Erstellt am 07. Juni 2011, 15:03

Libro-Prozess - Sachverständiger befragt. Der Libro-Prozess ist mit der Befragung des gerichtlich bestellten Sachverständigen Martin Geyer am heutigen 31. Verfahrenstag in die Schlussphase eingetreten.

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Geyer musste zu seinen Feststellungen Rede und Antwort stehen und blieb bei seinem mehrteiligen Gutachten. Ihm zufolge hat sich die Unternehmenskrise aufgrund des Börsegangs im November 1999 auf den Sommer 2000 verschoben. Das umstrittene KPMG-Gutachten zur Bewertung von Libro Deutschland sei zwar methodisch korrekt gewesen, hätte aber nicht für den Bilanzansatz 1998/99 herangezogen werden dürfen, da dort ein subjektiver, aber kein objektiver Unternehmenswert errechnet wurde, so Geyer.

Auf Basis des KPMG-Gutachtens unter Federführung des damaligen KPMG-Geschäftsführers und jetzigen Kärntner Hypo-Chefs Gottwald Kranebitter hatte der damalige Libro-Vorstand die bis dahin defizitäre Libro-Tochter mit drei Filialen in der Bilanz 1998/99 auf 140 Mio. Schilling (10,17 Mio. Euro) aufgewertet und zwei Jahre später wieder abgewertet. Dazwischen wurde eine Sonderdividende im Ausmaß von 440 Mio. Schilling an die Libro-Aktionäre ausgeschüttet. Ein paar Monate später wurde der Buch- und Papierhändler im November 1999 an die Börse gebracht.

"Die Unternehmensbewertung gibt sich den Touch, wissenschaftlich zu arbeiten - letztendlich ist sie aber keine Wissenschaft", sagte Geyer am Dienstag. Der von der KPMG errechnete Unternehmenswert wurde von der sogenannten "ewigen Rente" dominiert, ohne diese wäre ein negativer Wert herausgekommen. Darüber hinaus hätte sich KPMG damals "nur sehr oberflächlich mit den Verlustursachen von Libro Deutschland auseinandergesetzt", so der Gutachter.

Noch einmal bekräftigte Geyer heute, dass die Aufwertung von Libro Deutschland im Konzernabschluss - der für den Börsegang wichtig war - keine Rolle gespielt und es aus seiner Sicht auch keine Ausschüttungssperre für die Sonderdividende gegeben hätte. Die Auszahlung hätte "sicherlich nicht die wirtschaftliche Existenz von Libro gefährdet", so Geyer heute.

Am Bilanzstichtag per 28. Februar 1999 war seiner Ansicht nach keine Unternehmenskrise bei Libro erkennbar. Im weiteren Verlauf des Jahres wäre es aber zu einer negativer Entwicklung des Cashflows gekommen, schilderte Geyer. Spätestens im Herbst 1999 wäre auch erkennbar gewesen, dass Libro die Planzahlen nicht erreichen könne. Der Börsegang verzögerte nach seiner Ansicht die Krise des Buch- und Papierhändlers auf den Sommer 2000 hinaus.

Die geplante Deutschland-Expansion wäre in den Dimensionen vor dem Börsegang - also wie dem KPMG-Gutachten zugrunde gelegt - nach Ansicht des Sachverständigen nicht umsetzbar gewesen. Die Pläne wurden dann im Börse-Prospekt abgespeckt und hätten sich anders dargestellt. Diese neue Vorgehensweise war mit den damaligen Mitteln aber durchaus realisierbar, sagte Geyer. Der Ausstieg der Telekom Austria bei Libro war sicherlich nicht förderlich für die Expansionsstrategie.

Der Libro-Prozess wird morgen, Mittwoch, mit weiteren Fragebeantwortungen des Gutachters fortgesetzt. Am Donnerstag sollen dann die Angeklagten noch einmal ergänzend einvernommen werden.

Bisher hat Richterin Birgit Borns insgesamt 72 Zeugen zu den bereits teilweise über ein Jahrzehnt zurückliegenden Vorgängen rund um die Pleite des Buch- und Papierhändlers befragt. Den fünf Angeklagten - Ex-Libro Chef Andre Rettberg, Ex-Finanzvorstand Johann Knöbl, Ex-Aufsichtsratschef Kurt Stiassny, dessen Stellvertreter WU-Professor Christian Nowotny sowie dem Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann - werden Untreue, schwerer Betrug und Bilanzfälschung vorgeworfen. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft. Sie haben bisher die Vorwürfe im Wesentlichen bestritten. Das Urteil wird für den 22. Juni erwartet.