Erstellt am 01. April 2012, 14:15

Schönborn will "schwarze Pädagogik" aufarbeiten. Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn sieht die katholische Kirche in Österreich "in einer schwierigen Situation, aber nicht in einer hoffnungslosen".

Sie habe sich der "Missbrauchskrise" gestellt, sagte er am Sonntag in der ORF-"Pressestunde", wobei die Gründe des Vertuschens und der Umgang mit der "schwarzen Pädagogik" gesamtgesellschaftlich noch nicht aufgearbeitet seien.

Er selbst habe als Schüler erlebt, wie sein Gymnasialdirektor und alle Eltern und Lehrer weggeschaut hatten, als ein Professor Kinder systematisch spitalsreif geprügelt habe, so Schönborn. Darüber nicht zu reden und Gewalttäter einfach zu versetzen sei damals ein "kulturelles Phänomen" gewesen. "Gott sei Dank hat sich das geändert", sagte der Kardinal. "Die Wahrheit macht frei. Das ist ein wichtiges Wort Jesu." Positiv sei auch, dass die Zeit der vielen Internate - "strukturell gefährliche, gefährdete Orte" - vorbei sei.

Zu seiner Bestätigung eines 26-jährigen, in einer eingetragenen Partnerschaft lebenden Homosexuellen als Pfarrgemeinderat in der Weinviertler Gemeinde Stützenhofen betonte Schönborn, dieser habe ihn "auch christlich sehr beeindruckt" und sei ein "wirklich liebenswürdiger Mann". Ursprünglich habe er selbst auch gemeint, dass dies mit den Regeln nicht kompatibel sei. Jedoch: "Ich frage mich immer in diesen Situationen, wie hat Jesus gehandelt. Er hat zuerst den Menschen gesehen."

Den Klagen der Pfarrerinitiative über einen drohenden Priestermangel stellte er den zunehmenden Schwund an Gläubigen gegenüber. Angesprochen auf Korruptionsfälle in Österreich verwies Schönborn auf "das Schreckliche am Berlusconi-Regime". Korruption sei für ein Land eine Katastrophe, weil sie die Substanz des menschlichen Miteinanders zerstöre. Auch die Kirche müsse sich wie alle in Sachen Moral am Riemen reißen.

In Sachen Asyl bezeichnete der Erzbischof die Schubhaft als "Schandfleck". In Österreich fehle weitgehend eine Immigrationspolitik. Sorgen macht sich Schönborn auch bezüglich der im kommenden Jahr anstehenden Wahlgänge. Es bestehe die Gefahr der billigen Slogans, des Hetzens und des Aufbauens von Feindschaften. "Hier müssen wir wirklich den Anfängen wehren."