Erstellt am 30. Januar 2013, 11:51

ARGE Erziehungsberatung: Obsorge Neu könnte „großer Wurf“ sein. „Grenzwertig euphorisch“ über die neue gesetzliche Regelung der verpflichtenden Erziehungsberatung bei Scheidungen im Zuge der „Obsorge Neu“ zeigte sich die Leiterin der ARGE Erziehungsberatung und Fortbildung, Martina Leibovici-Mühlberger.

Denn momentan seien viele Eltern „grässlich uninformiert“. Dem „ganz großen Wurf“ stehe nur die Problematik des beratenden Personenkreises im Weg: Momentan könne jeder, der sich Erziehungsberater nennt, Eltern einen Beratungsbeleg ausstellen.

Bei einer einvernehmlichen Scheidung ist eine Erziehungsberatung ab 1. Februar Pflicht, bei einer strittigen Scheidung kann sie vom Richter per Weisung angeordnet werden. Das begrüßte auch Doris Täubel-Weinreich, Vorsitzende der Fachgruppe Familienrichter: „Die Menschen wissen viel zu wenig, wie sich eine Scheidung auf ihre Kinder auswirkt. Mit der verpflichtenden Erziehungsberatung kann viel abgefangen werden, bevor das Verfahren hoch strittig wird.“ Eltern müssen dem Richter einen schriftlichen Nachweis vorlegen. „Ich denke schon, dass es die Richter hier sehr genau nehmen werden“, meinte Täubel-Weinreich.

Im Gesetz ist zwar die Pflicht zur Beratung geregelt, nicht aber das Stundenausmaß, die Inhalte oder die beratenden Institutionen. So stehen sowohl Abendtermine, Wochenendworkshops, Gruppengespräche, aber auch Einzeltermine zur Verfügung – sie alle zählen gleichwertig als absolvierte Beratung. „Ich finde es gut, dass es verschiedene Angebote gibt“, so Täubel-Weinreich, „die Nachfrage wird bestimmen, was am besten funktioniert.“ Die Beratung ist kostenpflichtig, ein Abendtermin kostet etwa 28 Euro pro Elternteil. Das Gespräch muss nicht zusammen absolviert werden.

Auf der Homepage des Justizministeriums findet sich eine Liste von Institutionen, die eine Beratung anbieten. Aber sie seien nicht die einzigen, die einen Beleg für eine erfolgte Beratung ausstellen können, kritisierte Leibovici-Mühlberger. Es gebe keine gesetzlich geregelte Ausbildung zum Erziehungsberater und auch die Inhalte würden sich zum Teil stark voneinander unterscheiden. Deshalb forderte sie „ein ganz klares Verfahren mit ganz klaren Anforderungen“.

Auch das fehlende Berichtswesen über die Inhalte sei ein großes Problem bestätigte Familienrichterin Täubel-Weinreich. „Wie soll der Richter wissen, ob die Erziehungsberatung auf die Konflikte abzielt oder etwa darüber gesprochen wurde, wie ich das Kind in der Früh aus dem Bett bekomme.“

Auch die Weisung zur Erziehungsberatung in einem strittigen Verfahren beurteilte Leibovici-Mühlberger als Fortschritt: „Jetzt gibt es endlich die Möglichkeit, bereits schwer belastete Kinder zu erreichen. Wir hoffen, in Zukunft viel Leiden und viel Potenzialvernichtung bei Kindern auffangen zu können.“ Wünschenswert sei zudem ein größeres Bewusstsein in der Öffentlichkeit für den Umgang mit Kindern während eines Scheidungsverfahrens. „Die gesetzlichen Regelungen sind nur für Ehen vorgesehen, aber Kinder leiden auch bei Auflösung einer Lebensgemeinschaft“, erklärte Täubel-Weinreich.

Die 2001 gegründete ARGE Erziehung bietet bereits seit einigen Jahren freiwillige Erziehungsberatungen an, sie ist permanentes Mitglied der „Working Group on the Quality of Childhood“ des Europäischen Parlaments. Zudem wird ein etwa zweieinhalbjähriger Lehrgang zum Erziehungsberater angeboten, der von der Donau Universität Krems oder der Johannes Kepler Universität Linz zertifiziert ist.