Erstellt am 24. Dezember 2014, 06:58

von Markus Stefanitsch

Bischof Zsifkovics: „Heilige Familie war Flüchtlingsfamilie“. Bischof Ägidius Zsifkovics sprach mit der BVZ über die moderne Kirche, seine Kritiker, persönliche Zweifel und über die Landespolitik.

Bischof Zsifkovics  |  NOEN, Gregor Hafner

BVZ: Herr Bischof, welche Botschaft möchten Sie den Burgenländern für die Weihnachtsfeiertage mit auf den Weg geben?
Bischof Ägidius Zsifkovics: Weihnachten ist nicht nur das Fest der Geschenke, sondern es ist uns das größte Geschenk gegeben worden in Jesus Christus, der die Nähe zu jedem Menschen sucht. Weihnachten ist für uns vor allem auch ein Fest, an dem die Herbergssuche im Gang ist. Es ist heute auch sehr aktuell, dass wir Menschen, die auf der Flucht sind, Herberge geben. Weil vor allem auch die Heilige Familie sozusagen eine Flüchtlingsfamilie war.

„Auch die Heilsgeschichte ist noch nicht zu Ende“

x  |  NOEN, Gregor Hafner

Sie sind seit vier Jahren im Amt. Was waren da wichtige Schritte?
Es sind vier intensive Jahre gewesen. Vor allem ist am Anfang das Ankommen ganz wichtig. Dass man sich die Situation der Diözese in jeder Hinsicht ansieht und man schaut, wie man die Geleise in die Zukunft legen kann. Hier war es mein Anliegen, einen guten Übergang zu schaffen. Damit man das, was an Geschichte, an Werten und an bisher geleisteter Arbeit da ist, in Zukunft wieder auf neue Beine stellt und den Menschen so auch die Botschaft Jesu näher bringt.

Gibt es auch noch „Baustellen“, die Sie beschäftigten?
Es gibt immer Baustellen. Die Kirche ist letztlich eine Baustelle, die nie fertig ist, und wenn man an einer Ecke fertig zu sein meint, dann bricht schon die nächste wieder auf. Wir können nicht von einer fertigen Sache sprechen, weil auch die Heilsgeschichte noch nicht zu Ende ist. Aber natürlich waren es zuerst auch einmal bauliche Dinge, die ich in Angriff genommen habe – ob das der Bischofshof war oder andere Gebäude. Es gibt sicher noch weitere Baustellen, aber die wird es auch immer geben.

Zu Beginn Ihrer Amtszeit hat es auch Kritiker gegeben. Sogar die Worte „Der Bischof baut sich einen Palast in Eisenstadt“ sind gefallen. Schmerzt das?
Wenn man in der Seelsorge steht und Verantwortung in der Öffentlichkeit übernommen hat, ist man solche Dinge gewohnt. Aber ich habe mich davon nicht abhalten lassen. Mir geht es darum: Die Kritik muss der Sache dienlich sein. Sie ist auch gut, weil man selbst immer wieder reflektieren und sein Vorgehen rechtfertigen muss. Das ist auch eine gewisse Kontrolle für mich. Natürlich verhehle ich nicht, dass es einen als Mensch schmerzt, wenn ich unvernünftige Argumente höre – weil ich glaube, aus unserem Bischofshof kann man keinen Palast machen. Das ist ein Bau aus den 50er-Jahren, also unter einem Palais stelle ich mir etwas anderes vor. Es ist nicht gerade der Stall von Bethlehem, aber ich glaube, wir haben daraus ein offenes, transparentes Haus gemacht, in dem sich die Mitarbeiter wohlfühlen.

„Mentalität der Versorgung in eine der Mitverantwortung verändern“

Sie sind vielleicht jemand, der mehr polarisiert als Ihr Vorgänger, Bischof Iby. Was wollen Sie Ihren Kritikern ausrichten?
Die Botschaft Jesu ist eine herausfordernde, also wenn man will, auch eine polarisierende. Ich möchte nicht polarisieren um des Polarisierens Willen und um nur Lärm zu machen, sondern ich möchte die Menschen einfach auf die Sache Jesu hinweisen und vielleicht auch darauf, dass wir viele Fassaden, die wir uns über die Jahrzehnte und Jahrhunderte als Kirche, als Institution, aber auch als einzelne Christen zurechtgelegt haben, auch einmal hinterfragen und wenn möglich auch abtragen und sie zu einem glaubwürdigen Gebäude machen. Der Bischof hat allen voran die Aufgabe, immer wieder neue Wege aufzuzeigen, weil wir alle im Trott der Zeit sind und immer wieder mit dem Argument kommen: „Ja, es war schon immer so.“ Aber das kann nicht unser Argument sein.

An welchen Schrauben muss man bei der katholischen Kirche im Burgenland noch drehen?
Sie haben vorher von Baustellen gesprochen – ich glaube, eine Großbaustelle für uns ist jetzt noch der neue pastorale Weg. Das heißt, dass wir die Volkskirche, die sich langsam aber sicher verändert, sozusagen in eine neue Form bringen, sodass sie den heutigen Menschen – und vor allem den jungen Menschen – auch etwas geben kann, dass sie die Botschaft Jesu im Herzen berühren kann. Da sind wir in einem starken Umstrukturierungsprozess, der beginnt jetzt nicht nur bei strukturellen Dingen, der beginnt vorerst einmal im Kopf und im Herzen des Einzelnen.

x  |  NOEN, Gregor Hafner

Wir müssen die Mentalität der Versorgung in eine Mentalität der Mitverantwortung und Partizipation verändern können. Und das ist im Burgenland vielleicht nicht einfach, weil es doch eine ländliche Struktur ist und weil man sich an die Tradition und an das „Weil es schon immer so war“ so gewöhnt hat.

Da bringt jede Veränderung auch eine Verunsicherung mit sich. Trotz alldem müssen wir, um als Kirche wieder einen Schritt in die Zukunft machen zu können, in jeder Hinsicht zu Veränderungen bereit sein.

Bei einem der großen aktuellen Themen – der Wiederverheiratung – haben Sie ja sozusagen einen liberaleren Zugang …
Ich glaube, es geht um das generelle Thema: um die Familie in der Herausforderung der heutigen Welt. Für die Kirche bedeutet das, dass es hier viele Fragen und auch Probleme gibt – wie das Problem mit den wiederverheirateten Geschiedenen. Mir macht es Freude, dass man offen über diese Probleme spricht und versucht, hier Lösungen zu finden, die der Wahrheit des Evangeliums und auch der Barmherzigkeit Gottes entsprechen. Der Knackpunkt liegt darin, beides zusammenzuführen. Wenn das so leicht wäre, hätte die Kirche längst eine Antwort gefunden.

„Die dörflichen Regionen sind in Gefahr auszusterben“

Noch größere Aufregung gibt es um das Fortpflanzungsmedizin-Gesetz. Wie ist Ihr Standpunkt?
Ich glaube, bei aller Liberalität, die man an den Tag legt, und allem Fortschrittsglauben sollten wir nicht vergessen, dass das Kind ein Recht auf Vater und Mutter hat. Auch von unserem Schöpfungsglauben her hat Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen. Und Kinder sind ein Geschenk. Das ist auch meine persönliche Linie. Das ist nicht gegen alle anderen Verbindungen – die werden auch geschätzt und gewürdigt –, aber ich glaube, es ist das Recht der Kirche, hier wieder auf den biblischen Befund hinzuweisen.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Burgenlandes?
Ich kenne das Burgenland als Kind ja noch aus anderen Zeiten, wo die Dörfer und die Strukturen noch nicht so ausgebaut waren. Mein Schulweg führte mich von Hackerberg nach Mattersburg, da musste ich an einem Montag um halb drei Uhr früh aufstehen, um mit dem Bus um halb acht Uhr in Mattersburg zu sein. Die Veränderung hat natürlich viel Positives gebracht, aber sie hat auch ihre Spuren. Es wird alles schneller, die dörflichen Regionen, vor allem in Mittel- und Südburgenland, sind in Gefahr auszusterben. Wir müssen hier wirklich dranbleiben und Arbeitsplätze schaffen, damit die Menschen dort bleiben und die Regionen auch weiterhin liebens- und lebenswert bleiben.

Stichwort Arbeitsplätze: Gibt es Akzente, um den Priesterberuf für den „Nachwuchs“ attraktiver zu machen?
Ich glaube, das kann man am besten dadurch machen, je besser und glaubwürdiger vor Ort in den Pfarrgemeinden das Christentum erlebt wird. Ich kann nur von mir ausgehen: Ich wäre nie ins Priesterseminar gegangen, wenn nicht einerseits in der Familie schon die Atmosphäre geschaffen wurde, die das reifen lässt – aber vor allem nicht ohne das Vorbild des Pfarrers, das für mich immer ein nachzuahmendes war. Rund um meine Matura habe ich dann festgelegt, dass dies ein Weg für mich ist – mit allen Höhen und Tiefen.

„Im Wahlkampf keine Untergriffe, die nachher Schäden hinterlassen“

Hat es Momente gegeben, in denen Sie an dieser Entscheidung auch gezweifelt haben.
Ja, sicher. Es war nie so ernst, dass ich gesagt hätte, es ist jetzt Schluss, aber es hat sicher auch Phasen gegeben, wo man schon nachgefragt hat: Ist das wirklich etwas für dich, was du ein Leben lang durchhalten kannst? Das war zumindest auf dem Weg zur Priesterweihe so. Aber keiner ist gefeit, es kommen immer wieder Fragen auf einen zu.

Im Hinblick auf die kommende Landtagswahl – haben Sie eine Botschaft an die Politik?
Ich kann die Politik nur bitten, dass sie die Menschen im Blick hat, bei allen unterschiedlichen Auffassungen und Auseinandersetzungen. Dass man im Wahlkampf fair bleibt und es nicht zu Untergriffen kommt, die nachher Schäden hinterlassen.

Haben Sie auch materielle Wünsche zu Weihnachten?
Ich freue mich über jedes Geschenk. Und wenn es nicht zu persönlich ist, gebe ich es an andere Leute weiter, die damit große Freude haben.


„Word-Rap“:

Mein Lieblings-Hobby: Radfahren
Lieblings-Sport aktiv: Schwimmen
Lieblings-Sport passiv: Basketball
Mein Urlaubsort: Kroatien, weil ich mich auch dort zuhause fühle.
Kraft hole ich mir … im Gebet.
Traurig macht mich … wenn Vorurteile vorherrschen oder ungerecht geurteilt wird.
Zum Lachen bringt mich … ein guter Burgenländerwitz.
Meine Freizeit verbringe ich am liebsten … zuhause im Privaten.
Wäre ich nicht Bischof geworden, wäre ich jetzt … vielleicht Polizist, das war immer mein Traumberuf.