Erstellt am 26. September 2012, 14:23

Medientage: Polit-Interviews zwischen Arena und Grill-Station. Josef Pröll sieht Entertainment-Entwicklung als "schlecht für die politische Kultur". Die Zuschauer wollen "authentisches Bild". Für Journalistin Renate Graber ist der "Grad des Coachings" ausschlaggebend.

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Polit-Interviews machen weiter Sinn. Auch wenn das Ergebnis mitunter wenig zufriedenstellend ist. Darin waren sich Journalisten, Ex-Politiker und Medienberater bei den Österreichischen Medientagen einig. Josef Pröll, Ex-ÖVP-Chef und inzwischen Manager im Raiffeisen-Reich, beklagte dabei vor allem den Unterhaltungscharakter, den Polit-Interviews im Fernsehen inzwischen angenommen hätten. "Ist das eigentlich nur mehr Entertainment in der Arena - wo es darum geht, ob Blut rinnt oder nicht", fragte Pröll.

Bei den ORF-"Sommergesprächen" sei etwa viel wichtiger gewesen, "ob Armin Wolf Bundeskanzler Faymann betoniert oder paniert hat und wer gewonnen hat", so der Ex-Politiker. "Wenn das im Vordergrund steht, dann musst du dich als Interviewter mit einem Panzer Schützen." Die Folgen seien unauthentische Standardsätze und sich ständig wiederholende Statements. In Summe sei das "schlecht für die politische Kultur und den politischen Diskurs". Aus der nunmehrigen Distanz sehe er diese Entwicklung mit "großer Sorge", so Pröll. Der Raiffeisen-Manager plädierte für mehr "professionelle Distanz" zwischen Politik und Medien.

Für ORF-Anchor und -Oberinterviewer Armin Wolf sind Polit-Interviews deshalb oft so unbefriedigend, weil der politische Diskurs in Österreich inzwischen einen "Unernst erreicht" hat, der einer "Verhöhnung der Öffentlichkeit" gleich kommt. Politiker würden Interviews nur als "Bühne für ihre Botschaften" sehen, wollen möglichst keine konkreten Antworten geben, auf die sie später festgenagelt werden könnten, und manche begännen mit dem Interviewer auf der persönlichen Ebene zu streiten oder behaupten Dinge, die einfach nicht stimmen. Das Abliefern von "Textbausteinen" mache den politischen Diskurs insgesamt inhaltslos. "Wenn die größte Partei in diesem Land ihre 60-jährige Parteilinie zum Berufsheer an einem Nachmittag mit fünf Leuten ändert, um zwei Stunden später eine Schlagzeile in der 'Krone' zu haben", spiegle das den politischen Diskurs in diesem Land wider. Ein erfolgreiches Interview ist für Wolf eines, "wo die Zuseher nachher mehr wissen als vorher" und ein "authentisches Bild" des Interviewten bekommen.

Josef Kalina, heute Medienberater und früher SPÖ-Kanzler-Sprecher, meinte, dass Politiker und TV-Interviewer wie Wolf das "gleiche Interesse" hätten, nämlich möglichst viele Zuschauer. "Die Leute schauen zu, weil sie sich Gladiatorenkämpfe erwarten. Der Wolf wirft den Griller an, und die Leute wollen sehen, wie sich die Politiker machen", so Kalina. Politiker müssten sich auf solche Schaukämpfe entsprechend gut vorbereiten. "Im Fernsehen ist das wichtigste: du musst drinnen sein, und du musst freundlich sein." An konkrete Inhalte würden sich die Zuseher meist ohnehin nicht erinnern.

"Standard"-Journalistin Renate Graber, die für ihre Interviewreihe "anders gefragt" schon mit Preisen ausgezeichnet wurde, meinte, dass vor allem der "Grad des Coachings" dafür ausschlaggebend sei, ob ein Interviewter Interessantes zu erzählen habe - egal, ob Politiker oder Manager. Ein Interview sollte kein Verhör sein, der Fragesteller kein Staatsanwalt oder Richter, umgekehrt habe der Interviewte aber die Verpflichtung ordentlich zu antworten. Ein Problem sei oft die Autorisierung von Interviews. "Da sind die Journalisten gefordert", so Grabner.