Erstellt am 09. Dezember 2010, 09:41

"Fremdschämen" ist Wort des Jahres 2010. Das Wort des Jahres 2010 ist "fremdschämen". Am zweiten Platz landete "verhaltenskreativ". Zum Unwort des Jahres wurde "humane Abschiebung" vor "Türkenmilch" und "E-Card-Urlaub" gekürt.

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Das gab die Fachjury unter der Leitung von Professor Rudolf Muhr von der Fakultät für Umwelt- und Erziehungswissenschaften an der Universität Graz bekannt. Die Wahl wurde in Kooperation mit der APA-Austria Presse Agentur durchgeführt.

   Begründung der Jury für das Wort des Jahres: "Fremdschämen" beschreibe "Empfindungen, die auftreten, wenn jemandem die Verhaltensweisen einer anderen (meist bekannten) Person oder Gruppe so peinlich sind, dass man sich für diese schämt, während dies bei der betreffenden Personen gerade nicht der Fall ist. Angesichts des Verlusts an Qualität in vielen Bereichen (Bildung, Verwaltung, Krankenwesen usw.) und der Stagnation in der heimischen Politik verschiebt sich das Verantwortungsgefühl auf die einzelnen Bürger, die sich für die Zustände und die dafür Verantwortlichen immer öfter genieren (fremdschämen), obwohl die Lösung nicht in ihren Händen, sondern in jenen der zuständigen Politiker liegt, die aber vielfach untätig bleiben."

   Auch die Auswahl zum Unwort des Jahres wurde ausführlich begründet. "Der Umstand, dass eine Abschiebung von Menschen ins Ausland einen Akt staatlicher Gewaltausübung darstellt und damit nicht 'human' ist, insbesondere, wenn sie Kinder betrifft, macht diesen Begriff widersprüchlich und damit sowohl aus sprachlicher wie auch aus sachlicher Sicht zum Unwort. Er verschleiert die zuletzt häufig erfolgte Abschiebung von gut integrierten Zuwandern, denen die Fremdengesetze entgegenstehen und geht auf die derzeitige Innenministerin zurück, die im Oktober 2010 angekündigt hat, dass sie veranlasst habe, Abschiebungen 'humaner' gestalten zu wollen", so die Jury in einer Aussendung.

   Zum Unspruch des Jahres brachte es 2010 die Phrase "Es gilt die Unschuldsvermutung". Die hohe Anzahl von Affären und die diesbezüglichen Berichte, die mit der immer gleichen Formulierung enden, seien für viele "irritierend und machen den Spruch aus sachlicher Sicht zum Unspruch". Der Spruch des Jahres wurde: "Ich werde auf die Einhaltung des Defizits achten!" (Finanzminister Josef Pröll am 24. November 2010 in einer ORF-Nachrichtensendung). Hier handelt es sich der Kommission zufolge um einen "Freudschen Versprecher" des derzeitigen Finanzministers, der damit unbeabsichtigt die tatsächlichen Verhältnisse des Budgets offen gelegt hat.

   Analog zum Jugendwort des Jahres in Deutschland hat die Jury heuer mit "Kabinenparty" erstmals ein österreichisches Jugendwort bestimmt. Der Ausdruck ist Titel eines Rapsongs, der 2010 als Song des Jahres auch mit dem Amadeus ausgezeichnet wurde. "Es steht für einen ungezwungenen und spontanen Lebensstil, der mit einem lustigen Text und flotter Rapmusik dargestellt wird", so die Juroren.