Erstellt am 25. Mai 2016, 10:04

von Markus Stefanitsch

Agnes Ottrubay: „Auch Helfer brauchen Hilfe". Agnes Ottrubay sprach mit der BVZ über ihr Hilfsprojekt „Vis fontis“ und gab einen sehr persönlichen Einblick in ihre Charity-Tätigkeit.

»Die Arbeit ist manchmal auch schwer und emotional belastend, aber es gibt viele Erfolge und schöne Erlebnisse.« Agnes Ottrubay beim BVZ-Interview in Eisenstadt.  |  NOEN, Millendorfer

BVZ: Der Name Ihres jüngsten Projektes „Vis fontis“ bedeutet übersetzt „Kraft der Quelle“. Was ist Ihre persönliche Kraftquelle?
Agnes Ottrubay: In erster Linie die Vergangenheit und Freunde: Ich hatte eine sehr schöne Kindheit und das hält lebenslang an. „Vis fontis“ unterstützt Kinder, die in einer schwierigen sozialen Situation leben. Da denke ich immer an meine Kindheit und an meine eigenen Kinder – und das wünsche ich mir für jedes Kind. Die Arbeit mit „Vis fontis“ ist manchmal auch sehr schwer und emotional belastend, aber es gibt auch viele Erfolge und schöne Erlebnisse. Das gibt jeden Tag Kraft.

Was ist das primäre Ziel Ihrer Tätigkeit mit „Vis fontis“?
Wir leben in Österreich in einem reichen Land, uns geht es allen sehr gut. Natürlich gibt es, wie überall, Pro-bleme, aber ich will die Menschen darauf aufmerksam machen, dass es 100, 200 Kilometer von hier bereits große Armut gibt. Dabei sollen nicht nur tragische Geschichten erzählt, sondern gezeigt werden, dass es Menschen und Organisationen gibt, die dagegen sehr viel tun. Sie muss man unterstützen, denn auch die Helfer brauchen Hilfe. Wir wählen diese Organisationen sehr sorgfältig aus – Projekte in der Slowakei oder Ungarn, in der Ukraine, Rumänien oder Serbien, wo wir zur Zeit der Monarchie noch gut zusammengelebt haben. Da braucht es natürlich Geld und zugleich Mit-Denker. Jeder Mensch kann anderen helfen, das hat mit Reichtum und Armut nicht primär zu tun. Darauf möchten wir die Menschen in Österreich aufmerksam machen und das gelingt uns sehr gut.

x  |  NOEN, Millendorfer

Wo gibt es ein Beispiel für ein solch gelungenes Projekt?
Ein gutes Beispiel ist die ungarische Gemeinde Cserdi, die zuletzt auch im Rahmen eines Benefizabends mit dem Eisenstädter Theresianum im Mittelpunkt stand. Mit den Schülern wird jetzt ein Projekt unter dem Motto „Kinder helfen Kindern“ umgesetzt. Cserdi ist ein Dorf, in dem es vor acht Jahren jährlich noch über 600 Kriminalfälle gab. Heute sind es nur mehr fünf oder sechs Diebstähle im Jahr. Früher gab es dort viele Arbeitslose in dritter oder vierter Generation, heute keinen einzigen mehr. Dazu braucht man eine Persönlichkeit wie den Bürgermeister Bogdán László. Alle Kinder gehen in die Schule, was auch nicht selbstverständlich ist. Der Bürgermeister hat die Kinder sozusagen persönlich aus dem Bett herausgezogen und auch die Eltern. Und das ist auch die Idee: solche Persönlichkeiten zu unterstützen.

Sie sind ja auch selbst sehr engagiert und oft vor Ort …
Vor Kurzem war ich 1.000 Kilometer unterwegs, in der Slowakei und in Nordungarn. Ich bin sehr erschöpft nach Hause gekommen, auch emotional. Aber mit den unglaublich engagierten Helfern funktioniert das. Bei einem speziellen Projekt hat es mir zuletzt einen Stich im Herzen gegeben: Dabei wird ein Wochenende für Kinder auf einem Campingplatz organisiert. Wenn wir zum Campen fahren, dann kommen wir aus unserer schönen Wohnung heraus, um Abenteuer zu erleben. Sie fahren aber dorthin, weil es fließendes Wasser gibt und man versucht, den Kindern die Grundlagen der Hygiene beizubringen.

Ihre Tätigkeit klingt nach einem Full-Time-Job. Können Sie abschätzen, wie viele Stunden Sie da täglich aufbringen?
Momentan sehr viele. Mein Glück ist, dass meine Kinder schon außer Haus sind, und mein Mann arbeitet sehr viel. Ich befinde mich gerade in einer Phase des Lebens, in der ich es mir leisten kann. Man muss sich in der eigenen Haut wohl fühlen. Wenn ich nicht gesund bin – körperlich, geistig und auch seelisch –, dann kann ich anderen nicht helfen. So ist es auch bei den Hilfsprojekten: Am wichtigsten für Kinder ist Geborgenheit und Sicherheit. Wenn die Eltern keine Arbeit und keine Struktur in ihrem Leben haben, können sie ihren Kindern diese Sicherheit nicht geben.

Sie könnten zum Beispiel aber auch Golf spielen und „jetsetten“.
Ich möchte nicht scheinheilig sein, ich mag schöne Reisen sehr gerne. Aber das ist mir jetzt nicht wichtig. Als ich nach 1.000 Kilometern erschöpft nach Hause kam, war es für mich schöner als ein Golfturnier. Denn auch bei unseren Projekten geht es darum, den Kindern schöne Erlebnisse zu bieten. Ihr Leben können wir nicht ändern, aber dass sie aus diesen kleinen, einfachen Dörfern herauskommen und sehen, dass es auch etwas anderes gibt.

„Die Arbeit ist manchmal auch schwer und
emotional belastend, aber es gibt viele
Erfolge und schöne Erlebnisse.“

Wie sehen Sie die Situation in der Flüchtlingskrise? Ist das aus Ihrer Sicht beunruhigend oder denken Sie, Europa schafft das schon?
Ich bin ein sehr positiver Mensch und natürlich hoffe ich, dass Europa das schafft. Ich bin glücklich, dass ich hier keine Entscheidungen treffen muss. Dass Europa das schafft, dazu sind die Politiker da, die wir demokratisch gewählt haben. Und wir müssen hoffen, dass sie das schaffen. Und hinter den Politikern stehen die Zivilgesellschaft und viele Einzelpersonen. Wer möchte Migrant sein? Ich denke, niemand, aber auch die Migranten nicht. Jeder möchte am liebsten zuhause bleiben können, weil das am schönsten ist. Ebenso wichtig ist es, den Menschen, die schon seit Generationen unter uns leben, zu helfen. Natürlich blutet aber mein Herz, wenn über die Menschen, die in den Ländern rund um uns in großer Armut leben, wegen der Migration weniger gesprochen wird.

Was braucht es in der heutigen Zeit in der Gesellschaft?
Wir brauchen viel mehr Disziplin, müssen mehr daran denken: Was sind meine Pflichten – und nicht, was sind meine Rechte. Wenn wir das ernster nehmen und jeder daran denkt, was er für die Gesellschaft tun kann, dann würde sie viel weniger Probleme haben.

Was gibt Ihnen das Burgenland?
Ein Zuhause. Ich war über 40 Jahre alt, als ich ins Burgenland gekommen bin. Das ist eine Zeit, in der man nicht so leicht neue Freundschaften knüpft. Aber ich habe ein paar wirklich gute Freunde gefunden und dafür bin ich dem Burgenland auch sehr dankbar.

Stimmt es, dass es zu Beginn schwieriger ist, man dann aber voll aufgenommen wird?
Als wir nach Eisenstadt gekommen sind, haben alle gewusst, wir sind die Ottrubays. Natürlich gehört das zu mir, dass ich die Frau von Stefan Ottrubay bin. Da war ich vielleicht für einige interessanter oder weniger interessant. Nach 15 Jahren weiß ich aber, wer wirklich zu mir hält und zu wem ich halte.

Kränkt Sie das, wenn es – überspitzt gesagt – heißt: „Die Esterházys haben eh genug Geld“ und in der Gesellschaft wird nur ein Teil Ihrer Tätigkeit gesehen?
Ich bin eine Ottrubay und mein Mann ist ein Leitender der Esterházy-Stiftung. Das wird vielleicht manchmal vermischt. Natürlich kann man mehr tun, wenn man von finanziellen Problemen weniger belastet ist. Aber ich freue mich, wenn jemand mit einer Idee kommt oder wenn es zwei Tuben Zahnpasta als Geschenk für ein Projekt gibt. Das macht mich glücklich, und dass man uns unterstützt. Alle Probleme können wir nicht lösen, aber wir sollten mithelfen, wo wir können.


Zur Person

  • Aufgewachsen in Budapest, lebt Agnes Ottrubay seit dem Jahr 2001 in Eisenstadt. Sie ist verheiratet mit Esterházy-Generaldirektor Stefan Ottrubay und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

  • Nach Jobs in der Reisebranche und im Weinmarketing ist Agnes Ottrubay seit 1997 in zahlreichen karitativen Projekten tätig.

  • Mit der Stiftung „Vis fontis“ werden ausgewählte Organisationen unterstützt, die in Mittel- und Osteuropa soziale Projekte leiten. Infos unter www.visfontis.net