Erstellt am 30. Januar 2013, 12:32

Experten: Kinderschutz ist nicht nur Gewaltschutz. "Kinderschutz ist deutlich mehr als Schutz vor direkter Gewalt." Man benötige in Österreich als drittreichstem Land der EU mehr Ressourcen für eine gesunde Entwicklung der Heranwachsenden, andererseits aber auch eine Einstellungsänderung in Gesellschaft und Politik.

Mimis Anwesenheit in der Klasse sorgt für mehr Ruhe und Aufmerksamkeit und stellt für die Kinder eine große Bereicherung in Bezug auf soziale Kompetenzen dar. Und Mimi genießt die Zuwendung in Form von Streicheleinheiten und Leckerlis. Die Schüler freuen sich schon auf eine gemeinsame Lesenacht mit Mimi. IMS Langenhart  |  NOEN
Das erklärte am MIttwoch der Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, Klaus Vavrik, aus Anlass der Vorlage des 4. Jahresberichts der Organisation zu dem Thema.

"Heute geben noch 55 Prozent der 16- bis 20-jährigen jungen Männer und Frauen an, körperliche Gewalt in ihrer Kindheit und Jugend erlebt zu haben. Auch heute noch bekennen sich 50 Prozent der Eltern dazu, 'leichte' Formen der Gewalt, eine 'leichte' Ohrfeige als Erziehungsmittel anzuwenden. 16 Prozent bekennen sich zu schweren Körperstrafen ("den Po versohlen"; Anm.). Nur 30 Prozent der Eltern ist das Gewaltverbot in der Erziehung bekannt , sagte der Kinderpsychiater, auch mit Hinblick auf den 100. Geburtstag des Wiener Kinderarztes Hans Czermak, der vor rund 30 Jahren festgestellt hatte: "Die 'gesunde Watschn' macht krank."

Zur Gewaltanwendung in Familien gehörten aber auch alle Formen psychischen Drucks wie Demütigung, Liebesentzug und Ängstigung. Vavrik: "98 Prozent der Kinder werden physisch und psychisch gesund geboren. Aber ein paar Jahre später, im Kindergartenalter, kommen dann die ersten Probleme. Ein paar Jahre später werden sie therapiebedürftige Wesen."

Über die reinen gesundheitlichen bzw. gesundheitspolitischen Fragen hinaus - nach wie vor fehlten in Österreich 60.000 bis 80.000 kostenfreie Therapieplätze für Kinder und Jugendliche mit chronischen körperlichen oder seelischen Leiden - mangelt es laut den Experten vor allem an der Einstellung von Gesellschaft und Politik, Kindern und Jugendlichen eine gesundheits- und entwicklungsförderliche Umwelt zu garantieren. Anton Schmid, Wiener Kinder- und Jugendanwalt: "Österreich war das erste Land, das die Kinderrechte in seiner Bundesverfassung niedergeschrieben hat. Aber das Bundesverfassungsgesetz ist eines, das der Republik nicht wehtut."

Die gesellschaftliche Realität zeige oft andere Seiten. Der Fachmann nannte ein Beispiel: "Wir haben die Situation, dass Kinderlärm gleichgestellt ist mit jedem anderen Lärm (Bauordnungen etc.). Erst zwei Bundesländer haben festgelegt, dass Lärm von Kinderbetreuungseinrichtungen nicht als Lärm gewertet werden darf (Oberösterreich, Burgenland; Anm.)."

Er, Schmid, habe erst vor kurzem in Wien die Delogierung einer Familie mit Kindern wegen einer angeblichen Lärmproblematik verhindern müssen. Es gehe nicht an, ständig mehr Verbote zu erlassen: Eine Gesellschaft, in der in Zukunft die Menschen nur noch mit "Helm, feuerfester Kleidung und Saugnäpfen an den Füßen" auf die Straße gehen dürften, fördere keineswegs das Erlernen des Umgangs mit Lebensrisiken.

Die Liga setzt in diesem Jahr speziell auf Kinderschutz. Allein die zur Gewaltproblematik und ihren Folgen vorliegenden Zahlen sind laut Adele Lassenberger, Vorsitzende des Bundesverbandes der Österreichischen Kinderschutzzentren (insgesamt 30), bedenklich: "Jedes zehnte Kind ist von schwerem sexuellen Missbrauch betroffen. 800 Fälle werden pro Jahr angezeigt, zu Verurteilungen kommt es bei etwa einem Fünftel. Mehr als 11.000 Kinder sind fremduntergebracht. (...) Fast 27.000 Familien brauchen für ihre Erziehungsarbeit Unterstützung durch eine Jugendwohlfahrtsmaßnahme."

In einer Aussendung forderte am Mittwoch der österreichische Verband der Psychotherapeuten (ÖBVP) die Gewährleistung einer frühzeitigen Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Dies sollte, wie schon seit vielen Jahren betont, ohne Limitierungen und prohibitive Kostenbeteiligungen erfolgen.