Erstellt am 22. Oktober 2013, 13:51

Im ORF geht das Proporz-Gespenst um. Die neue Regierung sollte nicht mit einem "Proporzgesetz gegen den ORF" beginnen, meinte ORF-Legende Hugo Portisch am Wochenende im Ö1-Mittagsjournal.

Grund für Portischs Appell an SPÖ und ÖVP sind offenbar Pläne der Großkoalitionäre, den ORF wieder mal umzukrempeln. Die Unzufriedenheit der Regierungspartner mit dem öffentlich-rechtlichen Sender scheint jedenfalls groß, wie es heißt. Das eigene schlechte Abschneiden bei der Nationalratswahl und den Erfolg von Heinz-Christian Straches FPÖ führt man demnach vor allem auf die Vielzahl der ORF-TV-Duelle zurück, die der Opposition reichlich Platz zur Präsentation boten.

ÖVP wünscht sich "Zweiervorstand mit Vieraugenprinzip"

Einmal mehr werden deshalb seit Tagen möglich Änderungen in der ORF-Führungsstruktur kolportiert, haben doch SPÖ und ÖVP ohnehin seit längerem eine ORF-Reform mit kleineren ORF-Gremien im Auge, die als Vehikel für Änderungen an der ORF-Spitze dienen könnte. ÖVP-Mediensprecher und -Klubobmann Karlheinz Kopf plädierte zuletzt wiederholt für einen Zweiervorstand mit Vieraugenprinzip. Derzeit fungiert der der SPÖ nahe stehende ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz als Alleingeschäftsführer.

Wrabetz vor Ablöse?

Wrabetz, dessen Geschäftsführungsperiode - so wie die der anderen ORF-Direktoren - Ende 2016 ausläuft, gilt wegen der Unzufriedenheit der SPÖ als möglicher Ablösekandidat. Das war freilich unter der Kanzlerschaft von SP-Chef Werner Faymann schon öfter der Fall und Wrabetz hat immer wieder überlebt. Als Alternativen werden in der SPÖ derzeit Radiodirektor Karl Amon oder auch die frühere Siemens-Managerin Brigitte Ederer gehandelt, die nach ihrem erst vor kurzem erfolgten Ausstieg beim globalen Technologie-Konzern frei wäre.

ÖVP-Favorit Richard Grasl

Als klarer ÖVP-Kandidat für einen Zweiervorstand gilt ORF-Finanzdirektor Richard Grasl. Er könnte in einer neuen Struktur den Programmbereich übernehmen. Grasl fühlt sich aber in seiner Rolle als Kaufmännischer Direktor wohl und hat in den vergangenen Jahren auch durchwegs positive Finanzergebnisse geliefert. In der SPÖ wird als möglicher bürgerlicher Teil eines Zweiervorstands auch "Kurier"-Chefredakteur Helmut Brandtstätter ins Spiel gebracht. Brandstätters Vertrag wurde aber gerade erst bis Sommer 2019 verlängert, darüber hinaus wurde er zum "Kurier"-Herausgeber bestellt.

Auch Kandidatennamen für die Bereichsstrukturen unter einem Zweiervorstand kursieren. So könnte sich Fernsehdirektorin Kathrin Zechner in einer neuen Programmbereichsstruktur um die Unterhaltung kümmern, ihr Stellvertreter Stefan Ströbitzer um die Information und der burgenländische Landesdirektor Karlheinz Papst ums Radio. Papst könnte im Burgenland wiederum von Landesstudio-Chefredakteur Walter Schneeberger beerbt werden, ist zu hören.

80 Millionen Euro Einsparungen

Wegen der kursierenden Personalspekulationen und des harten Sparkurses im ORF - die Erstellung des Finanzplans 2014 mit Einsparungen in Höhe von knapp 80 Millionen Euro befindet sich gerade in der Schlussphase - lagen zuletzt die Nerven in der ORF-Geschäftsführung blank. Das Nachrichtenmagazin "profil" berichtete am Wochenende von einem lauten Krach zwischen Wrabetz, Grasl und Zechner am Rande eines Korrespondenten-Heurigen in der vergangenen Woche. In internen Sitzungen der Geschäftsführung komme es immer wieder mal zu heftigen Konfrontationen auf professioneller Basis, das besondere an dieser Auseinandersetzung war bloß, dass sie halböffentlich stattfand, meinte indes ein ORF-Insider.

Wrabetz sieht "keinen Grund für Experimente"

ORF-Chef Wrabetz wollte sich zu den Personalspekulationen zuletzt im Detail nicht äußern, wies aber darauf hin, dass es "keinen Grund für Experimente" gebe. Der ORF sei im europäischen Vergleich erfolgreich und breit aufgestellt, es bestehe daher keine Notwendigkeit für Veränderungen im Direktorium vor dem Auslaufen der aktuellen Geschäftsführungsperiode.

Die Oppositionsparteien haben in den vergangenen Wochen bereits mehrfach vor einem Rückfall in alte Proporzzeiten im ORF gewarnt. Und auch die ORF-Redakteure bereiten intern bereits Widerstand gegen eine mögliche Wiederkehr des alten Parteienproporz im ORF vor.