Erstellt am 23. Oktober 2015, 05:17

Georg Hoanzl: „Geliebte Erinnerungen“. Die BVZ präsentiert die Autorinnen und Autoren des Buches „Mein Burgenland“. Diese Woche: Verleger Georg Hoanzl und seine Kindheit im Südburgenland.

Selfie. Die Autoren wurden aufgerufen, sich für das Buch »Mein Burgenland« selbst zu verewigen. Diesem Wunsch kam auch Verleger Georg Hoanzl nach.  |  NOEN, Selfie Hoanzl
Wenn ich jetzt von mir erzähle, so tue ich das, weil ich gleichzeitig von einer für alle Burgenländerinnen und Burgenländer damals sehr ähnlich verlaufenden Kindheit in den 70-ern und 80ern nahe an der schwer bewachten Staatsgrenze erzählen möchte. Seit ich vor über 47 Jahren im Krankenhaus in Güssing als Kukmirn-Bergler geboren wurde, ist viel passiert mit uns und unserer Region.

Ja, ich bin ein Bergler, auch wenn die Seehöhe das nicht rechtfertigt, und als der bin ich auch sechs Jahre lang mehrere Kilometer vom Dorf und gleichaltrigen Spielkameraden abgeschieden aufgewachsen. Wir in Kukmirn unterteilen die Menschen in alle möglichen Gruppen, eine davon sind Dörfler und Bergler. Früher wurde in dieser Formation gerauft oder die Osterfeuer angezündet, später haben wir uns begnügt, gegeneinander und zum Gaudium aller den Fußball zu treten. Die Dörfler waren uns zwar technisch weit überlegen, aber wir Bergler waren sicher die waghalsigeren Spieler.

Nähe, Vertrautheit und Geborgenheit

Uns Berglern wird auch nachgesagt, dass wir einsilbiger sind – da haben sie sich bei mir getäuscht. Meine Mutter erzählt noch heute ganz amüsiert, wie verwundert meine Volksschullehrerin über meine damals schon vorhandene Redseligkeit war. Naja, wenn man wie ich die ganze Zeit mit seiner geliebten, damals aber extrem gefährlichen, weil zielsicheren kleinen Schwester verbracht hat (mein Opa hat mir ziemlich streng klargemacht, dass ein Bub kein Mädchen schlagen darf, egal was sie macht), kann man sich vorstellen, dass mir die Abwechslung, die die Schulfreunde in mein Leben gebracht haben, sehr gut gefallen hat. Ich habe in dieser ungestörten Vorschulzeit zu meinem Elternhaus und dessen Umkreis eine unzertrennliche Nähe, Vertrautheit und Geborgenheit aufgebaut – wie zu einem sehr guten, innigen Freund.

Ich erinnere mich jetzt noch, wo welche Pflanzen besonders gerne gewachsen sind, wo es sandig, wo es lehmig war, welche Baumgruppe ideal für ein Baumhaus zusammengestanden ist, wo die Wiese neben dem Bach nur da-rauf gewartet hat, mit einem kleinen Zulauf zu einem Teich oder Eislaufplatz umgewandelt zu werden. Wie es wo gerochen hat, wie sich das Licht und auch die Temperatur im Winter an verschneiten Tagen in der Dämmerung verändert und damit die selbst gebastelten Fassdauben-Schi oder die mit Stroh gefüllten Kunstdüngersackerl noch schneller über die mühsam selbst präparierte Piste zischen.

Dieses schöne und innige Gefühl für burgenländische Landschaften ist mir geblieben und hat sich von Gerersdorf, Sulz bis Heiligenbrunn und die wunderschönen Gegenden rund um Rudersdorf und Jennersdorf ebenso übertragen wie auf viele andere großartige Plätze im Mittel- und Nordburgenland, die ich jahrelang als Schüler auf dem Weg nach Mattersburg und Eisenstadt kennengelernt habe. Von Großwarasdorf, Forchtenstein bis Wiesen (sowieso), St. Margarethen und Schützen am Gebirge erstrecken sich einige meiner geliebten Plätze und Erinnerungen.

Heute hat ja Kukmirn einen Schlepplift, und ich war belustigt und gleichzeitig stolz, als ich die Ansage in Radio Burgenland zum ersten Mal hörte: „Die Schilifte in Kukmirn und Wiesen sind geöffnet.“ Das war Jahrzehnte später und lange vor den legendären Weitspringveranstaltungen meiner waghalsigen Onkel Franz und Sigi und ihrem Freund Hansi, ein Toni Innauer von Kukmirn.

Ich habe Hans, der als tüchtiger Fliesenleger seine Karriere gestartet hat, eine im Vorschulalter angetragene Watsche längst verziehen. Ich hoffe, er hat auch mir verziehen, dass ich damals am Abend auf seinen frisch verlegten Fliesen neugierig durch das neugebaute Haus meiner Eltern gehüpft bin.

Eine leistungsstarke, charmante Region …

In diesem in den 70er-Jahren von ihnen und allen möglichen helfenden Verwandten erbauten weiträumigen Haus gab es auf einmal für mich neuartige Errungenschaften wie Zentralheizung, fließendes Warmwasser und ein Wasser-Closett, kurz: WC. Sieben Tage in der Woche und oft auch noch bis spät in die Nacht haben meine Mutter und mein Vater über viele Monate hart gearbeitet, um uns ein gemütliches und schönes Zuhause aufzubauen – damals haben sie mir leidgetan, heute bewundere ich sie dafür.

Jetzt, wo ich selbst mit meiner Frau ein Haus gebaut habe, weiß ich annähernd, welche Anstrengung neben Beruf, Landwirtschaft und kleinen Kindern meine und viele Eltern unserer Generation auf sich genommen haben, um die Lebensbedingungen für uns zu verbessern.

Diese Generation unserer Eltern und Großeltern hat mit ihrem Einsatz nicht nur Häuser gebaut, sondern auch eine wichtige Basis geschaffen für eine gelungene Umwandlung des Burgenlands von unserer kleinbäuerlichen Struktur in eine leistungsstarke, charmante, moderne europäische Region.

Da war aber auch die Großfamilie rund um unser damaliges wunderschönes Bauernhaus, in dem ich aufgewachsen bin, das sich meine Urgroßeltern Rosina und Josef Hoanzl vor dem Ersten Weltkrieg durch zwei längere Arbeitsreisen nach Amerika erarbeitet haben. Mit meinen jungen, energiegeladenen Eltern, lustigen, noch jüngeren Tanten und Onkeln, lebhaften, sehr gut aufgelegten Großtanten und schneidigen, unternehmungslustigen Großonkeln und vielen warmherzigen Frauen und teilweise sehr originellen Männern, die da irgendwie familiär und freundschaftlich dazugehört haben.

Im TV lief am Mittwoch eine halbe Stunde „Kasperl“, am Abend „Bonanza“, am Vormittag gab es Russischkurse im TV und am Samstag „Seniorenclub“. Da waren die Geschichten, die sich die Erwachsenen bei der Arbeit am Feld und beim Federschleißen, Schnapsbrennen, Sauabstechen, Kartenspielen erzählten schon bunter und für mich als Kind interessanter.

Auch war es mir als kleinem Kind gestattet, in beiden Arbeitswelten, der der Männer und auch der der Frauen, wie ich es wollte, dabei zu sein. Es wurde über alles geredet, was man sich vorstellen kann, großteils ohne pädagogische Rücksicht, so wie wir es heute kennen; auch war der Erzählbogen historisch und thematisch sehr weit gespannt und Wiederholungen hat es nicht nur im TV öfters gegeben.

Ich kannte zwar durch meine „Urlaube“ und Besuche im Dorf bei meinen Großeltern mütterlicherseits einige Kinder – wie einen meiner liebsten Freunde, Kurtl, der leider viel zu früh verstorben ist – und ihre Familien, jetzt in der Volksschule eröffnete sich für mich ein größerer Einblick in das Dorfleben und in die verschiedenen Familien.

Deutsch als erste „Fremdsprache“

Was ich damals noch nicht so verstand, das mir aber noch heute gefällt, war derselbe soziale Hintergrund, den ich mit vielen Burgenländerinnen und Burgenländern teile – wir waren in meiner Generation fast alle die Enkelkinder von Bäuerinnen und Bauern und unsere Eltern arbeiteten oft auch als Nebenerwerbslandwirte. Damit war in der Volksschule außer für die Kinder vom Arzt und die Kinder vom evangelischen Pfarrer klar, was in den großen Ferien passiert: Es wird zuhause in der Landwirtschaft mitgearbeitet. Später habe ich erfahren, dass Maria Theresia deswegen auch die großen Ferien erfunden hat, und leider nicht, wie ich es mir damals gewünscht hätte, damit man ungestört von 15 bis 17 Uhr Ferienfernsehen schauen kann.

Ich vertrieb mir jetzt die Zeit neben der Arbeit am Bauernhof mit Lesen von allem, was auffindbar war. Deutsch lesen und schreiben lernen war meine erste Erfahrung mit Fremdsprache, da ich ja bis dahin nur mit Dialekt vertraut gewesen war und unsere Lehrer auch im Dialekt unterrichtet haben. Sehr wohl haben sie aber die hochdeutsche Rechtschreibung eingefordert. In der Volksschule hatte ich Glück, in den ersten zwei Klassen eine sehr liebe, junge Lehrerin und einen sehr netten evangelischen Pfarrer zu haben, der uns die Geschichten und Gleichnisse der Kinderbibel wirklich verständlich machen konnte. Dadurch war es dann ein harter Umstieg zum Herrn Direktor, der sein pädagogisches Konzept, wenn es sein musste, auch mit Gewalt in uns hineinzwang oder das vermeintlich Böse aus unseren Ohren herauszog.

So war der Kulturcrash der 70er-Jahre in der Volksschule bis wahrscheinlich in den Landtag. Umso höher kann man dann die reale Innovationskraft von Politikern wie Bruno Kreisky und seinem burgenländischen Pendant Fred Sinowatz und anderer und ihre Weltoffenheit in diesem oft harten Umfeld der 70er-Jahre wertschätzen. Ohne solche Frauen und Männer wäre es nicht möglich gewesen, dass Kinder aus einfachen Verhältnissen – wie meine Schwester und ich – maturieren. Als der Schulbus uns dann aus allen möglichen
südburgenländischen Gemeinden frühmorgens mit mehreren Zwischenstopps eingesammelt hatte, und ich nach eineinhalb Stunden (so lange brauche ich jetzt auch in mein Büro nach Wien) in der Hauptschule Stegersbach angekommen bin, wurde ich vertraut mit vielen verschiedenen Dialekten und für mich war der Stinatzer der Faszinierendste davon.

In der Hauptschule hatte ich auch die erste Erfahrung mit „besseren“ Kindern – also Kindern, die glaubten, dass sie mehr sind als die anderen Kinder, und sich daraus andere Vorrechte ableiteten. Das empört mich bis heute und konnte trotzdem mein kindlich-idealisiertes Weltbild von Gleichheit und Gleichwürdigkeit aller Menschen, egal wo sie herkommen und wie viel ihre Eltern verdienen, nicht erschüttern. Das Dorfleben bei uns im Burgenland war und ist bis heute bestimmt von wirklichen Freundschaften, Zusammenhalt und damit verbundener tatkräftiger Unterstützung in allen nur erdenklichen Lebenslagen und Situationen. […]Den gesamten Text finden Sie im Buch „Mein Burgenland“.
 

Zur Person: Georg Hoanzl, Verleger

  • Wurde 1966 in Güssing geboren, in Kukmirn aufgewachsen, Matura in der BHAK Mattersburg. Seit 1980 Mitarbeit in verschiedenen Kulturvereinen (K.A.D.L. – Kultur auf dem Lande, Kukmirn, Fröhlicher Frühling, Güssing, OHO).

  • 1986 machte er sich selbstständig. Er gründete die Hoanzl-Agentur und Hoanzl Vertriebs GmbH, in denen er Eigentümer und Geschäftsführer ist.

  • Das Unternehmen, das viele Größen des österreichischen Kabaretts unter Vertrag hat, beschäftigt etwa 48 Mitarbeiter. Auch die Serie „Best of Kabarett“ wird von Hoanzl herausgegeben.

  • Georg Hoanzl lebt in Neustift bei Schlaining, ist verheiratet und hat eine Tochter.


Zum Buch: „Mein Burgenland“

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für jene Menschen, die hier leben oder die eine engere Beziehung zu diesem Land haben? Was sind ihre Ansichten, Einsichten und Aussichten? Michael Gerbavsits,
Georg Pehm und Walter Schneeberger haben 50 plus eine Antwort erhalten.

x  |  NOEN, Fotos: Leykam

Mit Beiträgen von: Gabriele Ambros, Theodora Bauer, Konstanze Breitebner, Werner Dax und Johannes Wutzlhofer, Julia Dujmovits, Maggie Entenfellner, Heinz Fischer, Elisabeth Gamauf-Leitner, Michael Gerbavsits, Roland Hagenberg, Leo Hillinger, Georg Hoanzl, Norbert Hofer, Manfred Horvath, Stefan
Horvath, Paul Iby, Andreas Ivanschitz, Jason Allen Johnson, Saskia Jungnikl, Richard Karl Kanitsch, Barbara Karlich, Gisela Kramer, Andreas Liegenfeld, Eva Mayer, Peter Menasse, Paul Muehlbauer, Wolfgang Murnberger, Hans Niessl, Fritz Ostermayer, Josef Ostermayer, Elisabeth Pauer, Georg Pehm, Pia Pfneisl, Uta Prantl-Peyrer, Martin Pucher, Karl Reiter, Birgit Sauer, Maria Schaller, Dagmar Schellenberger, Walter Schneeberger, Anton Schubaschitz, Elfie Semotan, Tanja Stacherl, Markus Stefanitsch, Ingrid Tschank, Christian Uchann, Barbara van Melle, Joško Vlasich, Klaus Wölfer, Richard Woschitz, Uschi Zezelitsch

Herausgegeben von Michael Gerbavsits, Georg Pehm, Walter Schneeberger. ISBN 978-3-7011-7952-7

Weitere Infos zum Buch unter www.leykamverlag.at

Bisherige Teile der Serie:


Ausblick:

In der kommenden Ausgabe erzählt Politiker Norbert Hofer von seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen.