Erstellt am 23. Juli 2011, 11:49

Über 90 Tote bei Anschlag und Massaker in Norwegen. Bei den Anschlägen in Norwegen sind nach Angaben der Polizei insgesamt mindestens 91 Menschen getötet worden. Allein auf der Insel Utöya seien 84 Menschen ums Leben gekommen, erklärte die Polizei am Samstag.

 |  NOEN, JON BREDO OVERAAS (SCANPIX NORWAY)
Dies sei noch nicht die endgültige Bilanz: Im Wasser um die Insel werde nach weiteren Opfern gesucht. Zudem wurden in Oslo durch die Explosion einer Autobombe laut bisherigen Angaben sieben Menschen in den Tod gerissen. Die Polizei legt dem auf Utöya festgenommenen Verdächtigen beide Anschläge zur Last.

Der Verdächtige ist offiziellen Angaben zufolge 32 Jahre alt und soll nach Medienberichten Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen haben. Die Internetseite des Tatverdächtigen lasse eine rechtsextreme, christlich-fundamentalistische Haltung erkennen, erklärte die Polizei am Samstag. Die Regierung warnte aber vor voreiligen Schlüssen. Es sei noch "zu früh, um die Motive und Gründe hinter den Angriffen zu kommentieren", und er wolle nicht über die Motive der Attentate spekulieren, erklärte Ministerpräsident Jens Stoltenberg bei einer Pressekonferenz am Samstag.

Norwegen habe Probleme mit Rechtsextremen. "Aber verglichen mit anderen Ländern würde ich nicht sagen, dass wir ein großes Problem mit ihnen haben", sagte Stoltenberg weiter. "Wir haben einige Gruppen, wir sind ihnen nachgegangen und unsere Polizei weiß, dass wir einige rechte Gruppen haben." Justizminister Knut Storberget erklärte, das Land habe darauf verzichtet, nach den Anschlägen am Freitagabend die Warnstufe für Sicherheitsgefahren zu erhöhen.

Norwegische Medien hatten zuvor bereits über ein rechtsextremes Motiv des Mannes berichtet, den sie als groß, blond und mit blauen Augen beschrieben. Der Polizei zufolge werden dem 32-Jährigen beide Anschläge zur Last gelegt. Auch wegen Verdachts auf eine terroristische Handlung werde gegen ihn ermittelt. Der Mann, der bisher nicht im Blickfeld der Polizei gewesen sei, sei bereit zur Aussage. Man stehe aber vor "äußerst umfassenden und langfristigen Ermittlungen". Deshalb wolle man vorerst keine Details über die beiden Anschläge veröffentlichen. Der Festgenommene gilt für die Polizei als Täter beider Anschläge. Allerdings sei nicht auszuschließen, dass noch andere beteiligt waren.

Stoltenberg bezeichnete das mutmaßliche Doppelattentat als "nationale Tragödie". "Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg ist unser Land von einem Verbrechen dieses Ausmaßes getroffen worden."

Der Regierungschef verwies auf "die Angst, das Blut und den Tod", mit denen die jugendlichen Teilnehmer des Sommercamps der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF auf Utöya konfrontiert gewesen seien. "Das ist ein Alptraum", sagte Stoltenberg, der auch Chef der sozialdemokratischen Arbeiterpartei ist. Ihn schmerze der Angriff umso mehr, als er Utöya seit 1974 jedes Jahr besucht habe. "Ich habe dort Freude, Engagement und Sicherheit erfahren", sagte Stoltenberg. Nun habe sich in dem Sommerlager "eine brutale Gewalt ereignet und ein Paradies der Jugend wurde in wenigen Stunden zur Hölle". Die Flaggen im Land würden nun auf Halbmast gesetzt.

Der Regierungschef will nach eigenen Worten weiter auf die freiheitlichen Werte seines Landes setzen. Norwegen sei "eine offene Gesellschaft, es ist eine sichere Gesellschaft, wo man eine politische Debatte führen kann, ohne bedroht zu werden". Die Anschläge würden Norwegen aber verändern, und die Regierung werde nun reagieren, damit diese Werte nicht ihn Gefahr gerieten. König Harald V. sprach von einer "unfassbaren Tragödie": "Es ist wichtig, dass wir zusammenstehen und einander stützen."

Beim Anschlag auf das Ferienlager auf der Insel Utöya war der Täter offenbar mit einer Pistole und einem Gewehr ausgerüstet. Als Augenzeuge berichtete ein von der Jugendorganisation AUF beauftragter Wachmann, der mutmaßliche Attentäter sei in einem silbergrauen Lieferwagen gekommen. Er habe sich an Land als Polizist ausgewiesen und über der entsprechenden Uniform auch eine schusssichere Weste getragen. Er sei mit den zwei Waffen gekommen. Weiter berichtete der als Wache fungierende Simon Bränden Mortensen: "Er sagte, er sei geschickt worden, um die Sicherheit zu überprüfen. Das sei reine Routine nach dem Anschlag in Oslo."

Der mutmaßliche Täter wurde mit einem Boot der Ferienlager-Organisation auf die kleine Insel gebracht, wo gut 600 Jugendliche ihre Ferien verbrachten. Dort schoss er als erstes in eine Versammlung, bei der die Buben und Mädchen über den Anschlag in Oslo informiert werden sollten. Viele Jugendliche stürzten sich ins Wasser und versuchten, dem Angriff auf diesem Weg zu entkommen.