Erstellt am 21. August 2015, 05:37

Konstanze Breitebner: „Das Hiersein verändert“. Die BVZ präsentiert die Autorinnen und Autoren des Buches „Mein Burgenland“. Diese Woche: Schauspielerin Konstanze Breitebner und ihre ersten Jahre im Südburgenland.

Selfie. Die Autoren wurden aufgerufen, sich für das Buch »Mein Burgenland« selbst zu verewigen. Diesem Wunsch kam auch Schauspielerin Konstanze Breitebner nach.  |  NOEN
… es ging ums Grüßen und dass mein Nachbar, da Neiche, der erst kürzlich Zuagroaste, der Vitasek meinte: Er grüße so gern. Da hab ich geantwortet: Echt, du grüßt gerne? Ich eher nicht, wobei, hier schon! Hier kann ich eine Stunde laufen, ohne einen einzigen Menschen zu sehen, da ist es dann ein Ereignis, wenn mein Nachbar, der Scharl Helmut, vor seinem Hof steht – da grüße ich gerne, etwas außer Atem, er grüßt zurück und lacht.

Was da dran so lustig sein soll, wenn ein Mensch den Fuchsberg raufrennt, versteh ich zwar nicht, aber obwohl – rennende Menschen, Jogger, schauen schon ein bissl blöd aus. Das ist sicher der Grund, warum man hier in Inzenhof kaum Jogger triff: Die Leut wollen einfach nicht blöd ausschauen … beim Grüßen.

Ein Feuerwehrfest, das ist nackte Wirklichkeit

Nach dem ersten Feuerwehrfest habe ich vorsichtshalber alle gegrüßt. Ich fühlte mich da so angeschaut, das verunsichert mich. Ja, ich weiß, ich bin Schauspielerin, für mich ist Angeschautwerden wie Zementsacklschleppen für einen Maurer – es gehört zum Beruf. Aber bei einem Feuerwehrfest stehst du nicht auf der Bühne, das ist die nackte Wirklichkeit!

Mittlerweile gehe ich fröhlich zum Feuerwehrfest und grüße die Leute, weil ich sie kenne. Namen nicht so, aber die Gesichter merke ich mir – wenn ich sie aus der Nähe sehe, ich bin nämlich ziemlich kurzsichtig.

In das Südburgenland hab ich mich sofort verliebt. Es ist so wunderschön, grün, ruhig und einfach da. Aber den eigenen Platz finden, wo man dann Zua- groaste werden wird, erfordert Geduld. Wir haben sicher 50 Häuser angeschaut, ich wollte ein altes Haus mit Geschichte, aber genau das war auch der Haken: Man ist beim Suchen oft direkt konfrontiert mit Familiendramen, du siehst Scheidungsruinen, fühlst mit, und am Ende willst du gern alles tun für den armen Geschiedenen, bloß sein Haus kaufen willst du dann nicht mehr: mit der Geschichte?

Zum Beispiel Krobothek. Ich denk mir schon: Hei, das ist es. Eine malerische Buschenschank, mit Weingärten und Wald – „Ja, Schatz, ist das nicht traumhaft?“ Dann gehe ich ums Haus herum und steh direkt vor einem Hochspannungsmasten. Sooo ragt der aus dem Tal mitten ins Bild. „Oh, Schatz, den sollte man wegmachen.“ „Ja sicher, Schatz, die von der Bewag werden sofort die zehntausend Kilovoltleitung verlegen, weil die Frau Breitebner der Mast stört.“ Na gut, wieder nix.

Ein Haus war noch auf der Liste, schiache Fotos aus dem Internet, das wird sicher nix. Aber weil wir halt in der Gegend waren … Wie wir meinen Fuchsberg rauffahren, hab ich so ein Gefühl, dann gehen wir durch das Holztor, über die Blumenwiese, da beginnt irgendwas in mir zu lächeln.

Mein Peter-Mann war auch fröhlich, da isses passiert: Traumhaus war Wirklichkeit. Bisserl umbauen muss man halt, ein, zwei Monate, dann ziehen wir ein. Wir begannen zu planen – heißt träumen. Also: Fertig sein wollten wir im April, eingezogen sind wir am 23. Dezember, desselben Jahres, immerhin. Alles ist immer komplizierter, als man sich‘s vorstellt, weil man gerade als Häuslumbauer Erfahrungen bräuchte, die ich jedenfalls überhaupt nicht hatte.

Und hier im Südburgenland geht die Zeit anders. „Wir kommen am Montag“, heißt nicht unbedingt, dass die Partie am Mittwoch schon angefangen hat. Wir haben uns alles selber ausgedacht, was die Phase des Umbauens nicht unbedingt verkürzt hat. Unser Baumeister Winter Peter aus Rudersdorf ist ein geduldiger Mann. Mit mir als Bauherrin braucht man auch eine gewisse Leidensfähigkeit. „Wissen Sie, ich will die Tür da, das Fenster dort und die Wände müssen überhaupt weg.“ Pause, forschender Blick: „Ahsou?“ „Und die Küche soll so ganz offen sein! Ich bin keine gute Köchin, ich hab gern, wenn die Leute mir Tipps geben, am liebsten sind mir die Gäste, die gleich selber kochen.“ Pause, forschender Blick: „Ahsou!“ Eines hat der Baumeister nicht akzeptiert: im Oberstock einen großen Raum machen. „Ja, waun wir des moachan, fallt das Haus zam!“ Pause, forschender Blick meinerseits: „Ahsou!“

Womit wir bei der gemeinsamen Sprache wären, die uns anfangs trennte. Ich hab die lieben Leute damals nicht verstanden. Zum Beispiel dieses leicht hingesagte „sei“, das ich zum ersten Mal vom Fischl Gerald gehört habe. Er hat das Elektrische in unserem Haus gemacht, das ist super – in der Stadt könnte ich nicht einfach die Straße runtergehen, wenn’s die Sicherung gefetzt hat, und sagen: „Du, Gerald, schaust du dir das an, bitte? Vielleicht bald, am besten sofort!“ Ob er das auch toll findet, weiß ich nicht, aber er würde mir sagen, wenn nicht, und ich würde es jetzt auch schon verstehen.

„Baasd“ – Allzweckwort in allen Lebenslagen

Aber vor sieben Jahren: dieses „sei“ kann „sie“ oder „du“ oder „die“ oder „ihr“ heißen – und klang für mich so fremd. Oder am Ende der Sätze „dei souchan!“ Das gab mir zunächst Rätsel auf, bis ich kapiert habe, dass das so ein heanzisches „und so weiter“ sein könnte – und das „baasd“! Ein Allzweckwort, ganze Dialoge füllen sich damit – baasd? Ja eh, baasd. Baasd eh … Und so begann ein schleichender Prozess, den man wohl „Integration“ nennt – als ich den verwucherten Gemüsegarten aktivierte, das heißt: umzugraben begann. Nicht wirklich etwas, das ich täglich mache, also bin ich wohl einigermaßen ungeschickt auf den Spaten gehüpft und habe ihn viel zu tief in die Erde gedremmelt, die tonnenschweren Klumpen in die Höhe gehievt und ziemlich unelegant wieder fallen lassen. Plötzlich spür ich was im Rücken, dreh mich um und sehe die Nachbarn, damals noch unbekannt, übers Gartentor gucken: „Was moachen‘S denn da?“ „Nun, wonach sieht’s aus? Ich steche um!“ „Sei!?!“

Du wachst am Morgen auf und hörst … nix

Für meinen Mann begann die Integration mit Schnapsbrennen. Wir haben Marschanzka- Äpfel alle zwei Jahre tonnenweise. Da hat der Wolf Hermann das Brennen vorgeschlagen. Peter war um sechs in der Früh g‘stöt und kam spät nachts sehr heiter und – fast – auf allen Vieren, eingehüllt in betörenden Schnapsduft, nach Hause. Inte-gration mit aufrechtem Gang durchzustehen, ist manchmal gar nicht so leicht.

Eines der Dinge, die man als „Zuagroaste“ hier in Inzenhof am meisten schätzt, ist die Ruhe. Du wachst auf an einem Sommermorgen und hörst nix – außer die Kreissäge von Nachbarin Hedi. Aber ansonsten ist der Kuckuck hier das Lauteste, sobald das Brennholz für den Winter fertig ist. Dann sitze ich in dieser Ruhe und kann mich gar wundersam aufs Drehbuchschreiben konzentrieren.

Integration findet übers Essen statt: Schoßspeis von den Attingers, Knoblauchwurscht vom Sommer aus Tschanigraben, Blunzn und Reiswurscht von der Köppl Gisi, Wild vom Schabhüttl Gerhard, der beste Schweinsbraten der Welt von der Wolf Elfi, das Weihnachtsfeier-Süßspeisenbüffet vom Freizeitklub Inzenhof! Reines Hüftgold mit Suchtpotenzial. Muss ich halt wieder Hügel rauf, Hügel runter joggen. Oben am Fuchsberg steht der Scharl Helmut, lacht, und ich grüße, ein bisserl außer Atem …

Ja, ich habe mich verändert, durch das Hiersein. Am eklatantesten ist wohl, dass ich plötzlich, nach Jahren der Auseinandersetzung in feministisch-emanzipatorischen Anwandlungen, wie mein Mann immer sagte, dass ich hier plötzlich die Chefin bin! Einfach, leicht und ohne Trara sagt der Mann plötzlich Chefin zu mir. Weil das hier im Südburgenland so ist, weil alle Männer das hier zu ihren Frauen sagen.

Also: Glück auf, meine Damen und macht‘s euch nix draus, die Herren, es grüßt euch die Zuagroaste, schon ein bisserl hiesige Konstanze.
 

Zur Person: Konstanze Breitebner, Schauspielerin

  • Wurde in Wien geboren, absolvierte das Gymnasium und die Schauspielschule Krauss und begann am Wiener Ensemble Theater ihre berufliche Laufbahn als Schauspielerin. 1983 wurde sie ans Wiener Volkstheater engagiert, in den 1990er--Jahren Engagements in Bonn und Frankfurt. 1998 kehrte sie nach Wien in das Theater in der Josefstadt zurück.

  • Konstanze Breitebner wirkte in zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen sowie TV-Serien mit. Für ihre Rolle in Peter Mazzuchellis Kinofilm „Day and Night“ erhielt sie 1990 den Schauspielerpreis beim Filmfestival San Remo. Neben Engagements auf zahlreichen Bühnen, in Film- und TV und Soloprogrammen ist sie auch als Moderatorin tätig und schreibt Drehbücher. Außerdem schreibt sie Theaterstücke und Lyrik.

  • Breitebner lebt in Wien und im Südburgenland. Sie ist mit Drehbuchautor Peter Mazzuchelli verheiratet und hat eine Tochter.

Zum Buch: „Mein Burgenland“

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für jene Menschen, die hier leben oder die eine engere Beziehung zu diesem Land haben? Was sind ihre Ansichten, Einsichten und Aussichten? Michael Gerbavsits,
Georg Pehm und Walter Schneeberger haben 50 plus eine Antwort erhalten.

x  |  NOEN, Fotos: Leykam

Mit Beiträgen von: Gabriele Ambros, Theodora Bauer, Konstanze Breitebner, Werner Dax und Johannes Wutzlhofer, Julia Dujmovits, Maggie Entenfellner, Heinz Fischer, Elisabeth Gamauf-Leitner, Michael Gerbavsits, Roland Hagenberg, Leo Hillinger, Georg Hoanzl, Norbert Hofer, Manfred Horvath, Stefan
Horvath, Paul Iby, Andreas Ivanschitz, Jason Allen Johnson, Saskia Jungnikl, Richard Karl Kanitsch, Barbara Karlich, Gisela Kramer, Andreas Liegenfeld, Eva Mayer, Peter Menasse, Paul Muehlbauer, Wolfgang Murnberger, Hans Niessl, Fritz Ostermayer, Josef Ostermayer, Elisabeth Pauer, Georg Pehm, Pia Pfneisl, Uta Prantl-Peyrer, Martin Pucher, Karl Reiter, Birgit Sauer, Maria Schaller, Dagmar Schellenberger, Walter Schneeberger, Anton Schubaschitz, Elfie Semotan, Tanja Stacherl, Markus Stefanitsch, Ingrid Tschank, Christian Uchann, Barbara van Melle, Joško Vlasich, Klaus Wölfer, Richard Woschitz, Uschi Zezelitsch

Herausgegeben von Michael Gerbavsits, Georg Pehm, Walter Schneeberger. ISBN 978-3-7011-7952-7

Weitere Infos zum Buch unter www.leykamverlag.at

Bisherige Teile der Serie:

Liebeserklärungen an das Burgenland - Vorschau

Ab Mittwoch in der BVZ-Printausgabe: In der kommenden Ausgabe schreiben die beiden Rechtsanwälte Werner Dax und Johannes Wutzlhofer über das Burgenland und ihre Kanzlei.