Erstellt am 14. November 2010, 07:35

Sexuell missbrauchte Kinder - Enorm hohe Dunkelziffer. 512 Fälle von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Buben sind im Jahr 2009 angezeigt worden. Den wenigen bekannten Opfern steht eine Vielzahl von Kindern gegenüber, deren Leid unentdeckt bleibt.

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"Die Dunkelziffer ist enorm, das Ausmaß ist um ein Vielfaches höher", sagte Hedwig Wölfl, fachliche Leiterin der "möwe"-Kinderschutzzentren, im APA-Gespräch. Internationale Studien gehen von fünf bis zwölf Prozent an Betroffenen in der Bevölkerung aus, wie auch eine Umfrage der "möwe" im Jahr 2009 zeigte.

Rund 80 Prozent der Taten finden in einem Vertrauensverhältnis zwischen dem Kind und dem Täter statt. 44 Prozent der Täter und Opfer stehen laut Statistik des Bundeskriminalamtes in einer familiären Beziehung zueinander, davon werden rund 24 Prozent der Taten im gemeinsamen Haushalt verübt. Weitere 40 Prozent der Opfer werden von einem Bekannten missbraucht. Sexueller Missbrauch durch Fremde sei laut Hedwig Wölfl der Ausnahmefall (fünf Prozent im Jahr 2009; zehn Prozent waren Zufallsbekanntschaften).

"Für die Dynamik, die entsteht, braucht es eine Vertrauensbeziehung." Scham, Angst und Schuldgefühle legen sich wie eine Mauer um die Psyche des Opfers. Das mache es für ein kleines Kind so schwer, darüber zu sprechen und Hilfe zu holen. Bei Missbrauch entstehe ein Loyalitätskonflikt. Man vertraut der Person, sie hat eine gewisse soziale Stellung, sagte Hedwig Wölfl. Manchmal sei es aber auch der nette Nachbar, bei dem man schon Bier trinken darf. "Positives Beziehungserleben macht langfristigen Missbrauch ebenfalls möglich und erklärt die besondere Dynamik", erläuterte die Expertin.

Schuldgefühle würden entstehen, weil der Täter das Vorgefallene auf das Kind schiebt. "Etwa mit Worten wie 'Du bist ja die Hübscheste'", schilderte Hedwig Wölfl, somit werde die Verantwortung für den Missbrauch auf das Kind verschoben. Gleichzeitig stehen sexuell missbrauchte Kinder häufig unter Geheimhaltungsdruck. Das Geheimnis zwischen Täter und Opfer dürfe nicht verraten werden, "das wiederum macht Schuldgefühle", sagte die Expertin.

In den meisten Fällen brauchen Opfer von sexuellem Missbrauch sechs bis sieben Anläufe, bis ihnen geholfen wird. Die größte Opfergruppe sind Mädchen im Alter von zehn bis 14 Jahren (46 Prozent aller missbrauchten Kinder im Jahr 2009). Generell sind drei von vier Missbrauchsopfern unter 14 Jahren weiblich. Was die Altersstruktur der Mädchen und Buben betrifft, sind 58 Prozent zwischen zehn und 14 Jahre alt, 25,6 Prozent sechs bis unter zehn Jahre und rund 16 Prozent sind unter sechs Jahre alt.

Die Täter sind 2009 in 97 Prozent der Fälle männlich gewesen. 37,6 Prozent davon waren 40 Jahre und älter, rund 26 Prozent sind 25 bis 40 Jahre alt, 17 Prozent der Verdächtigen sind Burschen von 14 bis 18 Jahren. Missbrauch durch Frauen sei laut Hedwig Wölfl noch ein großes Tabu und unerforschtes Thema, vordergründig fände es durch sexualisierte Zärtlichkeiten oder Pflegehandlungen statt.

Laut Statistik halten sich die Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch von Unmündigen nach Paragraf 206 StGB (mit erfolgter Penetration) und sexuellem Missbrauch nach Paragraf 207 StGB ungefähr die Waage. Die meisten Anzeigen wurden im Jahr 2009 in Wien (115) erstattet, gefolgt von Niederösterreich (95), Steiermark (73), Oberösterreich (72), Vorarlberg (54), Tirol (49), Kärnten (25), Salzburg (19) und Burgenland (10).