit dem Weltmarktpreis für Kupfer gegeben. Nach einem ersten Hoch 2007 und 2008 gab es 2009 mit 443 Anzeigen ein Tief. Die Kupferpreise waren zu diesem Zeitpunkt ebenfalls im Keller.

Vor allem aus Ungarn, der Slowakei und Rumänien kommen die Täter, so das BK. Sie handeln aus wirtschaftlicher Not. Vom 1. September bis 18. November wurden 96 Verdächtige festgenommen und 49 Kupferdiebstähle geklärt. In Staaten wie Belgien und Frankreich wurde bereits mit einer Regulierung des Buntmetallhandels reagiert: Ideen dafür wären, einen Identitätsnachweis vom Verkäufer oder den Herkunftsnachweis für die Ware zu verlangen. Daneben werden Kabeln auf Bahnstrecken markiert, kritische Bereiche mit technischen Mitteln überwacht und die Kontrollen in grenznahen Bereichen verstärkt. Auch auf EU-Ebene gibt es verstärkte Kooperationen unter Einbindung von Europol.

Dennoch werden Buntmetalldiebe wohl auf Dauer ein Thema bleiben. Lang: "Es gibt keine Indikatoren, dass die Kupferpreise sinken werden. Daher werden wir uns auf diese Kriminalität einstellen müssen."