Erstellt am 13. August 2015, 11:47

von Vanessa Bruckner

Anstand braucht Widerstand. Hans Söllner über Politik, die aktuelle Flüchtlingsdebatte und seine Botschaften: „Was bei uns grad passiert, ist nur menschlich zu lösen – nicht logistisch.“

Klartext. Hans Söllner fand sowohl auf der Bühne als auch im BVZ-Interview klare Worte zur aktuellen Flüchtlingsthematik: »Das, was passiert, ist nur menschlich zu lösen - nicht logistisch.« Und erstmals spricht Söllner darüber, dass er bereits zwei Kinder aus Afghanistan und Syrien bei sich aufgenommen hat. Fotos: Pekovics  |  NOEN, Michael Pekovics

BVZ: Willkommen im Burgenland mit einer neuen Landesregierung, die immer noch für viele Diskussionen sorgt. Wie sieht gute Politik für dich aus, Hans? Beziehungsweise gibt´s die überhaupt?
Hans Söllner: Gute Politik ist die von jener Sorte, wo ich die Entwicklung der Welt überlasse und den darauf lebenden Lebewesen. Wir, die sogenannte erste Welt, haben unseren Wohlstand in den letzten vierzig Jahren auf dem Rücken der zweiten, dritten Welt aufgebaut. Und jetzt sagen wir, wenn sie sich in Afrika mit deutschen Waffen gegenseitig die Köpfe einschießen: „Stopp, es ist genug!“ Die Afrikaner haben schon vor vierzig Jahren gesagt, „stopp, genug“, als wir ihnen ihre Bodenschätze weggenommen haben. Nur hat uns das nicht interessiert, wir haben sie zum Teufel gejagt. Ich wünsche mir eine Welt ohne Grenzen, in der jeder hinziehen darf, wo er will. Die Situation ist auch für uns gut, weil wir enger zusammenrücken müssen. Wir leisten uns den Wohlstand, dass in einer fünfköpfigen Familie jeder ein Zimmer hat, anstatt sich ein Zimmer zu teilen und dafür einen Flüchtling aufzunehmen. Das, was bei uns grad passiert, ist nur menschlich zu lösen – nicht logistisch.

„Es geht nur so, dass sie mit uns gemeinsam
zu Abend essen, mit uns leben“

BVZ: Überlegen du und deine Familie eigentlich, ob ihr auch einen Flüchtling aufnehmt?
Haben wir schon! Bis jetzt hab ich da allerdings öffentlich nicht darüber geredet. Bei uns leben ein sechzehnjähriger Afghane und ein syrischer Bub, der ist 12 Jahre alt. Der Junge aus Afghanistan ist seit einem dreiviertel Jahr bei uns. Dann haben sie ihn uns weggenommen und irgendwo in ein Heim am A… der Welt gesteckt. Das haben wir uns nicht gefallen lassen, denn Integration funktioniert so nicht. Es geht nur so, dass sie mit uns gemeinsam zu Abend essen, mit uns leben und nicht in ein Zimmer mit 40 anderen Afghanen gesteckt werden. Wie sollen sie denn so unsere Sprache lernen? Idiotisch ist das!

BVZ: Dein Leben ist schon geprägt vom Widerstand ...
Ansichtssache! Ich würd eher sagen, mein Leben ist geprägt vom Anstand, aber für diesen Anstand muss ich ganz schön kämpfen, denn ich muss mir oft einiges anhören. Aber Anstand erfordert eben auch mal Widerstand.

BVZ: Wann ist selbst für einen Hans Söllner Widerstand auch einmal zwecklos?
Es gibt keinen zwecklosen Widerstand, denn auch wenn du am Ende vielleicht nicht das erreichst, was du erreichen wolltest, so bleibt immer der Weg das Ziel und nicht umgekehrt. Sie dir das an (zeigt ein Kreuz an einer Kette um seinen Hals), das ist für mich kein Kreuz, sondern ein Plus. Alles im Leben ist Ansichtssache.

x  |  NOEN, Michael Pekovics/BVZ

BVZ: Wie schwer ist die Gratwanderung als Musiker, einerseits zu unterhalten und andererseits deine Botschaften rüberzubringen?
Ich vollzieh keine Gratwanderung, sondern wenn, dann das Publikum. Die entscheiden, ob sie wirklich zuhören oder nur mit offenem Mund dastehen und auf Durchzug schalten. Meine Musik ist für mich ein Transportmittel, um meine Message rüberzubringen.

„Man könnte natürlich ganz schnell meinen,
die Welt besteht nur aus Wahnsinnigen“

BVZ: Wer ist Hans Söllner heute?
Wir entwickeln uns immer weiter, ganz egal, ob ich jetzt Musiker bin oder nicht. Wenn man sich mein Publikum ansieht, dann fällt auf, dass es vorwiegend junge Leute sind. Klar hab ich auch die ältere Generation vor der Bühne stehen, aber die haben die Kinder oder Enkelkinder dabei – und das ist der Unterschied. Mein Publikum entwickelt sich mit mir. Entweder sie bleiben oder sie gehen. Es ist mein Spiegel. Für viele Menschen heute ist Facebook ihr Spiegel. Bedenklich. Wenn ich heute schreibe „ich war am Klo“, dann kommen da sechstausend Meldungen „ja, ich auch“. Was ich damit sagen möchte, diese Art und Weise, etwas mitteilen zu können bzw. mitgeteilt zu bekommen, hat es so noch nie gegeben. Gut, wenn du etwas Wichtiges zu sagen hast. Andererseits lockst damit wirklich noch das dümmste Arschloch aus der hintersten Ecke raus, das dann seinen Kommentar abgibt. Das ist Facebook und das muss man wissen.

BVZ: Du bekommst allerdings nicht nur lauter „gefällt mir“, sondern wirst auf Facebook für deine Ansichten auch oft hart kritisiert. Wie gehst du damit um?
Ja, da könnte man natürlich ganz schnell meinen, die Welt besteht nur aus Wahnsinnigen und hasserfüllten Menschen, weil auf die bösen Postings fixiert man sich. Aber die sind nicht die Welt, die Welt ist so nicht. Wie ich damit umgehe? Ganz einfach: Ich les den ganzen Blödsinn nicht.

BVZ: Und wenn dir so ein „dummer Mensch“ im realen Leben begegnet?
Jo mei, es ist sicher einfacher, mich für einen kurzen Moment auf den sein Niveau einzulassen, als ihn davon überzeugen zu wollen, dass er sich auf meines begibt.