Erstellt am 02. September 2015, 16:37

von APA/Red

Zugeschweißter Lkw für Innenministerin "rollendes Gefängnis". Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) zeigte sich Mittwochnachmittag schockiert über die Brutalität jener Schlepper, die Flüchtlinge in einen zugeschweißten und versperrten Klein-Lkw transportiert haben.

 |  NOEN, APA (Symbolbild)

Laut Polizeisprecher sei das Fahrzeug ein "rollendes Gefängnis" gewesen, in dem die Menschen auf der Ladefläche keine Chance gehabt hätten.

"Nein, so brutal", sagte Mikl-Leitner kopfschüttelnd, als sie in Wien-Landstraße bei einem Pressetermin das Fahrzeug begutachtete. "Unmöglich und unmenschlich!" Die Flüchtlinge, jugendliche Afghanen, berichteten von der skrupellosen Vorgangsweise der Schlepper. Während der Lenker bereits bei laufendem Motor am Fahrersitz Platz genommen hat, hatte ein Komplize die 16- bis 20-jährigen Burschen in das Auto "hineingestopft", berichtete Keiblinger. Die Burschen waren auf knapp sechs Quadratmeter zusammengepfercht. Wenn sie nicht rechtzeitig gefunden worden wären, dann hätte das "sehr tragisch und sogar mit dem Tod dieser Menschen enden können", meinte Keiblinger.

Polizei arbeitet auf Hochtouren

Die Schlepper hätten arbeitsteilig agiert, um im Fall des Auffliegens eine Identifizierung der Beteiligen unmöglich zu machen. Die Polizei arbeitet auf Hochtouren, um an die Hintermänner der Kriminellen zu kommen. Bisher gab es die Festnahme des 30-jährigen Fahrers, ein Rumäne, der sich in der Einvernahme schweigsam zeigte. "Welche Ängste diese Menschen in diesem Transporter gehabt haben müssen, ich glaub, das kann sich niemand von uns vorstellen", sagte Mikl-Leitner. "Das war im wahrsten Sinne des Wortes eine Lebensrettung."

Seit Sonntagabend wurde die Anzahl der Kontrollen im Kampf gegen die Schlepperkriminalität erhöht. "Es konnten schon einige Schlepper dingfest gemacht und Menschenleben gerettet werden", berichtete die Ministerin. Mikl-Leitner reist am Freitag nach Mazedonien und trifft dort mit den Amtskollegen aus Mazedonien, Serbien und Ungarn zusammen, da diese Länder an der Schlepperroute von Griechenland aus Richtung Deutschland liegen. "Es gilt hier ein Vorgehen mit voller Konsequenz und aller Härte gegen Schlepper."

Europa steht vor einer enormen Herausforderung

Ganz Europa stehe vor einer enormen Herausforderung, meinte die Innenministerin. "Und da gibt es nur zwei Möglichkeiten, entweder Europa scheitert oder wir gehen's gemeinsam an", betonte Mikl-Leitner.

Nach dem vierten Tag seit dem Beginn der Schwerpunktkontrollen gegen Schlepper auf den Verkehrsrouten in der Ostregion hat sich die Zahl der bekannt gewordenen Festnahmen am Mittwoch auf 33 erhöht, davon erfolgten 24 im Hotspot Burgenland. Bei der Zahl der Flüchtlinge war "vorerst ein leichter Rückgang feststellbar", sagte Oberstleutnant Helmut Marban der APA - was sich aber jederzeit ändern kann.

Das Geschehen konzentrierte sich weiterhin auf den Bezirk Neusiedl am See und dort auf die ehemalige Grenzstelle an der Ostautobahn (A4) in Nickelsdorf. Nachdem im gesamten Bundesgebiet am Montag insgesamt 307 Flüchtlinge aufgegriffen wurden, waren es gestern Dienstag 305 Personen, berichtete Marban. Rund 100 Aufgriffe wurden heute Vormittag vermeldet. 239 Menschen wurden seit Sonntag alleine bei den Fahrzeugkontrollen angehalten. Die Zahl der im Burgenland von Dienstag auf Mittwoch gestellten Asylanträge betrug 169, in Summe machten sie seit dem Start der Aktion 416 aus.

Interessante Erkenntnisse erwachsen

"Es sind uns bereits interessante Erkenntnisse erwachsen", zog der Oberstleutnant auch eine erste Bilanz, wobei diese klarerweise nicht bekannt gegeben wurden. Man agiere jedenfalls flexibel auf das Verhalten der Schlepper, wie es im Grundkonzept der Aktion vorgesehen war. Extreme Fälle von Schleppungen, bei denen Menschen akut gefährdet waren, wurden seit Sonntagabend im Burgenland nicht registriert.

Ein solcher wurde indes gestern, Mittwoch, in Wien bekannt. 24 Afghanen wurden bereits in der Nacht auf Dienstag aus einem zugeschweißten Klein-Lkw gerettet. Insgesamt sind in Wien seit Montag fünf Festnahmen von mutmaßlichen Schleppern von der Landespolizeidirektion gemeldet worden, zwei davon in der Nacht auf Mittwoch. In den anderen bekannt gewordenen Fällen wurden Flüchtlinge syrischer und irakischer Herkunft jeweils in überladenen Minivans transportiert, in drei Fahrzeugen wurden insgesamt 29 Personen entdeckt.

"Mehrere hundert" Fahrzeuge kontrolliert

Im Rahmen der aktuellen Schlepper-Schwerpunktaktion hat auch die niederösterreichische Polizei seit Dienstag wiederum "mehrere hundert" Fahrzeuge kontrolliert, sagte Sprecher Markus Haindl am Mittwoch. Dabei wurden in den Kfz allerdings keine transportierten Flüchtlinge gefunden, Festnahmen von Verdächtigen gab es daher ebenfalls nicht.

In Oberösterreich hat die Polizei in der Nacht auf Mittwoch hingegen 21 Flüchtlinge aufgegriffen und einen Schlepper vorübergehend festgenommen. Die Polizei hielt den 34-jährige Iraker gegen 21.00 Uhr auf der Welser Autobahn (A25) an. Bei der Kontrolle stellte sich heraus, dass er drei Männer aus seinem Heimatland im Fahrzeug geschleppt hat. Er wurde nach der Einvernahme wieder freigelassen und auf freiem Fuß angezeigt. Besondere Zwischenfälle wurden nicht gemeldet.

Die jetzige Maßnahmen beginnen bei der Hauptroute A4 an der Grenze zu Ungarn und endet an der Grenze nach Deutschland - mögliche Umgehungsrouten werden dabei antizipiert. "Wir wollen Schleppern das Handwerk legen", definierte Konrad Kogler, Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, am Montag das Ziel der mit den Nachbarländern koordinierten Kontrollen.

Griechische Polizei entdeckte 103 Migranten

Die griechische Polizei entdeckte unterdessen 103 Migranten eng zusammengepfercht in einem Lastwagen auf einer Autobahn im Norden des Landes. Die Menschen seien alle wohlauf, berichtete das Staatsfernsehen (ERT1) am Mittwoch. Schlepper hätten versucht, sie nach Westeuropa zu bringen.

Die Migranten hatten zuvor den Grenzfluss Evros (türkisch: Meric) zwischen Griechenland und der Türkei überquert und sich dann mit den Schleppern getroffen. Die Polizei nahm vier Bulgaren und zwei Türken als mutmaßliche Schlepper fest. Die aus Syrien stammenden Migranten wurden registriert und freigelassen. Darunter seien auch 19 Kinder gewesen, hieß es.