Erstellt am 17. August 2011, 11:34

„Jamaica kommt auch ohne mich aus …“. INTERVIEW / Mit bürgerlichem Namen heißt er Tilmann Otto, als Gentleman hat er sich im Lauf der Jahre eine weltweite Fangemeinde erarbeitet.

Tilmann Otto Gentleman  |  NOEN

Als Vertreter des klassischen Roots-Reggae hat der deutsche Musiker auch in dessen Herkunftsland Jamaica seine Fans. Am vergangenen Wochenende sorgte Gentleman mit seiner Band auf dem Picture On in ordentlich Bildein für Stimmung. BVZ-Mitarbeiterin Melanie Müller traf den Musiker nach der Show zum ausführlichen Gespräch.
 
 
BVZ: Du bist heuer zum ersten Mal in Bildein. Hattest du bestimmte Vorstellungen von diesem Festival, bevor du hierhergekommen bist?
Gentleman: Um ehrlich zu sein, wusste ich gar nicht wirklich, wo die Reise heute hingeht. Wir sind von Portugal gekommen und hatten schon Angst, dass das heute nicht klappen würde. Wir sind erst um halb zehn angekommen. Hätte es einen Stau auch noch gegeben, hätten wir den Gig abblasen müssen. Aber wir hatten Glück, sind angekommen, aufgewacht, haben schnell ausgepackt und dann ging‘s auch schon auf die Bühne. Ich glaube, wir haben den heutigen Tag alle ein bisschen Zeitraffer-mäßig erlebt.
 
BVZ: Na da hatten wir ja Glück. Und wann geht die Reise wieder weiter? Und wohin wird sie dich führen?
Gentleman: Um zwei Uhr früh fahren wir zum Flughafen und dann fliegen wir nach Köln. Dann haben wir zwei Tage Pause und von Köln aus fahren wir nach Hamburg. Wir spielen bis Ende September jetzt Festivals und dann geht’s auf große Amerika-Tour. Darauf freue mich schon sehr.
 
BVZ: Wie fühlt man sich, wenn man quasi andauernd unterwegs ist?
Gentleman: Super! Ich liebe es. Bin wirklich gerne auf Tournee. Auch heute war es sehr, sehr schön. Ich hatte schon das Gefühl, dass man die Leute ein bisschen bearbeiten muss. Aber irgendwann war ein Großteil des Publikums dann voll dabei. Wenn solche Bemühungen klappen, dann ist das besonders schön. Es ist ganz was anderes, wenn man die Leute direkt im Griff hat. Das ist vielleicht zu leicht. Weißt du was ich meine? Wenn man erst nach einer gewissen Zeit bemerkt, wie die Leute von der Musik angesteckt werden. Das hat einen ganz besonderen Reiz. Heute in Bildein war‘s anfangs nicht einfach – aber dann wurde es super!

BVZ: Für dich war das heute wahrscheinlich ein wesentlich kleineres Publikum als üblicherweise, oder?
Gentleman: Es gibt solche und solche Konzerte. Ich spiele auch nach 20 Jahren Live-Auftritten immer noch in kleinen Clubs. Wir waren letzte Woche bei einem Festival in Polen dabei. Da waren 700.000 Menschen. Du glaubst das nicht, du kannst es dir nicht vorstellen – das muss man erleben! Das Festival heißt „Woodstock“. Kannst es mal googeln, oder youtuben, oder wie auch immer das heißt. Aber ich mag dann auch wieder die intimen Atmosphären.
 
BVZ: Die ausgewogene Mischung macht es für dich aus?
Gentleman: Ja, genau!  Beides hat einen besonderen Kitzel.
 
BVZ: Auf deinen Tourneen bereist du die Welt. Mit deiner Musik gewinnst du die unterschiedlichsten Menschen für dich. Hast du bei deinem vollen Terminkalender überhaupt die Möglichkeit, die Länder und Kulturen, die hinter diesen Menschen stehen kennenzulernen?
Gentleman: Sehr selten. Wir spielen ja oft so vier, fünf Konzerte hintereinander und dann gibt’s einen Tag Pause. Wenn wir den einen Tag Pause haben, dann erkunden viele meiner Kollegen die Städte. Ich bin aber ein Mensch, der in solchen Momenten die Ruhe sucht. Da möchte ich niemanden sehen, niemanden hören – mal ganz für mich sein. Ich lege mich ins Bett, oder in die Badewanne. Ich genieße die Zeit.
 
BVZ: Weil wir uns ja zurzeit mitten in der Urlaubssaison befinden – fahren Künstler wie du auch auf Urlaub?
Gentleman: Nein! Wenn wir länger keine Konzerte spielen, dann bleib ich Zuhause und freue mich, dass ich mal die Zahnbürste ins Glas stellen kann.
 
BVZ: Stichwort Burgenland! Was verbindest du damit?
Gentleman: Ich hatte mal einen Stimmtrainer, der im Burgenland gewohnt hat und deshalb habe ich vor längerer Zeit einen Monat im Burgenland verbracht. Aber bitte frag mich nicht nach dem Ort. Ich habe keine Ahnung. Auf jeden Fall habe ich in der Asia-Therme gewohnt. Ist das hier irgendwo in der Nähe? Kennst du das? Auf jeden Fall war ich alleine hier. Bin ein bisschen rumgefahren. Ich mag die Gegend sehr gerne. Und Österreich ist ja sowieso sehr schön.
 
BVZ: Kennst du unsere Weine auch?
Gentleman: Ich bin ja eher so der Biertrinker. Aber der Wein den ich hier getrunken hab, der hat mir immer geschmeckt.

BVZ: Du bekommst sicher oft zu hören, dass du in Jamaica der einzige anerkannte deutsche Reggae-Musiker bist. Auf was ist man mehr stolz? Auf dieses Prädikat oder auf die vielen Preise, die dir schon verliehen wurden?
Gentleman: Ich glaube, das sind so Gedanken – die sollte man sich gar nicht machen. Weil es geht um die Musik. Jamaica kommt auch sehr gut ohne mich aus. Ich bin in Jamaica bekannt, die Leute kennen meine Musik und das motiviert natürlich. Außerdem ist Jamaica das Mutterland „meiner“ Musik. In Jamaica bekomme ich sehr viel Motivation und Inspiration. Für mich ist es sehr wichtig, ein natürliches Umfeld zu haben. Auch die Band, mit der ich unterwegs bin, besteht aus Leuten, die sehr am Boden geblieben sind. Das weiß ich hoch zu schätzen. Ich mach das seit zirka 20 Jahren. Das erste Konzert war 1993 und jetzt haben wir schon 2011. Das ist schon eine ziemlich lange Zeitspanne. Es geht nicht mehr darum, irgendwelche Preise einzuheimsen oder einen gewissen Ruf zu haben – sondern darum, mit dieser Musik im Einklang zu sein.
 
BVZ: Du hast vorhin Jamaica als Inspirationsquelle bezeichnet. Was hat für dich sonst noch einen besonders hohen Inspirationswert?
Gentleman: Inspiration ist der Anfang der Kreativität. Das heißt: Kreativität ist ein Zustand, der manchmal da ist. Das ist kein permanentes Ding, sondern es geht darum, diesen besonderen Moment der Kreativität einzufangen und zu sagen: Jetzt habe ich einen klaren Moment! Jetzt muss ich schreiben! Jetzt kann ich Musik machen! Inspiration kann alles sein. Ein guter Film, ein gutes Buch, eine Reise … Auch ein gut geführtes Interview. Man muss halt offen sein und diesen Moment dann abrufen können.
 
BVZ: Wieso Reggae?
Gentleman: Ich weiß es nicht. Keine Ahnung! Naja … Es ist schon eine Musik, die sehr vielseitig ist. Das denkt man gar nicht. Aber wenn man sich damit auseinandersetzt, erkennt man, dass es irrsinnig viele Facetten gibt. Natürlich gibt es diesen Layback-Reggae. Den typischen Bob Marley-Groove, was man grundsätzlich unter Reggae versteht. Aber es ist teilweise eben auch sehr punkig, elektronisch und modern. Wenn du in Kingston bist und das Radio einschaltest, stellst du fest, dass Reggae eine sehr vielseitige Musik ist. Ich mag auch andere Musikrichtungen. Bin auch immer offen, um mich inspirieren zu lassen. Wie von R’n’B oder Hip Hop. Erst vor kurzem habe ich Klassik für mich entdeckt. Jede Musik hat ihre Seele und ihren Kern – ist auf ihre Weise etwas ganz Besonderes. Man sollte nicht so in Schubladen denken.
 
BVZ: Abgesehen von der Musik. Was machst du gerne?
Gentleman: Ich kann auch mal fünf Stunden im Stuhl sitzen und einfach nur auf meinen Atem hören. Ich muss nicht immer etwas machen. Außerdem habe ich auch zwei Kinder und  verbringe gerne Zeit mit meiner Familie. Ich versuche diese Zeit sehr intensiv aufzunehmen. Was mir auch meistens gelingt.

BVZ: Es gibt ja diese Behauptung, dass wirklich gute Kunst, wirkliche gute Musik nur in politisch verworrenen Zeiten entsteht. Zu unserem Glück können wir das auf, unsere Heimatländer bezogen, von unserer Zeit ja nicht behaupten. Aber was hältst du von dieser Behauptung? Welche Möglichkeiten schöpft unsere Musik aus?
Gentleman: Was ist besonders? Was ist gut? Weißt du … Aber ich stell fest, dass kommerzielle Musik – Lady Gaga und Co. – weniger sozialpolitisch kritisch ist. Der Unterhaltungswert steht im Vordergrund. Aber in dem Moment, wenn Musik politisch gesehen anspruchsvoll wird, oder sehr kritisch mit der Gesellschaft und der Politik umgeht, dann ist sie auch weniger erfolgreich. Weil dann beim Publikum ein Nachdenken erzwungen wird und viele, viele mögen das ja überhaupt nicht. Aber das ist genau das, was die Musik ausmacht. Musik ist so viel mehr als nur Unterhaltung. Man kann eine Botschaft übermitteln. Genau dann heißt es nicht mehr nur: „Let´s party!“ oder „Wir gehen in den Club, um Schnecken zu checken“ … Weißt du? Wie gesagt, ich verurteile das nicht! Auch bei meiner Musik spielt Unterhaltung eine große Rolle. Aber ich habe einen ganz anderen Anspruch und merke auch, dass solche Musik langwieriger ist. Die Leute greifen sie in einer Tiefe auf – genau das liegt jenseits von Club-Entertainment.
 
BVZ: Wenn du an die Musik deiner Kindheit und Jugend zurückdenkst: Was hat dich so sehr geprägt, dass der Einfluss davon auch heute noch für dich eine Rolle spielt?
Gentleman: Sicher gibt’s da ganz vieles! Von ABBA über AC/DC bis Bob Marley. Aber auch die Sex Pistols und Bad Religion. Auch da war die Musik für mich schon sehr breit gefächert. Die Kindheit ist im Allgemeinen etwas sehr prägendes. Reggae war für mich aber schon sehr früh ein großes Thema. Ich war das jüngste Kind in meiner Familie und meine Geschwister und ich hatten eine besondere Liebe zum Reggae. Egal ob Bob Marley oder James Brown. Das hat schon angefangen, als ich elf war. Und jetzt bin ich noch immer im Reggae-Fieber!
 
BVZ: Gut so! Das heißt, dass wir uns auf viele weitere Konzerte im schönen Burgenland freuen dürfen?
Gentleman: Ja, auf jeden Fall!