Erstellt am 16. Oktober 2015, 05:12

Leo Hillinger: „Poetisches Ganslessen“. Die BVZ präsentiert die Autorinnen und Autoren des Buches „Mein Burgenland“. Diese Woche: Weinbauer Leo Hillinger erinnert sich an ein ganz besonderes „Festl“.

»More than wine«. Jedes zweite Fass des erfolgreichen Unternehmens geht in den Export. Leo Hillinger reist durch die Welt - und ist dabei immer begeisterter Burgenländer geblieben. Fotos: Hillinger  |  NOEN, Hillinger
Schon zu Beginn meines beruflichen Werdegangs verließ ich traditionelle Wege zugunsten kreativer Innovation! Und so startete ich für die damalige Zeit mit sehr außergewöhnlichen Events … oder wie man damals noch sagte: „Festln“.

Abgespielt hat sich das Ganze nach dem Weinskandal in den 90ern, ja – man könnte sich sicher zum Start seiner Karriere einen besseren Zeitpunkt wünschen. Aber ich war jung und brauchte das Geld! Und somit habe ich, ohne viel darüber nachzudenken, mein Ding gemacht. Los ging es mit Jazz-Brunch, klassischen Konzerten, Boogie-Woogie-Wildschweinessen, Bike & Wine … und irgendwie kam mir dann die Idee mit dem „Ganslessen“!

„Mein Vater fragte mich, ob ich verrückt sei …“

x  |  NOEN, Hillinger
Das gute, alte, berühmt-berüchtigte „Ganslessen“ im Herbst, das immer viele Leute aus allen Windrichtungen anzog und speziell für die Weintrinker immer ein Muss war, da es mit der Verkostung der Jungweine (Jungweintaufe) verbunden ist.

Und so sammelte ich meine Gedanken und Ideen, denn ich wollte einfach mehr aus diesem „Ganslessen“ machen … Ein neuer Event war geboren: das „poetische Ganslessen“ beim Leo Hillinger in Jois! Dass der Part Wein und Essen von mir selbst übernommen wurde, war klar, aber der poetische Teil musste auch abgedeckt werden und hier fand ich damals mit Rudi von Lockenhaus den perfekten Partner! Mein Vater schlug die Hände über dem Kopf zusammen und fragte mich, ob ich jetzt komplett verrückt sei, als er sah, mit welchem Aufwand ich diese Veranstaltung in Angriff nahm.

Als Allererstes mussten alle Tanks aus meiner Halle raus. Wenn du das heute machen würdest, würden sie dich auslachen … Aber wo sonst sollte ich all die Leute unterbringen?! Also habe ich den Wein umgepumpt und mit viel Mühe die Tanks verstaut.

x  |  NOEN, Selfie Hillinger
Nun musste ich ja irgendwie in diese kahle Halle Stimmung und Atmosphäre bringen. So machte ich mich mit dem Fichtenmoped auf den Weg in den Wald und holte unzählige Bäume und Laub … Laub … Laub … ohne Ende.

Dass nun meine Mutter auch nicht mehr begeistert war, war klar! Aber wie bereits erwähnt, ich war jung … und schwerst motiviert! Ich wollte einfach alle mit diesem „Festl“ verzaubern – und das ist mir gelungen, es war einfach outstanding, und das mitten im Burgenland … Aber wo sonst kannst du sowas machen – nur hier!

„Ich würde nirgendwo anders leben wollen“

Das sind diese Momente, die einzigartigen Erinnerungen, die mich mit meiner Heimat, dem Burgenland, so sehr verbinden. Mittlerweile habe ich ein sehr erfolgreiches Unternehmen geschaffen, mit einem Exportanteil von 50 Prozent.

Ich reise in der Weltgeschichte herum, habe viel gesehen und viel dazugelernt! Aber ich würde nirgendwo anders leben wollen als hier im Burgenland, am Neusiedlersee! Auch heute, viele Jahre nach diesem besonderen „Festl“, veranstalten wir im Herbst direkt im Weingut das alljährliche „Ganslessen“. Leo Hilinger – more than wine!
 

Zur Person: Leo Hillinger, Weinbauer

  • Leo Hillinger wurde 1967 in Eisenstadt in eine traditionelle Weinhändlerfamilie geboren. Nach diversen Weinbauschulen absolvierte er zahlreiche Praktika im Ausland. Mit 19 Jahren zog Hillinger mit einem Stipendium der österreichischen Weinmarketinggesellschaft nach Kalifornien, in dieser Zeit begann auch die Auseinandersetzung mit möglichst naturnaher Bewirtschaftung der Rebflächen, die Hillingers Arbeit heute auszeichnet.

  • Während seiner Besuche im väterlichen Betrieb konnte Hillinger bereits früh sein innovatives Talent unter Beweis stellen. 1990, im Alter von 23 Jahren, übernahm er den Betrieb des Vaters und begann die Traubenproduktion nach seinen Ideen zu reformieren. In relativ kurzer Zeit konnte er markante Qualitätssteigerungen und Umsatzzuwächse verbuchen.

  • Neue Erkenntnisse aus Reisen nach Südafrika, Australien und Neuseeland flossen immer wieder in die Arbeit ein. An erster Stelle stand für Hillinger jedoch stets die Achtung der spezifischen Charakteristik seiner Weine.

  • Immer wieder verließ Leo Hillinger traditionelle Wege zugunsten kreativer Innovationen. In seinem Heurigen in Jois lud er zu Jazz-Brunch, klassischen Konzerten oder „poetischen Ganslessen“ und knüpfte so ein weitläufiges Netzwerk aus Kunst, Wirtschaft und Weinbau.

  • Einen der Höhepunkte in der Laufbahn Leo Hillingers stellt die Eröffnung des nach seinen Vorstellungen gestalteten, architektonisch und technologisch anspruchsvollen, Weinguts in Jois im Jahr 2004 dar.


Zum Buch: „Mein Burgenland“

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für jene Menschen, die hier leben oder die eine engere Beziehung zu diesem Land haben? Was sind ihre Ansichten, Einsichten und Aussichten? Michael Gerbavsits,
Georg Pehm und Walter Schneeberger haben 50 plus eine Antwort erhalten.

x  |  NOEN, Fotos: Leykam

Mit Beiträgen von: Gabriele Ambros, Theodora Bauer, Konstanze Breitebner, Werner Dax und Johannes Wutzlhofer, Julia Dujmovits, Maggie Entenfellner, Heinz Fischer, Elisabeth Gamauf-Leitner, Michael Gerbavsits, Roland Hagenberg, Leo Hillinger, Georg Hoanzl, Norbert Hofer, Manfred Horvath, Stefan
Horvath, Paul Iby, Andreas Ivanschitz, Jason Allen Johnson, Saskia Jungnikl, Richard Karl Kanitsch, Barbara Karlich, Gisela Kramer, Andreas Liegenfeld, Eva Mayer, Peter Menasse, Paul Muehlbauer, Wolfgang Murnberger, Hans Niessl, Fritz Ostermayer, Josef Ostermayer, Elisabeth Pauer, Georg Pehm, Pia Pfneisl, Uta Prantl-Peyrer, Martin Pucher, Karl Reiter, Birgit Sauer, Maria Schaller, Dagmar Schellenberger, Walter Schneeberger, Anton Schubaschitz, Elfie Semotan, Tanja Stacherl, Markus Stefanitsch, Ingrid Tschank, Christian Uchann, Barbara van Melle, Joško Vlasich, Klaus Wölfer, Richard Woschitz, Uschi Zezelitsch

Herausgegeben von Michael Gerbavsits, Georg Pehm, Walter Schneeberger. ISBN 978-3-7011-7952-7

Weitere Infos zum Buch unter www.leykamverlag.at

Bisherige Teile der Serie:


Ausblick:

In der kommenden Woche schreibt Verleger Georg Hoanzl über seine Kindheitserinnerungen und den besonderen Stellenwert des Südburgenlandes.