Erstellt am 30. August 2015, 10:51

von APA/Red

Spezialteam rückt zur Identifizierung an. Im Burgenland ist ab Sonntag ein Spezialteam zur Identifizierung der 71 toten Flüchtlinge, die am Donnerstag in einem Kühltransporter auf der A4 entdeckt worden sind, im Einsatz.

 |  NOEN, HERBERT P. OCZERET (APA)
In Wien läuft derzeit die Obduktion der 71 toten Menschen des Flüchtlingsdramas auf der A4. Am Freitag wurden sechs, am Samstag zehn weitere Flüchtlinge obduziert. Wohin die Leichen nach der Obduktion, die wohl Mitte, Ende der Woche abgeschlossen sein dürfte, gebracht werden, war zunächst unklar und dürfte eine Frage der Kapazität sein, hieß es von Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil.

"Wir werden gemeinsam mit der Gerichtsmedizin Wien und der Bestattung Wien entscheiden müssen, ob sie in Wien bleiben können. Wenn dort die Kapazitäten nicht ausreichen, überstellen wir sie wieder zurück nach Nickelsdorf in die Veterinärdienststelle, weil dort eben eine Kühlsituation vorhanden ist", erläuterte der Polizeichef im Gespräch.

Bestattung hängt von Konfession ab

"Die Bestattung wird auch davon abhängen, inwieweit man verifizieren kann, welcher Konfession diese Menschen angehören. Falls sie der islamischen Religion angehören, gibt es durchaus schon Intentionen der Islamischen Glaubensgemeinschaft, hier vielleicht eine Bestattung in Wien durchzuführen."

Meldet sich niemand bzw. gibt es keine Angehörigen, sei "in letzter Konsequenz die Gemeinde, in der sie aufgefunden worden sind, zuständig" - also Parndorf, erklärte Doskozil. Man habe diesbezüglich bereits mit dem Vizebürgermeister Kontakt aufgenommen, da der Ortschef auf Urlaub sei, sagte der Landespolizeidirektor. Generell müsse man allerdings erst warten, bis die Leichen von der Staatsanwaltschaft freigegeben werden.

Genaue Herkunft der Flüchtlinge noch offen

Offen blieb vorerst auch, woher genau die toten Flüchtlinge kommen. Im Burgenland seien bis Mitte, Ende Juli mehr Afghanen als Syrer aufgegriffen worden. Das sei das Hauptklientel. Darüber hinaus gebe es noch die Flüchtlingsgruppe der Pakistani und Iraker, meinte Doskozil. Das seien die vier "Kernnationalitäten", wobei mit Abstand die meisten aus Afghanistan und Syrien stammen. "Jetzt ist ein syrischer Reisepass darunter, jetzt kann man mutmaßen, dass es sich um eine syrische Gruppe handelt, oder ein paar Syrer. Es kann aber durchaus gemischt sein. Das wissen wir aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht."

Hoffnung auf Kontakt zu Angehörigen und somit auf Identifizierung besteht u.a. auch durch die sichergestellten Handys - es sollen etwa zehn Stück sein, genaue Zahlen konnten nicht genannt werden - und aufgrund der eingerichteten Hotline. Unter der Telefonnummer 059 133 10 3333 können sich Personen melden, die jemanden unter den 71 toten Flüchtlingen vermuten.

Hotline mit drei Dolmetschern

"Wir haben am Freitag bemerkt, dass wir mit Englischdolmetscher nicht 100 Prozent unterwegs sind und haben am Samstag die Hotline mit zwei Arabischdolmetschern verstärkt", sagte der Polizeidirektor. Nun sei die Hotline mit insgesamt drei Dolmetschern besetzt. Am Freitag haben sich etwa 30 bis 40 Personen telefonisch gemeldet, rund 35 Anfragen kamen per E-Mail. Hinweise zur Identität einzelner Flüchtlinge gab es zunächst allerdings nicht. Auch Angehörige haben man dadurch zunächst nicht ermitteln können.

Sollten sich Verwandte melden, müsse überlegt werden, ob eine Identifizierung aufgrund eines Augenscheines stattfinden soll. "Das wird vielleicht bei dem einen oder anderen durchaus möglich sein, bei dem ein oder anderen aber nicht. Das muss man dann entscheiden", erklärte Doskozil. Gibt es Angehörige, ist ein wesentlicher Faktor, dass von ihnen DNA-Material, also beispielsweise eine Zahn- oder Haarbürste, an die Polizei übermittelt wird. "Das wird aber wahrscheinlich auch schwierig sein", räumte Doskozil ein. Ob es möglich sei, über einen Verwandten und dessen DNA zumindest die Identität der toten Flüchtlinge zu klären, wisse er nicht. "Einfach ist es nicht."

Lkw muss noch technisch untersucht werden

Der Lkw, in dem die 71 toten Flüchtlinge entdeckt worden waren, wird derzeit technisch. Hinweise auf Fluchtversuchte gab es vorerst keine. Der Transporter war von außen auch mit einem Draht versehen. Im Fokus steht insbesondere die Kühlanlage und die Frage, ob diese vielleicht präpariert worden ist, dass eine Luftzufuhr stattfinden kann, sagte Doskozil.

Damit soll untersucht werden, wie dicht der Lkw war. Diese Auswertung sei ein Faktor, um ein Weg-Zeit-Diagramm erstellen zu können, um eventuell auch den Todeszeitpunkt zu klären, sagte der Landespolizeidirektor. Hier müsse man schauen, wie weit dieser eingeengt werden kann. Dann können man eine Aussage treffen, wo höchstwahrscheinlich der Tod eingetreten sei - in Österreich oder noch vor der Grenzüberfahrt in Ungarn.

Dies dürfte auch für Zuständigkeit der Behörden der beiden Länder interessant sein. Am Samstag berichtete die Staatsanwaltschaft des Komitats Bacs-Kiskun in einer Aussendung, dass der Todes-Lkw in der ungarischen Stadt Kecskemet gestartet sein soll. Demnach hätten die vier verdächtigten Schlepper - drei Bulgaren und eine Afghane, die sich zur Zeit in Ungarn in U-Haft befinden - die illegal über die ungarische Grenze geflohenen Flüchtlinge in Kecskemet aufgenommen und dann weiter nach Österreich transportiert, weshalb der Fall in die Kompetenz der für Kecskemet zuständigen Staatsanwaltschaft falle.

"Kein Streit über die Zuständigkeit"

Aber auch die Staatsanwaltschaft Eisenstadt fühlt sich zuständig. Sprecherin Verena Strnad hielt heute, Sonntag, allerdings fest: "Es ist zu betonen, dass es keinen Streit über die Zuständigkeit gibt. Es ist wichtig, den Beschuldigten vor Augen zu führen, mit welchen strengen Sanktionen sie rechnen müssen." Die zentrale Aufgabe sei die Aufklärung des Falles, sagte Strnad und betonte einmal mehr die gute Zusammenarbeit mit den ungarischen Behörden. Man stehe auch seitens der StA in engen Kontakt. Ob die vier Verdächtigen nach Österreich ausgeliefert werde, hänge "untrennbar" mit der Frage der Zuständigkeit zusammen. Dazu werde es Gespräche geben.

Von der burgenländischen Polizei wurde am Samstag ein Ermittlungsteam nach Ungarn geschickt. Wie lange die Beamten aus Österreich dortbleiben werden, hänge damit zusammen, was die Gespräche mit der Führung des Polizeikomitates ergeben, erläuterte Doskozil. Jedenfalls werde mit dem Direktor abgeklärt, was erforderlich sei. "Um den Informationsfluss auch entsprechend aufrecht zu erhalten, wird der eine oder andere Beamte sicherlich dortbleiben." Vernehmungen können die österreichischen Ermittler allerdings keine durchführen.

Hinweise zu Hintermännern fehlen

Bei den vier Verdächtigen soll es sich "sicher" um die unterste Ebene in der Schlepper-Hierarchie handeln, sagte der Polizeichef. Hinweise zu Hintermännern habe man nicht. Das sei auch "das Schwierigste" an dem Fall.

Wie viel die Flüchtlinge für die Todes-Fahrt bezahlt haben, sei ebenfalls unklar. Es gebe generell Flüchtlinge, die hier ankommen und durchaus noch Geld haben, weil offensichtlich auch in Etappen bezahlt werde. "Das heißt, man weiß gar nicht wo die Zieldestination gewesen wäre, wo noch etwas zu bezahlen gewesen wäre. Aber aus Erfahrung geht man davon aus, dass eine Schleppung von Syrien 3.000 bis 5.000 Euro kostet. Aber es ist jetzt schwierig zu sagen, was die Personen schon bezahlt haben."

Jenen Beamten, die mit dem Fall zu tun haben bzw. gar den Lkw am Donnerstag geöffnet und den grausigen Fund gemacht haben, wird psychologische Hilfe angeboten. Explizit verlangt oder in Anspruch genommen worden sei das laut Polizei noch nicht. Aber Polizeisprecher Gerald Pangl, waren bzw. sind mehrere psychologisch speziell ausgebildete Beamte u.a. bei Tatortarbeiten dabei. Dabei handle es sich um Kollegen des sogenannten "Peer Support", die Polizisten nach belastenden Ereignissen unterstützen.