Erstellt am 11. September 2011, 19:21

Küng fürchtet großen Schaden für Kirche. Diözesanbischof Klaus Küng sucht Gespräch mit Priestern, die den „Aufruf zum Ungehorsam“ unterschrieben haben.

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VON MARTIN GEBHART

NÖN: Exzellenz, der „Aufruf zum Ungehorsam“ der Pfarrerinitiative mit Pfarrer Helmut Schüller an der Spitze hält die Kirche seit vielen Wochen in Atem. Dabei wird immer wieder die Befürchtung laut, dass der Konflikt zwischen diesen Pfarrern und den Bischöfen zu einer Kluft wird, die die Kirche zum Zerreißen bringt. Wie sehen Sie die Situation?
Küng: Ich muss zugeben, dass ich besorgt bin. Die Kirche geht nicht unter, aber es besteht meines Erachtens die Gefahr eines großen Schadens, der unter Umständen sehr nachhaltig sein kann. Einerseits wird die wirkliche Reform, die die Kirche dringend benötigt, weiter verzögert und behindert. Durch Streit und Uneinigkeit vergeuden wir Energie und Kräfte, anstatt Rücken an Rücken alles zu tun, um das Tief zu überwinden.
Andererseits ist das Entstehen einer echten Spaltung nicht ganz auszuschließen. An sich glaube ich den Initiatoren der Pfarrerinitiative, dass sie eine solche Spaltung in keiner Weise anstreben, aber sie meinen, Druck ausüben zu müssen, und sind dabei nicht zimperlich. Bei den Punkten, die sie anführen, fehlt es ja auch nicht an Kollisionspotenzial. Das kann zu einer Dynamik führen, die gefährlich ist.

NÖN: Ist es nur das Wort „Ungehorsam“ , das die Diskussion so schwierig macht? Haben sich nicht der Begriff „Gehorsam“ oder „Autorität“ auch in der Kirche im Laufe der Zeit geändert?
Küng: Das Wort Gehorsam bezieht sich letztlich immer auf Gott. Ich gehorche dem Lehr- und Leitungsamt der Kirche, weil ich glaube, dass Gott sich durch Christus geoffenbart hat und dass dieser Christus durch das Evangelium und die Sakramente, die die Kirche vermittelt, zu mir spricht, ja zu mir gelangt. Das schließt den Glauben an die Kirche ein, daran, dass der Heilige Geist ihr beisteht. Auch die Autorität dieses Lehr- und Leitungsamtes gründet letztlich in Gott. Dieser Zusammenhang muss aber differenziert betrachtet werden. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Kirche – auch durch schmerzhafte Erfahrungen – immer klarer erkannt, wie wichtig es ist, zu unterscheiden, was wirklich zum Glauben gehört, was Dogma ist und was nicht. Das wird nicht einfacher, wenn man bedenkt, dass wir nicht nur in Glaubensfragen Gehorsam schulden. Das II. Vatikanum hat über die Art der Verpflichtung, die aus den Aussagen und Bestimmungen des kirchlichen Lehr- und Leitungsamtes entsteht, sehr klare Kriterien angegeben. Diese Kriterien gelten weiterhin. Sie besagen auch, dass in der Tat nicht alles gleich wichtig ist. Es ist auch nicht alles eine „Glaubensfrage“.
Manche Bekannte aus der Wirtschaft sagen mir: In keinem Unternehmen wird es auf Dauer gut gehen, wenn die Abteilungsleiter und manche andere die „Unternehmensphilosophie“ nicht beachten. Da geht es nicht um religiösen Gehorsam, aber die Bereitschaft, Weisungen, Beschlüsse anzunehmen und umzusetzen, ist unerlässlich. Das gilt auch für die Kirche. Leider ist es manchen zur Gewohnheit geworden, in manchen oder gar nicht wenigen Bereichen nicht zu gehorchen. Glauben Sie mir – die Kirche ist viel weniger autoritär, als ihr Ruf es annehmen lässt.

NÖN: Auch in Ihrer Diözese sind Pfarrer Mitglieder der Initiative. Wie gehen Sie als Diözesanbischof mit diesen Priestern um?
Küng: Bis jetzt suche ich vor allem das persönliche Gespräch. Es sind ja oft sehr verschiedene Gründe, die den Einzelnen dazu gebracht haben, ihren Namen auf die Liste zu setzen. Insbesondere bei Priestern in leitender Stellung frage ich nach, ob sie die Richtlinien der Weltkirche und der Diözese respektieren und auch bei den anderen auf Einhaltung achten. Wenn das nicht der Fall wäre, hätten wir Probleme.

NÖN: Ihr Innsbrucker Bischofskollege Manfred Scheuer hat sich nun dafür ausgesprochen, Wiederverheiratete zur Kommunion zuzulassen, den Zölibat aufzuweichen und vielleicht Laien auch innerhalb der Eucharistie predigen zu lassen. Damit will er einige Forderungen aus dem Paket der Pfarrerinitiative überdenken, während andere wie das Frauenpriestertum oder die kirchliche Eheschließung von Geschiedenen unangetastet bleiben sollen. Wie stehen Sie zu diesen Forderungen?
Küng: Prinzipiell bin ich der Überzeugung, dass wir in Österreich nicht einen Sonderweg beschreiten können oder auch sollen, welcher der Praxis in der Weltkirche nicht entspricht. Zunächst zur Frage des Kommunion- empfangs von wiederverheirateten Geschiedenen: Auf der Ebene der Weltkirche hat man in den vergangenen Jahren – gerade wegen der dramatischen Entwicklung bei Ehe und Familie – die Beziehung zwischen Ehe und Eucharistie sehr eingehend geprüft, auch die Praxis der Ostkirche und deren Lösungsansätze untersucht. Ich erwarte mir daher diesbezüglich in nächster Zeit keine neuen Ergebnisse für geschiedene und wiederverheiratete Gläubige. Ich halte es aber für notwendig, die pastoralen Hilfestellungen für sie zu verbessern. Da gibt es Möglichkeiten auch auf der Grundlage der vom Lehramt der Kirche festgelegten Prinzipien.
Bezüglich „Laienpredigten“ bin ich der Auffassung, dass die geltenden Bestimmungen ihren Sinn haben. Außerdem scheint es mir in Zeiten des Priestermangels besonders wichtig, dass gewöhnlich der Priester und ausnahmsweise der Diakon in der Messe die Homilie hält. Die Eucharistiefeiern werden spärlicher und der Priester muss die Gelegenheiten zur Verkündigung nützen. Laien haben viele Möglichkeiten, das Wort zu ergreifen, auch bei Wortgottesfeiern, Gebetsstunden, Vorträgen, Katechesen usw., warum „unbedingt“ bei der Eucharistie?
Zur Frage Zölibat: Ich glaube weiterhin nicht, dass die Zukunft der katholischen Kirche bei verheirateten Priestern liegt. Wir brauchen Familien und junge Leute, die sich bemühen, konsequent den Glauben zu leben, dann werden wir erneut christliche Familien mit Kindern und ausreichend geistliche Berufe haben.
Zugleich ist es nötig, dass wir darüber nachdenken, wie wir die zölibatäre Lebensform besser gestalten. Insbesondere die Gemeinschaft der Priester, das Miteinander zu verbessern, scheint mir ein Gebot der Stunde.

NÖN: Welche deeskalierenden Schritte würden Sie vorschlagen? Wo liegt der Ausweg aus der momentanen Krise innerhalb der Kirche?
Küng: Es braucht viel Gespräch und konstruktive Begegnung, verbunden mit Offenheit für Gott und füreinander sowie entschlossene Schritte in Richtung einer echten christlichen Erneuerung. Es gibt ja so viele Punkte des Glaubens und der christlichen Lebenspraxis, in denen wir eigentlich alle oder fast alle einer Meinung sind. Sie sollten wir ans Tageslicht fördern und möglichst gemeinsam verwirklichen: z. B. das Streben nach Kontakt mit Gott und aufrichtiger Besinnung. Die Heilige Schrift, die Texte des II. Vatikanischen Konzils, die Schriften der Kirchenväter und der großen Heiligen sind gute Grundlagen.
Zu diesem fruchtbaren Dialog gehören auch die Anerkennung des Positiven beim anderen, die Bereitschaft zur Vergebung, wenn es zu Kränkungen gekommen ist, und das gemeinsame Arbeiten in all jenem, wo dies möglich ist, weil die gemeinsame Grundlage gegeben ist.
Sehr wichtig ist der bewusste Verzicht auf „Schlag-Worte“, auf Populismus und unlautere Allianzen.