Erstellt am 25. Mai 2016, 12:24

Ich bin bei der abstrakten Musik gelandet, die Liebe und verehre ich". Der Trompeter Franz Hautzinger ist auch für Ethno-Einflüsse offen und betreibt seit Jahren mit dem Gomberg Swinger Club ein Experimentierlabor für Musikimprovisation. Im Herbst erscheint seine neue CD mit dem Trio Fidibus. Mit Jürgen Plank sprach der Künstler über Afrika, Blasmusik und eine kaputte Lippe.

 |  NOEN, Othmar Bajlicz

Wie kam es, dass Sie die Trompete als Ihr Instrument gewählt haben?
Franz Hautzinger: Ich bin in einer ländlichen Gegend geboren worden, genau genommen im Seewinkel an der ungarischen Grenze. Im Dorf ist man mit Blasmusik konfrontiert und das war meine erste Bildung in Richtung Blech. Ich war am Internat und mein Lehrer hat mir im Musikzimmer einen grauen Koffer gezeigt und drinnen war – auf rotem Samt – eine goldene Trompete. Und ich habe mir gedacht: „Das möchte ich spielen!“ Ich habe die Trompete bekommen und so hat das begonnen.

Wie ging es dann weiter?
Ein wichtiges Erlebnis war ein Besuch in der Jazzgalerie Nickelsdorf, das war etwa im Jahr 1974, dort wurde damals damit begonnen, Konzerte zu veranstalten: Black American und Free Jazz. Da habe ich Hannibal Marvin Peterson live gesehen, das war meine Initiation – und dann ging es los.

"Ich bin bei der abstrakten Musik gelandet, die Liebe und verehre ich" 

Was fasziniert Sie an der Trompete?
Das kann ich nicht genau sagen. Die Geschichte ging dann so weiter: Ich bin fröhlich und motiviert, mit etwa 18 Jahren, an die Grazer Jazz-Hochschule gekommen und habe mir innerhalb von zwei Jahren meine Lippe ruiniert. Ich konnte nicht mehr spielen und habe angefangen, Arrangement, Jazzkomposition und Theorie zu studieren. Das Studium habe ich auch abgeschlossen und ich habe jahrelang Arrangements geschrieben – ich glaube in der Mappe des Musikantenstadls gibt es auch noch etwas von mir [grinst]. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich habe bis heute ein grundsätzliches Interesse an diesem Instrument. Aber meine Lippe war kaputt.

Das heißt, Sie konnten gar nicht spielen?
Ich konnte jahrelang nicht spielen, oder immer nur kurz. Ich bin aber drangeblieben und die Motivation war gleich und so bin ich immer mehr mit experimentellen Leuten zusammengekommen. Ich habe gemerkt, dass die mir nahe sind, und so fand ich in die Wiener experimentelle Jazz-Szene, rund um die Nouvelle Cuisine Big Band. Da habe ich Helge Hinteregger getroffen und wir haben mit dem Duo Zosb einen experimentellen Weg begonnen. Trompete war noch immer mein Ding, aber daneben war die Elektronik. Nach einem Konzert habe ich das gesamte Elektronikequipment verkauft und begonnen, eine eigene Spieltechnik zu entwickeln. Das war mit der CD „Gombe“, etwa im Jahr 1999.

„Wenn man viel mit guten Leuten zusammenarbeiten kann, viel Theorie hört und viel denkt, geht normalerweise etwas weiter.“

Wie haben Sie Ihre Technik entwickelt?
Wenn man eine zerstörte Lippe hat und alles übt, was dann noch übrig bleibt, kann man noch immer sehr interessante Musik mit interessanten Leuten machen. Ab dem Ende der 1980er-Jahre habe ich für 22 Jahre auch an der Uni Improvisation und neue Spieltechniken unterrichtet und habe Beruf, Idee und Forschung vereint. Wenn man viel mit guten Leuten zusammenarbeiten kann, viel Theorie hört und viel denkt, geht normalerweise etwas weiter. Für mich war das eine Chance, das wusste ich gar nicht. Ich wusste auch nicht, dass man so Trompete spielen kann. Dass das so weit nach vorne geht, fand ich interessant. Dass das andere auch interessiert, war eine Draufgabe. Mir hat’s mein Leben gerettet, und das fand ich cool.

Es ging also auch darum, aus den Einschränkungen möglichst viel zu machen?
Ich finde es super, dass man in der Kunst, in der experimentellen Musik, die Möglichkeit hat, mit seinen Limitationen etwas zu machen – die sind ja grundsätzlich, beim einen sieht man sie weniger, beim anderen mehr. Das ist mir widerfahren und das ist eine außergewöhnliche Erfahrung und das finde ich außergewöhnlich super.

Seit einigen Jahren gibt es den von Ihnen geleiteten Gomberg Swinger Club. Was ist die Idee dahinter?
Irgendwann hat mich ein Kollege Andreas Paolo Perger zu einem Konzert in den verein08 eingeladen und wir haben miteinander gespielt. Ich fand Intimität vor, wie bei einem Hauskonzert, zu dem man zu Hause seine besten Freunde ins Wohnzimmer einlädt. Freunde, die mindestens so gut wie du oder noch besser sind. Das ist nicht in Form eines Konzertes, sondern alle treffen sich und irgendwann ist man ready und es wird musiziert. Genauso lang, wie man es miteinander fühlt.

Was ist das Besondere an diesen privaten Abenden?
Es ist definitiv ein privater Raum, in dem man mit sehr guten Leuten spielen kann. Mir gefällt es, in diesem kleinen Rahmen zu spielen. Es geht um kein Ranking, es ist kein Konzert, kein Wettbewerb, man muss nicht gut sein. Das gibt es hier alles nicht, man ist privat und spielt ohne Strategie und mit offenem Herzen. Das habe ich hier vorgefunden und so passiert das. Wir warten zusammen, bis alle da sind, und dann wird gespielt.

Wen haben Sie bereits in den Club eingeladen?
Insgesamt mache ich das seit rund sechs Jahren, dazwischen gab es einmal eine Pause. Hier geht es ein bisschen auch um etwas Tranceartiges. Man braucht Leute, die das lieben, die im Moment eine Musik mitspielen können, ohne einen Fehler zu machen, ohne sich zu irren. Es sind Leute, die gerne leise spielen wollen, für die das keine Qual ist, und die gerne mit mir spielen wollen. Meine Favoriten sind auf jeden Fall Didi Kern, Bernhard Breuer, Maria Petrova, Lukas König, Jakob Schneidewind und Matija Schellander.

„Je leiser man spielt, desto leichter kann man spielen.“

Wann gelingt eine Improvisation?
Sie gelingt immer, wir stellen das her. Manchmal ist es total super und manchmal ist es super. Ein Abend mit Freunden ist gut, aber manchmal ist er super. Das ist ein guter Vergleich. Wir spielen leise, das heißt: totale Kontrolle. Je leiser man spielt, desto leichter kann man spielen. Ich kenne die Leute, mit denen ich spiele, seit vielen Jahren.

Wie ich weiß, sind Sie auch offen für Ethno-Einflüsse, insbesondere aus Afrika. Was macht diese Faszination aus?
Diese Faszination gab es schon immer. Ich bin bei der abstrakten Musik gelandet, die liebe und verehre ich. Dann gibt es aber auch emotionale Felder, auf die ich nicht verzichten möchte, wie zum Beispiel die ethnischen Musiken. Ich kenne da sehr viel und ich habe immer irgendwelche Bands gehabt, mit denen ich etwas Ähnliches gemacht habe. Das hat sich auch sozusagen experimentalisiert und es gibt auch in der Ethno-Szene viele Experimentelle, im Jazz sowieso. Ich mag gerne auch mal anderswo hingehen.

Haben Sie auch in Afrika gespielt?
Ja. Ich war vor zwei Jahren in Afrika. Peter Kuthan [Arge Zimbabwe Freundschaft; Anm.] hat uns für fünf Wochen nach Simbabwe auf eine Tour mitgenommen. Das Projekt begann in Harare und ging dann auch hier noch über Monate weiter. Wir haben letztlich eine Tour durch Österreich gemacht und haben beim Festival Glatt&Verkehrt gespielt. Es war natürlich super, weil es die Rhythmik, den Tanz hier nicht gibt. Ich mag auch gerne orientalische Musik.

Welches Projekt betreiben Sie aktuell noch?
Zurzeit habe ich ein Super-Trio, das gefällt mir wahnsinnig gut, mit Matthias Loibner, der spielt Drehleier, und mit Peter Rosmanith an der Perkussion, er spielt auch Hang bei einigen Stücken. Das Trio heißt Fidibus und im Herbst 2016 wird eine CD erscheinen.

Danke für das Interview.
 

In Kooperation mit mica – music austria