Erstellt am 22. August 2015, 10:45

Nero brachten Stimmung zum Brodeln. Auch am zweiten Tag des Frequency in St. Pölten war für musikalische Highlights gesorgt: Allen voran The Prodigy, Nero und The Offspring. Mit Dawa gab es einen coolen Act mit NÖ Beteiligung, The Wombats und Simple Plan punkteten mit Hymnen.

Der Nebel wabert, die Bühne ist in rotes Licht getaucht, Keith Flint steht wie ein Hardcore-Punk-Sänger mit einem Bein auf einem Monitor und brüllt ins Mikro: "Run With The Wolves". Das sind The Prodigy wie sie Fans seit den 90er-Jahren lieben: bissig.



In der Nacht auf Samstag türmten die Briten am Frequency Festivals wieder einmal ihre Breakbeats, Drums, Gitarren und Animationsgesänge auf.

Live ist auch tatsächlich live

Mastermind Liam Howlett hatte anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums "The Day Is My Enemy" (Universal) seinen Unmut über Star-DJs laut geäußert, die Datenträger in die Anlage stecken und sich dann auf das Armeschwänken als "Show" beschränken.

Bei The Prodigy gilt live tatsächlich als live: Howlett sampelte, zerstückelte, baute auf, riss nieder, begleitet von Schlagzeug und einer Gitarre, angetrieben von den beiden Animateuren, Tänzern, Sängern und Schreihälsen Flint und Maxim Reality. Ersterer durfte natürlich zündeln ("Firestarter"), letzterer die Hits "Breath", "Voodoo People" und natürlich "Smack My Bitch Up" einpeitschen.

Dass die Breakbeat-, Acidhouse-, Techno- und Electronica-Pioniere aus Essex anno 2015 weiter Relevanz haben, bewiesen die neueren ("Omen", "Invaders Must Die") und ganz neuen Songs im Set. "Nasty", die musikalische Kriegserklärung an alle Befürworter der Fuchsjagd kam zornig, "Wild Frontier" rau und eben wild, "Roadblox" mit einem mächtigen Rhythmus.

Im Vergleich zu den zuvor gehörten Beats am Festivalgelände klangen The Prodigy wie ein Gegenentwurf zur aktuellen Danceszene: böse, subversiv, altmodisch wie zeitlos, dreckig und vor allem fordernd und nicht nur berieselnd. Großartig das Finale: Die "Wall Of Death" ging in "Take Me To The Hospital" über - wie passend.

The Offspring kamen auch auf Touren

Die von Maxim immer wieder angesprochenen "Prodigy-People" hielten zwar bei gesunkenen Temperaturen wacker durch, voller schien das Gelände vor der Space Stage allerdings zuvor bei Nero (live). Zwei DJs und Sängerin Alana Watson fusionierten Dubstep, Drum and Bass, Electro House und Rave publikumswirksam, untermalt von viel Licht. Die Stimmung unter dem Partyvolk war am Brodeln.

Als Alternative zu den elektronischen Klängen boten sich auf der Green Stage The Offspring an. Zunächst holperte der Punkrock-Express ein wenig, beim Opener "You're Gonna Go Far, Kid" wollte der Sound nicht recht mitspielen.

Mit Fortdauer, spätestens bei "Why Don't You Get A Job", ging es dann ordentlich ab - bei Band und Publikum. Rotzige Riffs, satte Drums, dynamischer Gesang: "Want You Bad" und "Pretty Fly (For A White Guy)" fetzten. "Fucking amazing", fasste es Frontman Bryan "Dexter" Holland zusammen.

Freunde der elektronischen Musik zogen in den Nightpark weiter. Dort herrschte nach dem letzten Klang von The Prodigy bereits reges Treiben.

Erste Massenaufläufe bei The Wombats

Soul vom Feinsten - das gab es am Freitagabend auf der Green Stage. Der hochgelobte UK-Sänger Kwabs stellte zu fortgeschrittener Stunde Songs aus seinem am 11. September erscheinenden Album "Love + War" (Warner) vor. Auf der Space Stage verursachten davor und unterdessen Simple Plan und The Wombats die ersten Massenaufläufe am zweiten Veranstaltungstag.

Kwabs brachte die richtige Mischung aus chilliger Atmosphäre und Power. Angetrieben von coolen Drums konnte man zu jeder Nummer - der Hit "Walk" fehlte nicht - tanzen. Nun war es endlich dicht gedrängt vor der zweiten großen Bühne.

Dort fühlte sich Kwabs sichtlich wohl. "Ich habe immer gerne vor Leute gesungen - egal ob vor zehn oder Tausenden. Für mich ist das was Natürliches. Bei den Auftritten vermittle ich die Botschaft der Lieder auf eine noch berührendere Art", sagte der 25-jährige Londoner im Interview.

Dass er, obwohl das Debüt noch gar nicht im Handel ist, einen Top-Slot beim Festival zugesprochen bekam, schraubte die Erwartungen hoch. "Eine interessante Herausforderung. Aber ich bin kein Grübler, ich geh lieber voller Freude auf die Bühne und will mein Bestes geben."

Kwabs stellte "Emotion über Technik"

Weil es ihm nicht gut genug erschien, so munkelt man, wurde die Veröffentlichung von "Love + War" verschoben. "Ich bin sehr froh, dass es nun die Leute endlich hören können", sagte Kwabs. "Ich Studio will ich alles richtig machen. Ich weiß nicht, ob mich das zum Perfektionisten macht, aber möglich. Ich will jedenfalls die beste Arbeit abliefern. Darum brauche ich für manche Dinge sehr lange", schmunzelte er.

Dabei ging es ihm gar nicht so sehr um technische Perfektion: "Die Musik handelt von Gefühlen, schon deshalb wird die Emotion immer über der Technik stehen. Ich möchte mein Potenzial ausschöpfen, mich emotional voll reinlegen. Das nimmt die meiste Zeit ein Anspruch: abzuwarten, bis ich richtig im Song drin bin."

Seine Inspiration sucht Kwabs bei den Soul-Größen, sie kopieren möchte er aber nicht: "Das wäre langweilig, Vintage-Soul zu singen. Das haben schon andere gemacht. Es gibt in meinen Songs natürlich Referenzen an die Musik von gestern, aber zugleich hört man, dass ich im heute lebe."

Aalglatter Britpop und ausgelassene Stimmung

Vor dem Österreich-Debüt von Kwabs war bei Frittenbude vor der Green Stage ein Kommen und Gehen. Allerdings kamen mehr als gingen und so spielte die Elektropunk-Band aus Deutschland doch noch vor einer adäquaten Ansammlung an Menschen. "Ich zähle bis drei und dann macht jeder Lärm für sein eigenes Leben": Während die ersten Reihen die Wahl-Berliner hochleben ließen, wurde es nach hinten immer ruhiger.

Auch ein Remix von "Killing In The Name Of" (Rage Against The Machine) konnte daran nichts ändern und so blieben die im Gras sitzenden Zuhörer weiter bewegungslos - die eingefleischten Fans ganz vorne feierten dafür umso mehr. Songtechnisch bekam das Publikum einiges vom 2012 erschienen Album "Delfinarium" zu hören sowie eine Kostprobe vom heute erschienenen "Küken des Orion".

Ausgelassene Stimmung herrschte vor der Space Stage bei The Wombats und Simple Plan, nachdem die Folk-Kombo Dawa mit dem Kremser Johnny Dawa und der Waldviertlerin Barbara Wiesinger (in Arbesbach im Bezirk Zwettl augewachsen, dann nach Mühlfeld/Horn gezogen) aufhorchen hatte lassen.

The Wombats brachten hymnenhaften, aber auch aalglatten Britpop, Simple Plan ebenso hymnenhaften und kantenlosen Poprock. Dass die Kanadier durchwegs auch auf altes Songmaterial setzen, kam beim wohl auch langsam in die Jahre kommenden Frequency-Publikumgut an.

Nackte Begleitung bei The Last Internationale

Eine sehr starke Darbietung, wenn auch etwas unter Ausschluss der Öffentlichkeit, zogen The Last Internationale als Trio auf der Weekender Stage ab. Zu Beginn sang Delila Paz, die dann auch Bass spielte, eine pure Blues-Nummer ohne Begleitung.

Anschließend feuerte Edgey Pires schwindelerregende Gitarrensalven ab, die Formation rockte und bockte, am Ende begleitet von einem Rudel nackter Menschen, Teil einer Inszenierung.

Nur mit ihrem Sendungsbewusstsein hatten The Last Internationale wenig Erfolg. "Wir wollen dem Volk eine Stimme geben", sagte Pires und warf ein Mikro ins Publikum. Doch statt Frust rauszulassen, schafften es einige bloß "Rock and Roll!" und "Frequency!" zu grölen.