Erstellt am 18. August 2011, 07:57

„Es geht darum, gemeinsam eine gute Zeit zu haben“. INTERVIEW / Im kommenden Jahr feiert die belgische Alternative-Legende K’s Choice bereits ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum, rockt nach dem Comeback im Jahr 2009 aber wie eh und je.

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Das Publikum liebt die mitreißend-sympathischen Shows der Truppe rund um die Geschwister Sarah und Gert Bettens. Auch das Gastspiel beim Picture-On-Festival in Bildein wurde begeistert gefeiert. BVZ-Mitarbeiter Wolfgang Millendorfer traf Sängerin Sarah Bettens nach der Show zum Interview.

BVZ: Wie zu hören war, hattet ihr einige Probleme bei der Anreise – die Show war aber auf jeden Fall großartig.
Sarah Bettens: Vielen Dank! Dabei war es gar nicht so einfach hierher zu kommen. Unser Busfahrer hat zuerst nicht den richtigen Weg gefunden und dann hatten wir auch noch einen platten Reifen. Am Ende dauerte es 18 Stunden, bis wir aus Belgien hierher kamen. Wir hatten also einiges Pech, aber auf der anderen Seite war es auch aufregend – und als wir dann auf der Bühne standen, waren wir so froh.

BVZ: Man hat das auch im Publikum gespürt, dass ihr jede Menge Spaß hattet …
Bettens: Ja, da ist ein richtiger Ruck durch die Band gegangen. Nach der langen Zeit auf engem Raum waren wir wohl froh, aus dem Bus rauszukommen. Und dann wurde es ein so schöner Abend und das Publikum war fantastisch. Ich mag dieses Festival sehr – obwohl viele Leute hier sind, hat es doch auch diese intime Stimmung. Es war ein verrückter Tag, aber wir hatten trotzdem eine wirklich gute Zeit.

BVZ: Ich erinnere mich da auch an eure Show in Wiesen im vergangenen Jahr, als die Menschen mit euch das Comeback feierten. Wie fühlt es sich an, so ein Comeback?
Bettens: An Wiesen, wo wir schon oft gespielt haben, erinnern wir uns immer gerne zurück. Vor allem an das letzte Jahr: Obwohl unser Konzert am frühen Nachmittag angesetzt war, waren da so viele Menschen und das Feedback war großartig, so wie es auch heute hier am Picture On war. Es fühlt sich immer gut an, hierher nach Österreich zu kommen. Wenn wir von den Leuten so nett empfangen werden und gemeinsam Spaß haben. Abgesehen davon, dass es Freude machte, die Band wieder zusammenzutrommeln und gemeinsam ein neues Album aufzunehmen. Irgendwie fühlt es sich immer wieder nach etwas Neuem an – für uns und vermutlich auch für das Publikum.

BVZ: Ihr seid ja bekannt für besonders intensive Tourneen mit unzähligen Auftritten. Macht das immer Spaß, oder gibt es Momente, in denen ihr am liebsten wieder zuhause wärt?
Bettens: Natürlich lieben wir das alles und natürlich gibt es manchmal auch Dinge, die nicht so lustig sind. Aber so ist das eben mit jedem Job. In diesem Fall ist es manchmal hart, so weit weg von zuhause zu sein. Es gibt auch weniger gute Tage auf Tour, etwa wenn es regnet und du hast keinen Platz, wo du hingehen kannst, nur die Garderobe oder den Bus … solche Tage gibt es. Wir versuchen das aber auszugleichen und zwischen den vielen Shows immer auch ein paar Tage heimfahren zu können. Das macht dann alles wieder ein bisschen normaler.

BVZ: Abgesehen davon, dass du mit deinem Bruder unterwegs bist, scheint ihr insgesamt ein sehr familiäres Verhältnis innerhalb der Band zu pflegen.
Bettens: Ja, absolut. Dieser Job würde nicht funktionieren, wenn wir nicht zusammenhalten würden. Das hat oft ein wenig von ,Wir gegen den Rest der Welt‘. Und wenn wir das nicht gemeinsam hätten, dann wäre das alles unglaublich anstrengend.

BVZ: Wenn man eure Auszeit von 2003 bis 2009 außer Betracht lässt, seid ihr im kommenden Jahr schon 20 Jahre zusammen. Wie fühlt es sich an, auf eine so lange Zeit zurückzublicken?
Bettens: Man fühlt sich zunächst alt, würde ich sagen. Aber auch stolz. Ich bin froh, dass wir das so lange machen konnten und dass die Menschen immer noch an dem, was wir tun, interessiert sind – überhaupt in einer so schnelllebigen Zeit wie heute. Dafür sind wir sehr dankbar. Und für uns ist es auch wichtig, selbst Wege zu finden, um es interessant zu gestalten. Um sich nicht so zu fühlen, als würde man 20 Jahre lang dasselbe gemacht haben. Wir spielen zwar noch dieselben Songs – aber um die Herausforderung beizubehalten, müssen wir manches Mal auch etwas anderes tun, mit anderen Leuten zusammenarbeiten. Wenn man so will, müssen wir uns ein wenig von der Vergangenheit abkoppeln, um zu spüren, dass wir immer noch kreativ sein können.

BVZ: Die Band hält es also in Schwung, wenn sie nicht immer zusammenarbeitet?
Bettens: Aber nicht aus dem Grund, da wir uns nach einer Weile nicht mehr ausstehen können, sondern einfach, weil wir die Abwechslung, das Abenteuer brauchen. Wenn man lange mit denselben Leuten zusammenarbeitet, dann ergibt sich auch eine gewisse Sicherheit, es wird zu einfach. Und wenn du versuchst kreativ zu sein, dann ist Sicherheit nicht unbedingt das, was du brauchst. Also genieße ich es, auch mit anderen Künstlern Songs zu schreiben oder mit anderen Bands zu singen. Und wenn ich dann zu K’s Choice zurückkomme, macht das auch Spaß, dann fühlt sich alles wieder frischer an.

BVZ: Halten es auch deine Bandkollegen so?
Bettens: Die Jungs spielen alle in verschiedenen Bands. Mein Bruder plant eine ganze Tournee mit einem befreundeten Künstler. Jeder findet seinen eigenen Weg und das macht es letzten Endes auch aus, was die Band zusammenhält.

BVZ: Habt ihr auch mit K’s Choice das Gefühl, es mit neuen Sounds versuchen zu müssen – etwa um ein neues, junges Publikum auf euch aufmerksam zu machen?
Bettens: So direkt haben wir das nie versucht, weil es sich nie echt angefühlt hätte, wären wir zum Beispiel einem Hype gefolgt. Es wäre auch nicht gut, zu viel über so etwas nachzudenken. Aber natürlich wachsen wir, indem wir weitermachen. Unser aktuelles Album ,Echo Mountain‘ passt deshalb besser ins Jahr 2011 als es vielleicht unsere älteren tun. Man hört es ihnen an, dass sie schon vor einiger Zeit aufgenommen wurden, selbst wenn wir stolz darauf sind und diese Lieder auf der Bühne noch immer funktionieren. Wir haben bis jetzt keine großen Experimente gemacht, wir schreiben eben melodische Songs. Aber das könnte sich in Zukunft vielleicht ein wenig ändern. Ich habe mit meinem Bruder schon viel darüber gesprochen und es könnte sein, dass wir bald an einem Punkt angelangen, an dem wir uns etwas von dem entfernen wollen, was wir bisher gemacht haben. Und wenn das geschieht, dann wieder aus diesem einen Grund: um die Dinge interessant und frisch zu halten.

BVZ: Dann aber in erster Linie für die Band, und nicht um ein anderes Publikum anzusprechen?
Bettens: Ja, denn wenn man das plant, dann ist es auch kontraproduktiv. Natürlich hat man solche Überlegungen im Hinterkopf. Ich meine, wir wissen, dass wir unsere Musik nicht im Wohnzimmer machen. Wir wissen, dass wir unsere Alben machen, damit sie von den Menschen gekauft werden und damit sie sich unsere Konzerte ansehen. Aber wenn du im Studio bist, dann hilft es dir nicht, darüber nachzudenken, was da draußen auf dem Musikmarkt passiert.

BVZ: Das scheint mir ein guter Zeitpunkt, um über eure Hits zu sprechen. Auch wenn ihr davon jede Menge habt – es gibt doch immer diesen einen Hit, der eine Band ewig verfolgt …
Bettens: Du meinst natürlich ,Not an Addict‘, na klar. Das macht uns nichts aus. Manchmal machen wir uns einen Spaß daraus und spielen eine komplett neue Version; es ist aber der Song, den wir bei unseren Proben niemals spielen, denn wir alle müssen ihn nicht mehr üben. Bei unseren Konzerten wissen wir aber, dass es da unten viele Leute gibt, die ,Not an Addict‘ noch nie live gehört haben. Auf diesen Moment kommt es an. Und man darf nicht vergessen: Auch unsere neueren Songs haben wir irgendwann einmal hunderte Male gespielt. Ob es jetzt hunderte oder tausende Male sind, macht also auch keinen Unterschied.

BVZ: Ihr nehmt den Song aber immer noch ernst?
Bettens: Ja, denn dieses Lied hat uns so viele Möglichkeiten eröffnet, dafür sind wir dankbar. Es gibt viele Bands, die sich von einem Hit verfolgt fühlen. Aber wir denken nicht, dass man uns nur über dieses eine Lied definiert. Deshalb kennen uns die Menschen und deshalb haben sie vielleicht irgendwann einmal damit begonnen, unsere Platten zu kaufen. Das ist für mich also total in Ordnung.

BVZ: Und darum geht es letzendlich ja auch, Platten zu verkaufen …
Bettens: Ja, klar. Wobei … die Menschen können unsere Alben kaufen, sie können sie sich auch illegal im Internet herunterladen – aber das was zum Beispiel heute Abend hier passiert ist, unsere Show, das hat es so nur einmal gegeben. Das ist es, was alles so besonders macht. Und auch wenn wir versuchen, uns selbst nicht zu ernst nehmen, so nehmen wir unseren Job doch sehr ernst. Und alles, worum es schließlich geht, ist eine gute Zeit auf der Bühne zu haben, dann hat auch das Publikum eine gute Zeit.

BVZ: Das ist doch ein schönes Schlusswort! Und ganz zum Abschluss vielleicht doch noch die klassische letzte Frage: Was wird die Zukunft für K’s Choice bringen?
Bettens: Nun, zunächst werden wir ,Echo Mountain‘ in den USA herausbringen und eine Tour spielen. Wir wissen noch nicht, was genau da auf uns zukommt. Und dann werden wir auf jeden Fall ein neues Album aufnehmen. Das könnte sich, wie bereits gesagt, dann ganz anders anhören.

BVZ: Darauf freuen wir uns schon jetzt.
Bettens: Wir auch, vielen Dank. Und vielen Dank für den guten Abend hier bei euch!