Erstellt am 27. Mai 2012, 21:42

Filmfestspiele Cannes - Michael Haneke triumphiert zum zweiten Mal. Wer an Michael Haneke denkt, dem wird üblicherweise nicht gerade warm ums Herz. Der österreichische Filmemacher ist bekannt für seinen gnadenlosen Blick, seine kompromisslosen Analysen und seine verstörenden Filme, die ihn in den vergangenen Jahrzehnten weltberühmt gemacht haben.

Gesellschaftliche Ängste und die Mechanismen der Gewalt bestimmen das Werk des 70-jährigen Regisseurs. Wenn sich Haneke nun in seinem neuen Film "Amour" dem Sterben im Alter widmet, erwartet niemand ein Feel-Good-Movie - und doch ist das Drama sein bisher zärtlichster und auch persönlichster Film. "Amour" brachte Haneke an der Croisette nun völlig zurecht seine zweite Goldene Palme.

"Amour" handelt von zwei pensionierten Musiklehrern, Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva), die in einer bürgerlichen Altbauwohnung in Paris leben. Als Anne eines Tages einen Schlaganfall erleidet und eine Seite ihres Körpers gelähmt bleibt, wird die Beziehung zwischen Georges und Anne auf die Prüfung gestellt. Den schleichenden Verfall und die wachsende Verzweiflung zeigt Haneke in langen Einstellungen als intensives bis erschütterndes Kammerspiel, das gleich in ersten Reaktionen durchwegs als heißer Anwärter für den Hauptpreis bezeichnet wurde. Die hymnischen Kritiken sollten recht behalten, Haneke triumphierte zum zweiten Mal nach "Das weiße Band" vor drei Jahren.

Dass "Amour" in Cannes seine Premiere feierte, ist keine große Überraschung. Haneke ist Stammgast an der Croisette, gleich sein Kinoerstling "Der siebente Kontinent" war 1989 in einer Nebenschiene gelaufen. Der Gewaltschocker "Funny Games" war schließlich 1997 nach 35 Jahren der erste österreichische Wettbewerbs-Beitrag in Cannes. Für die Jelinek-Verfilmung "Die Klavierspielerin" mit Isabelle Huppert gab es an der Cote d'Azur 2001 den Großen Preis der Jury, für "Caché" 2005 den Regiepreis. Auch die ebenfalls in Frankreich entstandenen Filme "Code Inconnu" (2000) und "Wolfzeit" (2003) wurden bei dem Festival kontrovers besprochen.

Als Haneke schließlich von Frankreich für seine filmische "Suche nach der Wahrheit" zum "Commandeur dans l'ordre des Arts et des Lettres" ernannt wurde, sprach Haneke von seiner "großen Bewunderung für die französische Kultur". Er habe eine "lange Liebesbeziehung zu Frankreich", erklärte er. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon seine erste Palme in der Tasche. Stil und Erzählhaltung des Regisseurs wurden damals mit Ingmar Bergman oder Carl Theodor Dreyer verglichen, die unverwechselbare Filmsprache galt als perfektioniert. Nun in Cannes erklärte ihn sein Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant zu einem der besten Regisseure der Welt.

Haneke, der am 23. März 1942 in München geboren wurde, wuchs in Wiener Neustadt als Sohn der österreichischen Schauspielerin Beatrix von Degenschild und des Düsseldorfer Regisseurs und Schauspielers Fritz Haneke auf. Er versuchte sich neben dem Studium der Philosophie und Psychologie in Wien zunächst als Autor sowie Film- und Literaturkritiker, 1967 bis 1971 arbeitete er als Redakteur und Fernsehspieldramaturg beim Südwestfunk in Baden-Baden. In dieser Zeit entstand sein erstes Drehbuch "Wochenende". 1973 entstand sein erster Fernsehfilm, "...und was kommt danach? (After Liverpool)" nach einem Text von James Saunders. Es folgten TV-Filme nach Vorlagen von Ingeborg Bachmann, Peter Rosei und Franz Kafka.

Anfang der 70er Jahre debütierte Haneke als Bühnenregisseur am Stadttheater Baden-Baden mit "Ganze Tage in den Bäumen" von Marguerite Duras. Es folgten Theater-Inszenierungen in Darmstadt, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Stuttgart, Hamburg, München und Wien. 2006 gab er exakt an Mozarts 250. Geburtstag an der Pariser Oper sein Debüt als Opernregisseur: Mit seiner modernen Inszenierung von "Don Giovanni" spaltete er das Publikum. Eine Inszenierung von Mozarts "Cosi fan tutte" war ursprünglich für New York geplant, soll nun jedoch heuer bei Gerard Mortier in Madrid stattfinden. Die Produzenten sehen diese Ausflüge in die Opernwelt nicht sehr gerne, bereitet sich Haneke doch stets über viele Monate minuziös vor.

Privat ist der Regisseur seit 1983 mit seiner Frau Susanne verbunden, er ist Vater eines Sohnes (geb. 1965). An der Wiener Filmakademie lehrt Haneke seit 2002 als Professor für Regie, beruflich vertraut er schon seit vielen Jahren auf seinen Produzenten Veit Heiduschka und Schauspielerinnen wie etwa Isabelle Huppert, die auch bei "Amour" in die Rolle der Tochter geschlüpft ist und vor drei Jahren als Jury-Präsidentin in Cannes die erste Goldene Palme mitverantwortete. Diesmal saß mit Nanni Moretti erklärtermaßen kein Freund von Hanekes Filmen an der Spitze der Jury - und dennoch kam der Italiener nicht an "Amour" vorbei. Ein weiteres Signal für die hohe Meisterschaft, die Haneke inzwischen erreicht hat.