Erstellt am 08. Juni 2011, 13:07

Libro-Prozess - KPMG-Gutachten wieder im Fokus. Das umstrittene KPMG-Gutachten zu Libro-Deutschland war auch am heutigen 32. Tag im Libro-Strafprozess in Wiener Neustadt wieder Thema der Verhandlung. Der gerichtlich bestellte Sachverständige Martin Geyer betonte auf Anfrage von Anwälten der Beschuldigten, dass das Gutachten unter Umständen zu Bilanzierungszwecken geeignet gewesen wäre.

NOEN
"Unterstellt, dass im Libro-Gutachten ein objektiver Unternehmenswert errechnet wurde, dann kann es für die Libro-Bilanz herangezogen werden", sagte er.

Er gehe nämlich nach wie vor davon aus, dass ein objektiver Unternehmenswert und nicht ein subjektiver Unternehmenswert zu bilanzieren war, so der Sachverständige. Im KPMG-Gutachten wird aber laut Anklageschrift ein subjektiver Unternehmenswert angesetzt. Die Planungsrechnungen für die Expansion von Libro Deutschland im KPMG-Gutachten seien nicht plausibel, so der Sachverständige.

Der gerichtlich bestellte Sachverständige Geyer hat in drei Gutachten mit insgesamt rund 1.500 Seiten zur Problematik rund um Libro Deutschland, zum Börsengang und zur Sonderdividende und der Bilanz 1998/99 Stellung genommen. Seine gestern begonnene Befragung wurde heute beendet.

Die Wirtschaftsprüfer der KPMG hatten im Frühjahr 1999 ein umstrittenes Gutachten zu Libro Deutschland verfasst, in dem aufgrund eines Expansionsszenarios ein hoher Unternehmenswert beschrieben wurde. Auf Basis der Stellungnahme unter Federführung des damaligen KPMG-Geschäftsführers und jetzigen Hypo-Kärnten-Chefs Gottwald Kranebitter hatte der damalige Libro-Vorstand die bis dahin defizitäre Libro-Tochter in Deutschland mit drei Filialen enorm aufgewertet. Vom zuvor in den Libro-Bilanzen aufgewiesenen "Erinnerungsschilling" (1 Schilling) wurde die deutsche Beteiligung in der Libro-Bilanz 1998/99 auf 140 Mio. Schilling (10,17 Mio. Euro) aufgewertet.

Aufgrund dieser und anderer Bilanzierungen konnte im Mai 1999 eine Sonderdividende im Ausmaß von 440 Mio. Schilling an die Libro-Altaktionäre ausgeschüttet werden. Laut Anklageschrift geschah dies allerdings auf Basis einer unrichtigen Vermögensdarstellung in der Libro-Bilanz, daher sei die Ausschüttung der Sonderdividende rechtswidrig erfolgt. Ein paar Monate später wurde der Buch- und Papierhändler im November 1999 an die Börse gebracht. 2001 schlitterte der Konzern in Ausgleich, 2002 in den Konkurs.

Die Angeklagten früheren Libro-Manager berufen sich in ihrer Verteidigung immer wieder auf das KPMG-Gutachten. Kranebitter hat sich als Zeuge vor Gericht jedoch auf den Standpunkt gestellt, die KPMG sei nur der "Rechenknecht" von Libro gewesen.

Ex-Finanzvorstand Knöbl weist Vorwürfe zurück
Ex-Libro-Finanzvorstand Johann Knöbl hat heute, Dienstag, beim Libro-Strafprozess in Wiener Neustadt seine Vorgangsweise bezüglich der Bilanzierung von Libro-Deutschland, der Sonderdividende und einer Schweizer-Franken-Option verteidigt. In einer längeren Stellungnahme verwies der Angeklagte darauf, dass sein damaliges Handeln als Manager der 2001 in die Insolvenz gerutschten Papier- und Buchhandelskette ja auch anderen bekannt und von diesen akzeptiert und abgesegnet worden sei. Knöbl ist einer von fünf Angeklagten, als Erstbeschuldigter sitzt der ehemalige Libro-Vorstandschef Andre Rettberg auf der Anklagebank.

Die besonders umstrittene Aufwertung der deutschen Libro-Beteiligung in der Bilanz 1998/99 verteidigte Knöbl erneut. Das KPMG-Gutachten habe aufgrund der Planung für die Zukunft des Unternehmens in Deutschland einen Unternehmenswert von 140 bis 160 Mio. Schilling ergeben. Knöbl verwies auf allgemeine Unsicherheit bei der Unternehmensbewertung: "Ob der Wert eines Unternehmens richtig ist, können Sie sowieso nur feststellen, wenn Sie es verkaufen und dann diesen Kaufpreis erzielen", meinte er. Die Aufwertung von Libro-Deutschland in der Bilanz von 1 Schilling auf 140 Mio. Schilling sei eben aufgrund der Planungen für eine Expansion zustandegekommen. Der Jahresabschluss sei von Wirtschaftsprüfern geprüft worden.

Zu Prozessauftakt hatte sich Knöbl zu einem Unterpunkt der Anklage, nämlich Bilanzfälschung im Zusammenhang mit einem Fremdwährungskredit, schuldig bekannt. "Ich übernehme dafür die Verantwortung", sagte er heute, er wolle allerdings den Hintergrund erklären. Erst im Zuge der Erhebungen habe sich für ihn herausgestellt, dass diese Option ein Jahr gehalten hätte werden müssen, um als Sicherungsgeschäft anerkannt zu werden, sonst sei es ein Risikogeschäft, das nicht zur Sicherung herangezogen werden könne, meinte Knöbl. Die Anklage wirft ihm vor, die Verbindlichkeiten aus Franken-Fremdwährungskrediten in der Libro-Bilanz unrichtig bewertet zu haben.

Der frühere Finanzmanager verteidigte heute auch die Sonderdividende von 440 Mio. Schilling, die im Mai 1999 an die "Altaktionäre" ausgeschüttet worden war. "Wir haben, wirtschaftlich gesehen, ein Darlehen zurückgeführt über die Sonderdividende" meinte er. Die Sonderdividende habe die Libro-Liquidität nicht negativ beeinflusst. Das Unternehmen sei auf kurzfristige Finanzierungen ausgerichtet gewesen, weil ein Börsengang im Raum stand. In die geplante Expansion seien viele Mittel gesteckt worden, die Ziele im Börsenprospekt habe das Management durchaus ernst genommen, beteuerte er. Laut Anklageschrift bedeutete die Ausschüttung der Sonderdividende letztlich, dass Libro ihren Erwerb durch die UD-AG von der Wlaschek-Stiftung selbst finanzierte. Nicht einmal zwei Jahre nach dem Börsengang im November 1999 schlitterte Libro 2001 in die Insolvenz.

Knöbl ging auch auf die wenigen Fragen der Schöffen im bereits 32 Verhandlungstage dauernden Verfahren ein. Als er sich mit den Fragen zur Finanzierung wieder befasst habe, "da bin ich draufgekommen, dass es eine sehr komplizierte Materie ist", räumte der Angeklagte ein.

Das Verfahren wird morgen Donnerstag um 9 Uhr fortgesetzt.