Erstellt am 02. Oktober 2015, 05:27

Der „Reiz des Südens“. Die BVZ präsentiert die Autorinnen und Autoren des Buches „Mein Burgenland“. Diese Woche: Energie-Burgenland-Vorstand Michael Gerbavsits über seinen Heimatbezirk Güssing.

»Wir brauchen eine Therme in Stegersbach!« Das touristische Leitprojekt im Landessüden geht auf persönlichen Einsatz zurück. Foto: MAXUM  |  NOEN, MAXUM
Mein Burgenland ist das südburgenländische Hügelland, der Bezirk Güssing, in dem ich aufgewachsen bin und die meiste Zeit meines Lebens gelebt habe. Es ist ein Gebiet, das über Jahrzehnte hinweg zu den ärmsten Regionen Österreichs gehörte; nicht umsonst war es vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 50er- und 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts das Zentrum der burgenländischen Auswanderungsbewegung – mehr als 9500 Menschen sind von hier nach Amerika emigriert. Im Jahr 1939 lebte jeder Fünfte, der im Bezirk Güssing zur Welt gekommen ist, in Amerika.

Noch in den 70er- und 80er-Jahren, der Zeit meiner Kindheit und der Jugendjahre, hat es hier buchstäblich „nichts“ gegeben: ein agrarisch geprägter Bezirk, in dem die Kleinbauern immer häufiger zu „Nebenerwerbs-Landwirten“ wurden; weit entfernt von den Ballungsräumen in Österreich; als einziger Bezirk Österreichs ohne Bahnanschluss; durch den „Eisernen Vorhang“ getrennt vom Nachbarland Ungarn – also im „toten Winkel“ Österreichs gelegen.

Mit dem „Arbeiterbus“ in die Bundeshauptstadt

Tausende Menschen waren Wochenpendler, vor allem nach Wien; am Montag um zwei oder drei Uhr in der Früh ging es mit dem „Arbeiterbus“ in die Bundeshauptstadt, am Freitagnachmittag nach Hause. Als Student bin ich selbst oft mit dem Arbeiterbus gefahren. Nicht selten ohne vorher auch nur eine Minute geschlafen zu haben, denn ein Sieg beim Fußballmatch am Sonntag musste ausgiebig gefeiert werden.

Eine Matura führende Schule gab es mit dem Gymnasium Güssing erst seit Mitte der 60er-Jahre. Es hat natürlich auch davor nicht „nichts“ gegeben: Die reizvolle Landschaft („die Toskana Österreichs“) war vorhanden; und es gab sehr tüchtige Menschen, die ihre Flexibilität über Jahrzehnte hinweg bewiesen haben, indem sie dorthin gependelt sind, wo es Arbeit gab.

Aber erst der Fall des Eisernen Vorhanges 1989, der Beitritt zur Europäischen Union 1995, die Einstufung des Burgenlandes als Ziel-1-Gebiet innerhalb der EU und die dadurch ermöglichte offensive Wirtschaftspolitik haben dazu geführt, dass sich mein Heimatbezirk sehr dynamisch entwickeln konnte und mittlerweile eine Region mit sehr hoher Lebensqualität ist. Und mit einem Arbeitsplatz- und Freizeitinfrastrukturangebot, das man sich vor 25 Jahren nicht hätte vorstellen können.

x  |  NOEN, Selfie Gerbavsits


Die regionale Wirtschaftsstruktur ist mittlerweile sehr stark durch den Dienstleistungssektor geprägt (64 Prozent der Arbeitsplätze). Natürlich gibt es weiterhin viele Menschen, die pendeln. Aber aus Wochenpendlern sind im Laufe der Zeit viele Tagespendler geworden. Nicht wenige kommen wieder zurück, wenn sie eine Familie gründen.

Und: Aus ganz Österreich ziehen immer mehr Menschen in den Bezirk Güssing, siedeln sich hier an, bauen beziehungsweise renovieren Häuser. Darunter sind auch sehr viele Künstlerinnen und Künstler, die hier eine zweite Heimat gefunden haben. Einige davon bereichern mit ihren Aktivitäten das umfangreiche kulturelle Angebot.

Natürlich hat es viele wichtige Investitionen in verschiedenen Branchen gegeben. Einen wesentlichen Beitrag zu dieser Erfolgsentwicklung hat aber das touristische Angebot rund um die Therme Stegersbach geleistet.
Ein Erfolg hat immer unzählige Väter. Und selbstverständlich haben viele Entscheidungsträger dazu beigetragen, dass Stegersbach zu einem touristischen Zentrum im Burgenland geworden ist. Aus eigenem Erleben weiß ich aber, dass ein Mann wirklich an der Wiege dieses Projektes gestanden ist: der ehemalige, überaus engagierte und sehr rührige Bürgermeister von Stegersbach, Walter Fabics.

Anfang der 90er-Jahre war ich junger Kommunalpolitiker in meiner Heimatgemeinde Gerersdorf-Sulz. Bei jeder politischen Veranstaltung im Bezirk, oft auch auf Landesebene, ist Bürgermeister Fabics beim Tagesordnungspunkt „Diskussion“ auf die Bühne gegangen – immer als erster Redner – und hat mit Leidenschaft für eine Therme in Stegersbach geworben. Ich habe seine so oft gehörten Worte noch immer im Ohr: „Herr Landeshauptmann! Jahrelang rinnt jetzt schon heißes Wasser in den Strembach. Das darf nicht sein, wir dürfen das doch nicht wegrinnen lassen. Wir brauchen eine Therme in Stegersbach!“

Auch mit Demonstrationen vor dem Landhaus in Eisenstadt hat er gedroht. Von einer damals ebenfalls überlegten Kuranstalt für Hautkrankheiten wollte er partout nichts wissen!

Therme Stegersbach als Initialzündung

Im Dezember 1995 schließlich hat sein unermüdliches Bemühen Früchte getragen. Ich war damals Mitarbeiter von Landeshauptmann Karl Stix. Für die Mittagszeit war wieder ein Gespräch mit Vertretern der Gemeinde Stegersbach anberaumt gewesen; ich war sehr überrascht, als mir der Landeshauptmann in der Früh mitteilte, dass er den Stegersbachern und anschließend in einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit bekanntgeben wird, dass in Stegersbach eine Therme gebaut werden soll.

Zwei Männer hatten sich damals gefunden, die dieses Projekt „brauchten“: der Kärntner Baumeister Robert Rogner, der für seine Firma ein neues Großprojekt suchte, und Landeshauptmann Stix, der ein halbes Jahr später Landtagswahlen zu schlagen hatte und unbedingt davor dieses im Bezirk Güssing schon sehr lange geforderte touristische Leitprojekt präsentieren wollte.

x  |  NOEN, MAXUM


Der Bau der Therme und des Golfplatzes waren die Initialzündung! Die Therme gehört mittlerweile dem renommierten Tiroler Hotelier Karl Reiter, der auch in Bad Tatzmannsdorf überaus erfolgreich tätig ist und in Stegersbach neuen Schwung in Hotel und Therme gebracht hat. Dort, wo Mitte der 90er-Jahre nur grüne Wiesen waren, stehen 20 Jahre später rund um die Therme fünf Hotels mit über 1000 Betten. Dies hat nicht nur Stegersbach genützt, sondern den Fremdenverkehr im gesamten Bezirk angekurbelt.

Profitiert haben von den fast verzehnfachten Gästezahlen (1995: knapp 30.000 im Bezirk Güssing; 2013: 281.200) nämlich auch andere Beherbergungsbetriebe, viele Zulieferfirmen bis hin zu den weit über die Bezirksgrenzen hinaus bekannten und beliebten Buschenschenken.

Die nüchternen Zahlen belegen die Erfolgsstory meines Heimatbezirkes innerhalb nur einer Generation. Aus der Zeit, als es noch „nichts“ gab, ist uns aber auch etwas sehr Wertvolles geblieben: die unglaublich schöne Landschaft; und natürlich die sprichwörtliche Gastfreundlichkeit der Menschen, ein Wert, der für uns Südburgenländer sehr große Bedeutung hat. Der Reiz des Südens hält an – das wissen die Einheimischen und spüren die Besucher.
 

Zur Person: Michael Gerbavsits, Vorstandsdirektor

  • Wurde 1967 in Güssing geboren, ist im benachbarten Sulz aufgewachsen und hat dort auch die Volksschule besucht.

  • Nach der Matura am BORG Güssing hat er das Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien absolviert.

  • Seit dem Jahr 2011 ist Michael Gerbavsits Vorstandsdirektor der Energie Burgenland AG (Sprecher des Vorstandes).

  • Davor war er unter anderem Landesdirektor Burgenland der Bank Austria AG, Vorstand der Burgenland Holding AG, Kabinettschef und Pressesprecher in Ministerbüros, Wahlkampfmanager der SPÖ Burgenland sowie Gemeinderat und Vizebürgermeister in seiner Heimatgemeinde Gerersdorf-Sulz.

  • Er ist Vater von drei Söhnen.


Zum Buch: „Mein Burgenland“

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für jene Menschen, die hier leben oder die eine engere Beziehung zu diesem Land haben? Was sind ihre Ansichten, Einsichten und Aussichten? Michael Gerbavsits,
Georg Pehm und Walter Schneeberger haben 50 plus eine Antwort erhalten.

x  |  NOEN, Fotos: Leykam

Mit Beiträgen von: Gabriele Ambros, Theodora Bauer, Konstanze Breitebner, Werner Dax und Johannes Wutzlhofer, Julia Dujmovits, Maggie Entenfellner, Heinz Fischer, Elisabeth Gamauf-Leitner, Michael Gerbavsits, Roland Hagenberg, Leo Hillinger, Georg Hoanzl, Norbert Hofer, Manfred Horvath, Stefan
Horvath, Paul Iby, Andreas Ivanschitz, Jason Allen Johnson, Saskia Jungnikl, Richard Karl Kanitsch, Barbara Karlich, Gisela Kramer, Andreas Liegenfeld, Eva Mayer, Peter Menasse, Paul Muehlbauer, Wolfgang Murnberger, Hans Niessl, Fritz Ostermayer, Josef Ostermayer, Elisabeth Pauer, Georg Pehm, Pia Pfneisl, Uta Prantl-Peyrer, Martin Pucher, Karl Reiter, Birgit Sauer, Maria Schaller, Dagmar Schellenberger, Walter Schneeberger, Anton Schubaschitz, Elfie Semotan, Tanja Stacherl, Markus Stefanitsch, Ingrid Tschank, Christian Uchann, Barbara van Melle, Joško Vlasich, Klaus Wölfer, Richard Woschitz, Uschi Zezelitsch

Herausgegeben von Michael Gerbavsits, Georg Pehm, Walter Schneeberger. ISBN 978-3-7011-7952-7

Weitere Infos zum Buch unter www.leykamverlag.at

Bisherige Teile der Serie: