Erstellt am 01. Mai 2013, 10:21

Fünf Jahre Pannonische Tafel: Lebensmittelmarkt und Zufluchtsort. Seit fünf Jahren gibt es im Burgenland den Verein Pannonische Tafel. Sozial bedürftige bzw. in Not geratene Menschen finden in der Einrichtung sowohl einen "Lebensmittelmarkt" als auch einen Zufluchtsort.

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Obfrau und Gründerin Andrea Roschek sprach mit der APA anlässlich des kleinen Jubiläums über die Anfangszeiten, den Anmeldungsboom für die Lebensmittelausgabe, über finanzielle Sorgen und ihre Wünsche für die Zukunft.

Ende Februar 2008 wurde der Verein ins Leben gerufen. Etwa zwei Monate später, im April, wurde das Geschäft zur Lebensmittelausgabe in der Eisenstädter Permayerstraße eröffnet. Damals war eine zweite Kollegin mit im Boot, die sich allerdings nach etwa drei, vier Monaten aus persönlichen Gründen zurückzog. Bis heute zieht Roschek mit Unterstützung ehrenamtlicher Mitarbeiter die Fäden. Spendensammeln, Kochen, Organisieren, den Verein finanziell aufrechterhalten - alles fällt in ihren Bereich.

Auslöser für die Gründung sei die Idee einer Freundin und Roscheks persönliches Schicksal gewesen, erzählte sie: "Ohne den Tod meiner Kinder würde es die Tafel wahrscheinlich nicht geben. Vielleicht später mal, in 20 Jahren und mir wenn mir fad geworden wäre." Denn: "Jeder Mensch sucht eine Beschäftigung und wenn es dir psychisch nicht gut geht und du schon damit haderst, am Leben zu bleiben, dann suchst du verzweifelt etwas, was dein Leben wieder mit Sinn erfüllt. Und das war bei mir so. Ich habe bei der Idee nicht mehr überlegt. Ich habe gewusst, das werde ich machen. Das wird mein Lebensinhalt sein."

Einfach sei es bis heute nicht. Am Anfang habe sie Klinken bei Lebensmittelmärkten putzen müssen. "Manche waren gleich überzeugt davon, denen hat das gefallen, da war schon mal ein soziales Gewissen von Haus aus da." Andere würden die Tafel aber auch nach fünf Jahren nicht unterstützen "und lieber Lebensmittel wegschmeißen". Obwohl es Roscheks Ansicht nach auch Vorteile für die Filialleiter bringt. Schließlich sei "biogener Müll recht teuer zu entsorgen."

Nicht nur das Klinkenputzen stand auf dem Programm. Binnen kürzester Zeit habe es einen regelrechten Anmeldungsboom gegeben. "Die Kundschaft war sofort da. Wir haben in den ersten Monaten gleich 600 Leute gehabt, die sich angemeldet haben. Ende 2008 waren es über 1.000. Wir waren teilweise wirklich echt überfordert." Aktuell liegt die Zahl der Angemeldeten für die Lebensmittelausgabe bei mehr als 2.600.

Die gespendeten Lebensmittel - "im Monat 25 bis 30 Tonnen" - werden aktuell in drei Ausgabestellen verteilt: in Eisenstadt und Hornstein und seit Juli auch in Oberpullendorf. In der Landeshauptstadt arbeiten etwa 20 bis 25 Ehrenamtliche permanent. In Hornstein sind es vier und in Oberpullendorf acht Personen.

In der "Zentrale" in Eisenstadt sind auch ein Second-Hand-Laden und das sogenannte Wohnzimmer, ein Ort, wo sich Menschen aller Einkommensschichten treffen, beheimatet. Werktags wird dort mit den gespendeten Lebensmitteln gekocht. Den Preis für das Menü bestimmt der Gast, der vom Obdachlosen bis hin zum Bankmanager reicht - eine für die Obfrau "geniale Geschichte". Außerdem wird musiziert, gearbeitet, philosophiert und einfach die Zeit miteinander verbracht.

Mit dieser "genialen Geschichte" würde sie auch gerne - so einer ihrer größten Wünsche für die Zukunft - expandieren. "Am liebsten würde ich sofort fünf Wohnzimmer in Wien aufmachen."

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Ein Jahr lang hat der Verein Pannonische Tafel gebraucht, bis sich alles "eingependelt" hat. Eineinhalb bis zwei Jahre kamen nur ein, zwei Neuanmeldungen pro Woche dazu. "Und jetzt, seit einem halben, dreiviertel Jahr, ist es wieder extrem geworden. Nicht nur, dass die Anmeldungen wieder gestiegen sind. Was sehr dramatisch zugenommen hat, ist die Wohnungslosigkeit der Leute. Also Leute, die irgendwo auf der Couch schlafen", so Andrea Roschek. Mittlerweile sei es so, dass die "Armut auch das arbeitende Volk" treffe.

Der "Zweitverein" Freiraum Pannonia bietet wohnungslosen Menschen ein Dach über dem Kopf. Aktuell ist das nicht möglich. "Wir haben keinen Platz, alle 16 Betten sind belegt. Wenn ich Glück habe, dann ist in ein paar Tagen wieder etwas frei", sagte die Obfrau und Freiraum-Kassierin.

Die Pannonische Tafel steht zwar primär für die Lebensmittelausgabe. Dennoch zählt auch Zuflucht geben, Wohnungen vermitteln und Leuten wieder auf die Beine helfen zu Roscheks Aufgaben. "Es vergeht keine Woche, wo wir nicht Leute reinkriegen für die Obdachlosenherberge (Freiraum, Anm.). Deswegen haben wir immer so einen Druck, dass wir schnell schauen müssen, dass wir die Leute wo anders unterbringen. Das bereitet uns momentan unglaublichen Stress. Es ist nicht einfach, eine Wohnung für die Leute zu finden."

Und trotzdem gelingt es immer wieder. Ihr "schönstes Beispiel" sei etwa der Fall einer jungen Tunesierin, die vor vier Jahren zu ihr kam. "Sie ist Mutter von fünf Kindern. Es war körperliche und physische Gewalt durch ihren Mann im Spiel. Immer wieder landete sie im Frauenhaus, zog die Strafanzeige aber zurück, weil sie nichts hatte. Vor drei Jahren ist sie dann gekommen und hat gesagt, ihr Mann ist jetzt im Gefängnis. Er hat sie schwer misshandelt. Sie sagte, sie will jetzt endgültig weg."

Am Tag seiner Haftentlassung wurden die Sachen der Frau und ihrer Kinder geholt und in eine Wohnung, die groß genug war und zuvor für sie angemietet worden war, gebracht. "Sie wohnt heute noch dort, macht eine Ausbildung zur Pflegehelferin. Ihre Kinder können mittags zu uns kommen, wir unterstützen sie weiterhin. Und sie ist mittlerweile das vierte Jahr bei uns in der Tafel und unsere Finanzchefin", erzählte Roschek stolz.

Wer zur Tafel kommt, werde auch danach nicht fallen gelassen. "Ich kann nicht sagen: Jetzt hab' ich dir ein schönes Leben gegeben, leb's jetzt." Es gehe vor allem darum, den Menschen wieder eine Perspektive zu bieten. "Wir sind gerade dabei, einen Chor zu gründen. Die Menschen sollen wieder Spaß und Freude am Leben haben."

Um weiterhin helfen zu können - die Erfolgsquote bei wohnungslosen Personen liege etwa bei 40 Prozent - müsse der Verein jedoch am Leben erhalten werden. "Ich habe Fixkosten von 5.976 Euro - das sind Miete, Betriebskosten, der Diesel für unsere Autos. Das ist enorm viel. 3.000 Euro bringen wir rein - mit Mitgliedsbeiträgen, Spenden, dem Mittagessen, unserem Second-Hand-Laden. Aber dann fehlen immer noch 3.000 Euro."

Das fehlende Geld versucht man mit Hilfe von Caterings einzubringen. Aber mehr Catering, mehr Arbeit, bedeute weniger Zeit, "um sich die Geschichten der Leute anzuhören, und das ist echt sehr wichtig".

Zum fünfjährigen Jubiläum werde es "kein großes Tamtam" geben. Geplant sei für heuer jedoch ein Tag der offenen Tür und vielleicht ein kleines Gassenfest mit Gauklern und "ein bisschen Remmidemmi". Roschek will lieber "in stiller Demut" auf das halbe Jahrzehnt Pannonische Tafel zurückblicken.