Erstellt am 12. Februar 2016, 04:38

Mein Land – unser Land!. Die BVZ präsentiert die Autorinnen und Autoren des Buches „Mein Burgenland“. Diese Woche: Landeshauptmann Hans Niessl über den Aufschwung im jüngsten Bundesland.

Lebensfreude und Spaß im Burgenland. Landeshauptmann Hans Niessl hält den Moment am Holi-Festival 2014 in Oberwart mit einem »Selfie« fest. Foto: Privat  |  NOEN, Privat
Ich glaube, dass ich als Landeshauptmann des Burgenlandes nicht „mein Burgenland“ sagen sollte, sondern vielmehr „unser Burgenland“. Das sage ich vor allem deswegen, weil ich zutiefst überzeugt bin, dass wir alle gemeinsam dieses Land sehr zum Positiven verändert haben.

Dieser Gedanke erfüllt mich, als Repräsentanten des Landes, mit Stolz und Dankbarkeit zugleich. Ich möchte daher die Begrifflichkeit „einschneidende und positive Veränderungen“ in den Mittelpunkt meiner Ausführungen stellen.

Unser Burgenland bedeutet für mich, dass dieses Bundesland erst 1921 zu Österreich gekommen ist und es viel schwerer hatte als die anderen acht Bundesländer. Ein ländlich strukturiertes Bundesland ohne Städte, ohne Industrie und aufgrund der geografischen Lage mit wenigen Perspektiven.

Vom östlichsten Westen in das Herz von Europa

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und mit dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahre 1995 sind wir jedoch vom östlichsten Teil des Westens in das Herz Europas gerückt.

Wir sind vom absoluten Schlusslicht im Wirtschafts-, Bildungs- und Energiebereich zum Vorreiter in ganz Österreich geworden. Das Land hat sich verändert und die Menschen haben sich mitgeändert, nur eines ist gleich geblieben: Die Lebensfreude der Burgenländerinnen und Burgenländer und ihr Wille sowie ihr Fleiß, etwas positiv verändern zu wollen.

Anhand meines persönlichen Lebenslaufs möchte ich auf die aus meiner Sicht wichtigsten „einschneidenden Veränderungen“ in unserem Land eingehen. Ich bin 1951 in Zurndorf geboren und habe auch dort den Kindergarten besucht. Diese Zeit war für mich eine sehr schöne, weil meine Großeltern Kleinbauern waren und ich mich noch daran erinnern kann, wie ich mit dem Pferdefuhrwerk zu den Äckern mitfahren durfte. Kühe, Schweine und Hühner gab es ebenfalls auf dem Bauernhof.

Die Volksschule besuchte ich in Frauenkirchen. Ich wohnte mit den Eltern bei meinen Großeltern in einem alten Haus in der Haydngasse. Die Wohnqualität war gelinde gesagt Substandard, die Straße nicht asphaltiert, es gab keine Straßenbeleuchtung und in der Nacht wurde im Winter aus Spargründen nicht geheizt.

Unser Burgenland hat sich sehr stark verändert. Viele Burgenländerinnen und Burgenländer konnten in den Wintermonaten der 50er-Jahre aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht die Häuser heizen. Heute sind wir aufgrund von 400 Windrädern, Photovoltaikanlagen und Biomassekraftwerken stromautark und produzieren über 100 Prozent unseres Bedarfs aus Erneuerbaren Energieträgern. Wir beliefern die Welt mit unserer sauberen Energie.

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In den Sechzigerjahren besuchte ich die Unterstufe des Gymnasiums in Eisenstadt. In dieser Zeit gab es in meinem Heimatbezirk Neusiedl noch keine maturaführende Schule – heute gibt es in Neusiedl vier.
Unser Burgenland hatte bis in die 70er-Jahre das schlechteste Bildungswesen aller Bundesländer. Von der sogenannten Bildungsschande war die Rede. Heute haben wir die besten Lehrlinge, Lehre mit Matura und zudem die höchste Maturantenquote. Vom Bildungsland der Schande zum Bundesland mit der höchsten Bildung!

Das hatte natürlich auch sehr positive Auswirkungen auf den Beschäftigungsstand im Burgenland. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie viele meiner Freunde jeden Tag nach Wien pendeln mussten, weil es in unserem Heimatland nicht genug Arbeitsplätze gab. 1964 hatten wir 40.488 unselbstständig Beschäftigte im Burgenland. Heute haben wir deutlich über 100.000 und damit Rekordbeschäftigung!

Als Bewohner der Stadtgemeinde Frauenkirchen habe ich zudem vor Ort miterlebt, wie sich der Tourismus in unserem Heimatland ständig weiterentwickelt hat. Das wunderbare Klima, die Gastfreundschaft und die regionalen Gegebenheiten machen das Burgenland zu einer Traum-Tourismus-Destination. Vor 50 Jahren hatten wir lediglich 675.769 Übernachtungen im Jahr. Heute kratzen wir an der 3-Millionen-Grenze.

Wenn ich über „unser Burgenland“ spreche, dann muss ich am Ende meiner Ausführungen aber unbedingt noch auf die zwei wichtigsten Ereignisse in der jüngeren Geschichte des Burgenlandes eingehen. Das ist zum einen das Jahr 1989 = Fall des Eisernen Vorhangs und zum anderen das Jahr 1995 = Beitritt zur Europäischen Union.
Im Jahr 2014 feierte unser Burgenland 25 Jahre Fall Eiserner Vorhang. Für viele Menschen unter 30 erzeugt dieses Jubiläum wenig Reaktion und Emotion. Daher finde ich es so wichtig, auf dieses epochale Ereignis stärker hinzuweisen.

Denn unser Heimatland hat aufgrund des Falls des Eisernen Vorhangs einen unglaublich positiven Aufschwung erlebt. Wir hatten jahrzehntelang eine 400 Kilometer lange Außengrenze, die mit Stacheldraht und Minen gesichert war.

„Gemeinsam stehen wir für den Aufschwung“

Wir waren jahrzehntelang der östlichste Teil des Westens. Wir waren ein kleiner neutraler Puffer zwischen zwei aggressiven Machtblöcken. Heute sind wir im Herzen Europas angekommen. Unser Burgenland hat Bewegungsfreiheit, unser Burgenland kann sich entfalten und unser Burgenland nutzt diese Chance.

Mit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995 hat sich die Entwicklung unseres Burgenlandes noch einmal extrem beschleunigt. 1,8 Milliarden Euro an Fördermitteln seit 1995 haben uns sehr geholfen. Der wichtigste Punkt hierbei ist jedoch nicht die hohe Summe, sondern das, was wir daraus gemacht haben.

Wir gelten aufgrund der nachhaltigen Verwendung der Fördermittel als DIE Vorzeigeregion Europas. Ich bin daher sehr stolz, über die Entwicklung unseres Heimatlandes so positiv erzählen zu können. Alle 287.000 Menschen dieses Landes sind ein Teil dieser positiven Entwicklung.

Gemeinsam stehen wir für den Aufschwung des jüngsten Bundeslandes Österreichs. Ich bin sehr dankbar dafür und daher werde ich auch versuchen und in Zukunft als Landeshauptmann alles daran setzen, damit dieses wunderschöne Land weiter wächst.
 

Zur Person: Landeshauptmann Hans Niessl

 

 

  • Wurde 1951 in Zurndorf geboren und ist dort auch aufgewachsen. Seine Matura legte er in der HTL in Wien ab, danach besuchte er die Pädagogische Akademie in Wien und schloss diese als Hauptschullehrer ab. Nach dem Studium arbeitete Hans Niessl zunächst als Volksschullehrer, danach als Hauptschullehrer und bald als Hauptschuldirektor in Frauenkirchen.

  • Seinen Einstieg in die Politik hatte er 1987, als er als SPÖ-Kandidat zum Bürgermeister von Frauenkirchen gewählt wurde, dieses Amt übte Niessl auch bis zum Jahr 2000 aus. 1996 schaffte er den Sprung in den Burgenländischen Landtag und führte ab 1999 die SPÖ-Landtagsfraktion als Klubobmann an. Nach dem Rückzug von Karl Stix aus der Politik wurde er überraschend zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2000 nominiert, die er dann souverän gewann.

  • Seit 28. Dezember 2000 ist Hans Niessl Landeshauptmann vom Burgenland. Er lebt in Frauenkirchen, ist verheiratet und hat einen Sohn.


Zum Buch: „Mein Burgenland“

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für jene Menschen, die hier leben oder die eine engere Beziehung zu diesem Land haben? Was sind ihre Ansichten, Einsichten und Aussichten? Michael Gerbavsits,
Georg Pehm und Walter Schneeberger haben 50 plus eine Antwort erhalten.

x  |  NOEN, Fotos: Leykam

Mit Beiträgen von: Gabriele Ambros, Theodora Bauer, Konstanze Breitebner, Werner Dax und Johannes Wutzlhofer, Julia Dujmovits, Maggie Entenfellner, Heinz Fischer, Elisabeth Gamauf-Leitner, Michael Gerbavsits, Roland Hagenberg, Leo Hillinger, Georg Hoanzl, Norbert Hofer, Manfred Horvath, Stefan
Horvath, Paul Iby, Andreas Ivanschitz, Jason Allen Johnson, Saskia Jungnikl, Richard Karl Kanitsch, Barbara Karlich, Gisela Kramer, Andreas Liegenfeld, Eva Mayer, Peter Menasse, Paul Muehlbauer, Wolfgang Murnberger, Hans Niessl, Fritz Ostermayer, Josef Ostermayer, Elisabeth Pauer, Georg Pehm, Pia Pfneisl, Uta Prantl-Peyrer, Martin Pucher, Karl Reiter, Birgit Sauer, Maria Schaller, Dagmar Schellenberger, Walter Schneeberger, Anton Schubaschitz, Elfie Semotan, Tanja Stacherl, Markus Stefanitsch, Ingrid Tschank, Christian Uchann, Barbara van Melle, Joško Vlasich, Klaus Wölfer, Richard Woschitz, Uschi Zezelitsch

Herausgegeben von Michael Gerbavsits, Georg Pehm, Walter Schneeberger. ISBN 978-3-7011-7952-7

Weitere Infos zum Buch unter www.leykamverlag.at


Bisherige Teile der Serie: