Erstellt am 12. April 2011, 14:16

Psychische Erkrankungen häufigste Ursache für Invaliditätspension. Die Zahl der vorzeitigen krankheitsbedingten Frühpensionierungen ist in den vergangenen Jahren in fast allen OECD-Ländern signifikant angestiegen - obwohl sich der allgemeine Gesundheitszustand der Bevölkerung kontinuierlich verbessert.

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In Österreich ist der Anteil der erwerbstätigen älteren Menschen im internationalen Vergleich ausgesprochen niedrig. Ein Grund sind psychische Erkrankungen: Mit 44,5 Prozent haben diese mittlerweile alle körperlichen Leiden als Hauptursache für den vorzeitigen Ruhestand überholt, hieß es am Dienstag bei einem Pressegespräch in Wien.

Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) kritisierte die aktuelle Entwicklung und forderte rasche und effiziente Gegenmaßnahmen. Gerade bei seelischen Krankheiten gingen Betroffene besonders früh in Pension - das Durchschnittsalter liegt bei etwa 50. Sozialminister Rudolf Hundstorfer (S) habe bereits Entgegenkommen signalisiert und setze auf Rehabilitation und rechtzeitige Psychotherapie. Die Branchenvertreter forderten, dass ihre Dienste allen zugänglich gemacht werden und jahrelange Wartezeiten auf einen Therapieplatz der Vergangenheit angehören. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Problematik aller Voraussicht nach noch verstärken wird.

Männer in Invaliditätspension sterben derzeit mit rund 68,7 Jahren - um zehn Jahre früher als jene in Alterspension. Fachleute warnen vor einer Bagatellisierung der Problematik und wollen mit Vorurteilen aufräumen - nicht zuletzt, weil die Langzeitprävalenz für psychische Störungen heute bei 25 bis 30 Prozent liegt. Das bedeutet, dass jeder Dritte gefährdet ist, im Laufe seines Lebens zumindest einmal seelisch zu erkranken. Hundstorfer hatte in einem Expertengespräch das Beispiel Finnland angeführt, wo man innerhalb von fünf Jahren das Pensionsalter mit besserem Kündigungsschutz, altersgerechten Arbeitsplätzen und der Investition in frühzeitige Vorsorgemaßnahmen um ein Jahr erhöhen konnte.

Laut ÖBVP-Präsidentin Eva Mückstein bestehen in der heutigen Gesellschaft "neue Belastungsfaktoren", die sich zunehmend auf die Psyche der arbeitenden Bevölkerung auswirken. Dazu zählen vor allem Stress und Druck. In 40 Prozent der heimischen Büros werde zum Beispiel gemobbt und 1,5 Millionen Österreicher sind Burnout-gefährdet. Der Vorsitzende des niederösterreichischen Landesverbandes für Psychotherapie, Winfrid Janisch, ergänzte: "Die Ausgebrannten werden immer jünger!".

Die Experten forderten nachdrücklich, der derzeit schlechten Versorgung mit psychotherapeutischen Leistungen rasch entgegenzuwirken. Immer noch werden psychische Erkrankungen durchschnittlich sechs Jahre lang fehlbehandelt (1992 waren es noch 8). Die aktuelle Lage begünstige Chronifizierung und Psychosomatik, was mit enormen Kosten für die Volkswirtschaft einhergehe. Psychotherapie sollte als eine Vorsorgemaßnahme kassenfinanziert angeboten werden.