Erstellt am 04. September 2015, 13:28

Weiterer Schlepper-Fall: 81 Personen entkamen aus Lkw. Im Zuge der Ermittlungen im Zusammenhang mit dem vor etwa einer Woche bekannt gewordenem Schlepperdrama auf der Ostautobahn (A4) hat die Polizei einen ähnlichen Schlepperfall aufgedeckt.

Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil (L.) und der Leiter der Staatsanwaltschaft Eisenstadt, Johann Fuchs.  |  NOEN, ROBERT JAEGER (APA)
Die Polizei hat im Zuge der Ermittlungen zu dem vor einer Woche bekannt gewordenen Flüchtlingsdrama auf der Ostautobahn (A4) einen ähnlich gelagerten Schlepperfall aufgedeckt. 81 Personen seien in einem fast bauartgleichen Fahrzeug - ebenfalls einem Kühltransporter - wie der Todes-Lkw auf der A4 nach Österreich geschleppt worden, von der "selben Tätergruppe", sagte Polizeichef Hans Peter Doskozil.

Die Täter führten diesen Transport am 27. August durch - genau an jenem Tag, an dem der Lastwagen mit den 71 Toten entdeckt wurde. Diese Flüchtlinge seien in einer ähnlich lebensbedrohenden Situation gewesen. Den 81 Personen im zweiten Lkw sei es gelungen, "mit einem Brecheisen die Seitentür des Fahrzeugs während laufender Fahrt zweimal zu öffnen, weil zu wenig Luft im Lkw war", erklärte Doskozil. Offenbar sei der Fahrer dann jeweils stehen geblieben und habe das Fahrzeug wieder verschlossen.

In Gols beim Kreisverkehr im Bezirk Neusiedl am See setzte der Schlepper schließlich die Flüchtlinge aus. Diese Fahrt sei eindeutig einem in Ungarn Inhaftierten zuzuordnen, sagte Doskozil. Diese Schleppung sei jedenfalls für Österreich bestimmt gewesen. Hinweise zu dem Fall erhielt die Polizei, nachdem Medien Fotos veröffentlichten. Betroffene Flüchtlinge meldeten sich aktiv bei der Polizei, sechs wurden bereits einvernommen.

"Den Zeugenangaben zufolge verhält es sich so, dass es ebenfalls ein Kühlfahrzeug ist, ähnlicher Bauart, ähnlicher Größe", erklärte Doskozil. Der einzige Unterschied sei gewesen, dass das zweite Fahrzeug an der Seitenwand eine Öffnung hatte, eine Seitentür. Zudem seien beide Lastwagen auf den selben Besitzer zugelassen. Das Kennzeichen sei den Ermittlern bekannt, wo der sich der Lkw befand, blieb vorerst unklar.

Beide LKW gleichzeitig gestartet?

Laut Doskozil wurden die beiden Schlepper-Fahrzeuge unmittelbar vor den Fahrten nach Österreich gekauft und zugelassen. "Es kann durchaus sein, dass die 71 Personen die erste Schlepperfahrt gewesen sind", sagte der Polizeichef. Theoretisch sei es auch möglich, dass beide Lkw gleichzeitig gestartet sind. Jener mit den 71 Toten fuhr am 26. August um 5.00 Uhr in Südungarn an der serbischen Grenze weg. "Der zweite Lkw ist am 27. in Österreich angekommen. Über die Abfahrt in Ungarn wissen wir derzeit nichts Konkretes", sagte Doskozil. Ebenfalls unklar blieb, ob im zweiten Lkw Frauen und Kinder waren.

Nachdem man die 81 Personen aufgegriffen habe, seien sie nach Vordernberg zur asylrechtlichen Behandlung gekommen, sagte der Polizeichef. Danach wurden sie teilweise in Traiskirchen, teilweise in Verteilerzentren gebracht.

Die Polizei hat am Freitag auch Fotos der mutmaßlichen Schlepper veröffentlicht, da nicht ausgeschlossen werden könne, dass die Täter noch weitere Schleppungen durchgeführt haben. Unter der Hotline 059-133-10-3333 bittet die Polizei nun die Bevölkerung um weitere Hinweise.

DNA-Spuren und ein Handflächenabdruck entdeckt

Eine Woche nach der Entdeckung von 71 Leichen in einem Lkw auf der Ostautobahn (A4) im Burgenland hat die Polizei am Freitag in Eisenstadt zudem mitgeteilt,  dass DNA-Spuren und ein Handflächenabdruck der Verdächtigen am Fahrzeug sichergestellt worden sind. Die geschleppten Flüchtlinge dürften noch in Ungarn gestorben sein. "Faktum ist, dass es sich (bei den Festgenommenen, Anm.) tatsächlich um jene Tätergruppe handelt, die diese Schleppung am 26. bzw. 27. August durchgeführt hat", sagte Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil bei einer Pressekonferenz. Der Lenker des Lkw sei definitiv unter fünf in Ungarn Festgenommenen.

Laut dem Polizeichef könne man die Todesursache noch nicht zu 100 Prozent sagen, aber aufgrund der Anzahl der Personen und des Volumens des Lkw "gehen wir davon aus, dass innerhalb kürzester Zeit der Erstickungstod noch in Ungarn der Tod eingetreten ist", betonte Doskozil. Das Fahrzeug war laut technischer Untersuchung luftdicht. Laut Verena Strnad von der Staatsanwaltschaft Eisenstadt wurden die Obduktionen abgeschlossen.

Fahrzeug war luftdicht verschlossen

Laut Doskozil war der Lkw, in dem die toten Flüchtlinge entdeckt worden waren, luftdicht abgeschlossen. Das habe die technische Untersuchung des Fahrzeuges, die bereits abgeschlossen sei, ergeben. Außerdem war das Kühlaggregat nicht angeschlossen. Dieses hätte allerdings auch keine Frischluftzufuhr ermöglicht, erläuterte der Polizeichef.

Unter den fünf in Ungarn festgenommenen Personen befindet sich laut Exekutive auch der Lenker. Dies haben sowohl DNA-Spuren und ein Handflächenabdruck gezeigt, als auch Zeugenaussagen untermauert.

Der Lkw sei am 26. August um 5.00 Uhr an der serbisch-ungarischen Grenze gestartet. Aller Voraussicht nach habe er um 10.00 Uhr die österreichische Grenze überschritten. Am darauffolgenden Tag, am 27. August, haben die Beamten dann den in einer Pannenbucht der Ostautobahn bei Parndorf (Bezirk Neusiedl am See) abgestellten Kühltransporter kontrolliert und die toten Flüchtlinge entdeckt.

Die genaue Rollenverteilung der insgesamt sechs Festgenommenen blieb unklar. Fünf Personen befinden sich in Ungarn, eine Person in Bulgarien in Polizeigewahrsam. Unter ihnen befinde sich der "Lenker dieses Transportes und die anderen Personen stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit diesem Transport", sagte Verena Strnad, Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Reisedokumente dürften Toten gehören

Die 71 toten Flüchtlinge, die vor etwa einer Woche in einem auf der Ostautobahn abgestellten Lkw entdeckt wurden, dürften aus den Ländern Syrien, Irak und Afghanistan stammen. Man gehe derzeit davon aus, dass die sichergestellten Reisedokumente den Toten gehören, sagte Doskozil.

"Angesichts des fortgeschritten Verwesungszustandes wird es vielleicht nicht in allen Fällen möglich sein, die Opfer identifizieren zu können", betonte der Polizeichef.