Erstellt am 31. März 2016, 05:24

Martin Pucher: Die Geschichte mit der Gans. Die BVZ präsentiert die Autorinnen und Autoren des Buches „Mein Burgenland“. Diese Woche: Martin Pucher und die Geschichte eines denkwürdigen Geschenkes.

Martin Pucher. Mit dem SV Mattersburg gibt es für den langjährigen Obmann sportliche Höhenflüge. »Seine« Kicker bleiben Pucher auch mit einem besonderen Geschenk in Erinnerung. Foto: Baldauf  |  NOEN, Franz Baldauf
Im Sommer des Jahres 1988 wurde ich erstmals zum Obmann des SV Mattersburg gewählt. Am 11. 11. 1988 wurde ich unter einem banalen Vorwand vom damaligen Mannschaftskader frühabends in das alte Vereinshaus gelockt, wo sie mir letztendlich zu meinem Namenstag gratulierten und erwähnten, dass sie mir auch was schenken möchten.

Dieses Geschenk, so dachte ich mir, „riacht gsparsig“. Vor mir auf dem Tisch stand ein geschlossener Karton. Auffallend war ein in der Mitte des Deckels befindlicher längerer Schlitz. Als ich den Karton öffnen wollte, erschrak ich fürchterlich. Aus diesem zuvor erwähnten Schlitz tauchte urplötzlich eine schnatternde Gans auf, welche ein grünes Band als Mascherl um ihren langen Hals trug.

„Was sollte ich mit der Gans anfangen?“

Das Gelächter ob meines ruckartigen Erschreckens war allgemein sehr groß, jedenfalls ist Gretl – so nannten die Spieler die Gans – somit in mein Leben getreten.

Wie ich dann hörte, haben diese Gans, der heutige sportliche Leiter Franz Lederer und der heutige Nachwuchsleiter Hannes Reisner mit ihren Händen eingefangen. Sie erklärten mir, dass das Fangen einer Gans in einem Freigehege keine leichte Aufgabe gewesen sei.

Am Abend dann fuhr ich mit Gretl im Karton nach Hause und lud meine Frau spontan ein, noch ihre Eltern zu besuchen, denn eigentlich wusste ich ja nicht, was ich mit „der Gans“ anfangen sollte. Von Gretl erzählte ich ihr nichts.

Als wir angekommen waren, tat ich so, als hätte ich etwas im Auto vergessen, und bat meine Frau, den Karton von der kleinen Ladefläche unseres Autos zu holen. Unbedarft und in Gedanken versunken, warum wir eigentlich zu den Schwiegereltern gefahren waren, machte sich meine Frau auf den Weg zu unserem Auto.

x  |  NOEN, Privat


Als sie den Karton in die Hände nahm, ging es ihr genauso wie mir. Gretl schnatterte mit ihrem Kopf und dem grünen Band auf ihrem langen Hals wiederum aus diesem Schlitz hervor, sodass auch meine Frau fürchterlich erschrocken ist. Dazu muss man wissen, dass für meine Frau Federvieh, seit sie als Kind den Film „Die Vögel“ von Hitchcock gesehen hatte, der pure Horror ist.

Da ich einen guten Gänsebraten sehr schätze, ersuchte ich meine Schwiegermutter, die Gans zu schlachten, sodass mir meine Frau am Sonntag einen Gänsebraten servieren kann.

Wir glaubten die Gans versorgt und machten uns wieder auf den Weg nach Hause, wo uns unsere beiden Töchter – damals im Alter von elf und acht Jahren – mit: „Wo bleibt ihr denn so lange!“ empfingen. Als ihnen dann ihre Mutter erklärte, dass ich von den Fußballspielern eine Gans geschenkt bekommen hatte und wir diese zur Oma gebracht hätten, damit sie sie schlachtet und rupft, waren beide nicht mehr zu halten und wollten Gretl unbedingt sehen. Also fuhren wir erneut zu den Großeltern.

Unsere Töchter waren natürlich völlig aufgelöst und sagten mit weinerlicher Stimme „Gretl darf nicht sterben, sie muss leben.“ Nun hatten wir neuerlich das Problem: Was machen wir mit der lebenden Gretl?

Ein neues Zuhause für die muntere Gans

Am nächsten Morgen nach dem Einkaufen unterbreitete mir meine Frau ihre Idee: Sie habe gehört, dass unsere pensionierten Nachbarn (Familie Lichtenauer) im Keller neben vielen Kanarienvögeln auch ein Entenpärchen halten, und die vis-á-vis Nachbarin Brigitte Wlaschitz meinte: „Die Gretl könnt ihr dort sicher unterbringen.“

Gesagt, getan. Auf Nachfrage wurde ein Quartier für Gretl bei Familie Lichtenauer zugesagt, welches sich nur zirka 30 Meter von unserem Grundstück befand. Herr Müller, mein Schwiegervater, wurde also ersucht, Gretl dort abzuliefern. Er fuhr mit seinem Anhänger, darauf Gretl im Karton, von seinem Haus die knapp 700 Meter zu unseren Nachbarn. Bei Familie Lichtenauer angekommen, stellte er verdutzt fest, dass der Karton und auch Gretl nicht mehr im Anhänger waren.

Er fuhr denselben Weg zurück und bemerkte, dass sich beim Gasthaus Wiesinger Dutzende Bundesheer-Reservisten einfanden. Alle Reservisten rätselten über die Gans auf dem Sportplatz vis-á-vis. Manche meinten, das sei eine Wildgans, worauf andere meinten, das sei ein Blödsinn, denn ob man je eine Wildgans mit einem grünen Band um den Hals gesehen hätte?

Das Rätselraten hatte schnell ein jähes Ende, denn mit den Worten: „Diese Gans gehört mir“, blieb der Schwiegervater stehen und versuchte, die Gans einzufangen, die mittlerweile im Teich hinter dem Sportplatz ein Bad nahm. Mithilfe der Reservisten gelang es ihm, Gretl einzufangen, sodass sie letztendlich in ihrem neuen Dauerquartier abgegeben werden konnte.

Am Morgen des nächsten Tages war unsere Nachbarin Brigitte Wlaschitz gerade dabei, ihrer jüngsten Tochter die Haare zu kämmen. Dabei blickte sie in den Garten und sah voller Erstaunen, wie Gretl gerade vom Nachbargrundstück wie ein Jumbojet abhob und an ihrem Fenster vorbeiflog. Und wo war sie neuerlich zu finden? – Ja, richtig. Im Teich hinter dem Sportplatz! Anschließend wurden Gretl, wie es im Burgenland damals üblich war, die Flügel gestutzt, damit sie nicht mehr wegfliegen konnte.

Im Laufe der nächsten Wochen und Monate merkte ich, egal zu welcher Tages oder Nachtzeit ich nach Hause kam, dass Gretl schnatterte, wenn ich aus dem Auto stieg. Ich habe dann mit ähnlichen Gänse-Lauten „zurückgeschnattert“ und wir hatten jedes Mal so etwas wie eine kurze Unterhaltung. Trotz vergeblicher Versuche vonseiten meiner Familie galten diese Schreie von Gretl, diese „Kommunikation“, nur mir.

Kein Märchen: ein verliebter Enterich

Auf dem Grundstück von Familie Lichtenauer befand sich, wie schon erwähnt, auch ein Entenpärchen. Der Enterich fand im Laufe der Zeit jedoch Gretl, die Gans, attraktiver und verliebte sich auch unsterblich in sie. So gab es ab diesem Zeitpunkt ein gemischtes Gans- und Entenpärchen.

Leider gab es kein Happy End für alle. Die weibliche Ente (also die ehemalige Partnerin des Enterichs) verstarb offensichtlich an Liebeskummer. Die Nachbarfamilie Lichtenauer war derartig in Gretl verliebt, dass ich sie im Laufe der Jahre nicht mehr als meine eigene Gans angesehen habe.

Dennoch stand eines Tages Herr Lichtenauer plötzlich vor mir und erklärte, er habe Angst, dass ich Gretl irgendwann zurückhaben möchte. Er wolle einen Vertrag machen, dass Gretl jetzt ihm gehöre und er mir dafür eine Tiefkühlgans kaufen werde.

Nachdem ich ihm mehrfach versichert hatte, dass dies nicht notwendig sei, ich ihm Gretl auch so schenken würde, er jedoch darauf bestand, lagen prompt der Vertrag und eine Tiefkühlgans bei mir auf dem Tisch. Selbstverständlich wurde auch der gewünschte Vertrag von mir unterschrieben.

Gretl, die für Gänse ein hohes Alter erreichte, überlebte auch ihren Liebhaber (den Enterich), legte auffallend viele Eier (welche Herr Lichtenauer sogar nummerierte) und verstarb letztendlich, ohne dass sie je in einer Bratpfanne gelandet wäre, in Ruhe und Frieden.

Auch wenn jetzt einige Leser der Meinung sind, es handle sich dabei um ein Märchen, darf ich versichern, dass jedes Wort in dieser ungewöhnlichen Erzählung der Wahrheit entspricht.
 

Zur Person: Martin Pucher, Obmann SV Mattersburg

  • Wurde 1956 geboren, ist verheiratet mit Elisabeth und Vater von drei Kindern (Denise, Ines und Raphaela).

  • Seit Juli 1980 arbeitet Martin Pucher als Vorsitzender des Bankvorstandes und Geschäftsleiter.

  • Seit Juli 1988 fungiert er als Präsident beziehungsweise Obmann des SV Mattersburg.


Zum Buch: „Mein Burgenland“

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für jene Menschen, die hier leben oder die eine engere Beziehung zu diesem Land haben? Was sind ihre Ansichten, Einsichten und Aussichten? Michael Gerbavsits,
Georg Pehm und Walter Schneeberger haben 50 plus eine Antwort erhalten.

x  |  NOEN, Fotos: Leykam

Mit Beiträgen von: Gabriele Ambros, Theodora Bauer, Konstanze Breitebner, Werner Dax und Johannes Wutzlhofer, Julia Dujmovits, Maggie Entenfellner, Heinz Fischer, Elisabeth Gamauf-Leitner, Michael Gerbavsits, Roland Hagenberg, Leo Hillinger, Georg Hoanzl, Norbert Hofer, Manfred Horvath, Stefan
Horvath, Paul Iby, Andreas Ivanschitz, Jason Allen Johnson, Saskia Jungnikl, Richard Karl Kanitsch, Barbara Karlich, Gisela Kramer, Andreas Liegenfeld, Eva Mayer, Peter Menasse, Paul Muehlbauer, Wolfgang Murnberger, Hans Niessl, Fritz Ostermayer, Josef Ostermayer, Elisabeth Pauer, Georg Pehm, Pia Pfneisl, Uta Prantl-Peyrer, Martin Pucher, Karl Reiter, Birgit Sauer, Maria Schaller, Dagmar Schellenberger, Walter Schneeberger, Anton Schubaschitz, Elfie Semotan, Tanja Stacherl, Markus Stefanitsch, Ingrid Tschank, Christian Uchann, Barbara van Melle, Joško Vlasich, Klaus Wölfer, Richard Woschitz, Uschi Zezelitsch

Herausgegeben von Michael Gerbavsits, Georg Pehm, Walter Schneeberger. ISBN 978-3-7011-7952-7

Weitere Infos zum Buch unter www.leykamverlag.at


Bisherige Teile der Serie: