Erstellt am 30. Oktober 2015, 04:42

Norbert Hofer: „Wurzeln geben Kraft“. Die BVZ präsentiert die Autorinnen und Autoren des Buches „Mein Burgenland“. Diese Woche: Politiker Norbert Hofer und seine Kindheits- und Jugenderinnerungen.

Selfie. Die Autoren wurden aufgerufen, sich für das Buch »Mein Burgenland« selbst zu verewigen. Diesem Wunsch kam auch der Dritte Nationalratspräsident Norbert Hofer nach - auf seinem Motorroller.  |  NOEN, Selfie Norbert Hofer
Mein Burgenland, meine Heimat, erstreckt sich vom Neusiedlersee im Norden bis zu den Ausläufern der Alpen im Süden. Für mich ist es die schönste Landschaft der Welt. Ich liebe es, mit meinem Roller durch das Südburgenland und die angrenzende Bucklige Welt zu fahren.

Die Menschen im Burgenland tragen viele Tugenden in sich. Sie sind bescheiden, fleißig und ehrlich und vor allem eines: stolz auf ihre Heimat. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit meiner Familie auf diesem schönen Flecken Erde leben darf und auch meine Kinder eine solch unbeschwerte Kindheit und Jugend, wie sie mir vergönnt war, erfahren dürfen.

Denn wenn es so etwas wie eine perfekte Kindheit und Jugend gibt, dann war sie mir in unserem Burgenland vergönnt. Ich war ein klassischer Nachzügler. Mein Vater war Direktor eines mittelständischen Unternehmens. Er stammte aus Mautern in der Obersteiermark und es war die Gendarmerie, die ihn in jungen Jahren nach Pinkafeld gebracht hatte. Hier gab es die Turbakaserne, in der Hunderte junge Soldaten untergebracht waren. Und hier lernte er meine Mutter kennen, sie heirateten früh.

Vorzugsschüler mit Vorliebe für Flugzeuge

Meine Mutter, die Tochter eines Lederfabrikanten, der in den USA geboren worden war und erst später die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, kümmerte sich ausschließlich um uns Kinder, um den Haushalt und um die ausgedehnte Gartenanlage, ein Geschenk des Großvaters an das junge Paar.
Mein Bruder war 11 Jahre älter als ich, fuhr Motorrad, besuchte eine technische Schule und trainierte für seine Schwimmwettkämpfe. Meine große Schwester büffelte für ihren Beruf als Kindergärtnerin und traf sich natürlich so oft wie möglich mit ihrem Freund.

Ich wurde von allen verwöhnt, war Vorzugsschüler, bastelte an meinen Modellflugzeugen, lernte Klavier und Gitarre und verbrachte viel Zeit mit Freunden.

Nur ein einziger Schatten lag auf dieser Familie, nämlich der frühe Tod unserer großen Schwester Martina, die an Krebs starb. Sie war erst 16, als sie starb, und wenn ich die Fotos meiner Eltern aus der Zeit damals betrachte, kann ich erahnen, was sie durchgemacht haben.

Ich war fünf, als Martina starb, und ich verbrachte mit meinen Eltern viel Zeit im Krankenhaus. Meine Matchbox-Autos waren damals meine ständigen Begleiter zum Zeitvertreib am Krankenbett.
Es waren zwei Dinge, die mich in meiner Kindheit besonders begeisterten: Die Segelflugzeuge, die über unserem Anwesen jedes Wochenende im sanften Aufwind ihre Kreise drehten, und das Laufen. Wann immer ich konnte, wollte ich laufen, den Rhythmus der Beine und des Atems spüren. Das war pures Leben für mich, schon damals.

Und irgendwann war ich dann 14 und musste mich entscheiden, welchen Beruf ich lernen sollte. Wir hatten eine Höhere Technische Bundeslehranstalt vor unserer Haustüre, die auch mein Bruder besucht hatte. Doch die Segelflugzeuge über unserem Garten und meine Modellflugzeuge hatten es mir angetan. Ich bewarb mich für die Aufnahme an der HTBLA für Flugtechnik in Eisenstadt.

Erst vier Jahre davor war die Schule von Wien ins Burgenland übersiedelt. Wohl vor allem deswegen, weil der damalige Landeshauptmann Theodor Kery begeisterter Flieger war. Es gab nur eine einzige Matura führende Schule dieser Art in Österreich.

Das Interesse an der Ausbildung war groß, doch nur 36 Schüler wurden nach dem Aufnahmeverfahren aufgenommen. Ich war einer von ihnen – und damit begann für mich so etwas wie die Vertreibung aus dem Paradies.

Eine heilsame Vertreibung. Denn aus dem verwöhnten Nachzügler wurde nun ein Internatszögling, für den keine Extrawürste gebraten wurden. Schon der Anblick des Bundeskonvikts in Eisenstadt flößte mir großen Respekt ein. Ein großes rechteckiges Gebäude mit einem sterilen Speisesaal für die Schüler, sauber polierten Böden, die nach scharfem Putzmittel rochen, und die strengen Augen der Erzieher überall auf den Gängen.
Als Schüler einer technischen Schule hatten wir viele Stunden damit zu verbringen, Zahnräder, ganze Getriebe und später Motoren und Tragflächen zu berechnen und zu zeichnen. Im ersten Jahr freilich quälte man uns vor allem mit dem Erlernen der Normschrift mit den verhassten Tuschstiften.

Aber genau hier, in diesen Zeichenräumen, die ebenfalls vergittert waren, wuchs in uns ein Plan, der natürlich so schnell wie möglich umgesetzt werden musste. Eines Nachts schlichen wir mit Werkzeug bewaffnet in den Keller, stiegen über ein kleines Fenster über der verschlossenen Tür des Zeichensaales ein und machten uns dann mit Schraubenschlüsseln an den Gittern der Außenfenster zu schaffen.

„Born to be wild“ in der Disco „Quattro“

Der Ausbruch gelang und wir verbrachten eine herrliche Nacht in einer Diskothek namens „Quattro“. Ein Lokal, das heute keinen Gast mehr locken könnte. Doch es wurde sogar „Born to be wild“ für uns aufgelegt. Und so fühlten wir uns damals auch.

Und irgendwann war dann auch wieder die Sehnsucht nach dem Laufen da. Ich verließ immer öfter das Heim, um Laufstrecken in der Umgebung zu erkunden.

Eine Strecke, die ich damals zum ersten Mal gelaufen war, sollte mich noch viele Jahre begleiten. Sie führte vom Konvikt den steilen Hartlsteig hinauf zum ORF-Landesstudio, weiter in den Wald des Leithagebirges Richtung Loretto und von dort über die heute von Motorradfahrern so stark frequentierten Serpentinen zurück nach Eisenstadt.

Diese 14,5 Kilometer sollte ich noch viele hunderte Male laufen und es ist eine der schönsten Strecken, die man sich vorstellen kann. Ein wunderschöner Laubwald, weicher Boden, hie und da trifft man auf Wildschweinspuren und nicht selten auch auf Wildschweine selbst.

Meine Heimat, mein Burgenland, hat meine Persönlichkeit geprägt, sie bestimmt mein Handeln und Tun bis heute, auch in meiner Funktion als Dritter Präsident des Nationalrates. Meine Wurzeln geben mir die Kraft, mit den Schicksalsschlägen, die das Leben für jeden von uns bereithält, umzugehen. Dafür danke ich meinem Burgenland und seinen Menschen!
 

Zur Person: Norbert Hofer, Politiker

  • Wurde 1971 in Vorau geboren und wuchs in Pinkafeld auf. Nach der Matura an der HTBLA für Flugtechnik in Eisenstadt arbeitete er als Systemingenieur bei Lauda Air. Sein Hobby, der Flugsport, wurde ihm im Jahr 2003 fast zum Verhängnis. Er stürzte beim Paragleiten ab, zog sich schwere Wirbelsäulenverletzungen zu und leidet seitdem an einem inkompletten Querschnittssyndrom.

  • 1996 startete er seine Politkarriere als Landesparteisekretär der FPÖ Burgenland. Seine Stationen in der FPÖ: Stadtparteiobmann in Eisenstadt, Klubobmann im Gemeinderat, Landesparteisekretär, Bezirksparteiobmann und stellvertretender Bundesparteiobmann. 2011 wurde das unter seiner Verantwortung erstellte neue Parteiprogramm der FPÖ beschlossen. Am 29. Oktober 2013 wurde er zum Dritten Nationalratspräsidenten gewählt.

  • Hofer lebt im Südburgenland, ist verheiratet und hat vier Kinder.


Zum Buch: „Mein Burgenland“

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für jene Menschen, die hier leben oder die eine engere Beziehung zu diesem Land haben? Was sind ihre Ansichten, Einsichten und Aussichten? Michael Gerbavsits,
Georg Pehm und Walter Schneeberger haben 50 plus eine Antwort erhalten.

x  |  NOEN, Fotos: Leykam

Mit Beiträgen von: Gabriele Ambros, Theodora Bauer, Konstanze Breitebner, Werner Dax und Johannes Wutzlhofer, Julia Dujmovits, Maggie Entenfellner, Heinz Fischer, Elisabeth Gamauf-Leitner, Michael Gerbavsits, Roland Hagenberg, Leo Hillinger, Georg Hoanzl, Norbert Hofer, Manfred Horvath, Stefan
Horvath, Paul Iby, Andreas Ivanschitz, Jason Allen Johnson, Saskia Jungnikl, Richard Karl Kanitsch, Barbara Karlich, Gisela Kramer, Andreas Liegenfeld, Eva Mayer, Peter Menasse, Paul Muehlbauer, Wolfgang Murnberger, Hans Niessl, Fritz Ostermayer, Josef Ostermayer, Elisabeth Pauer, Georg Pehm, Pia Pfneisl, Uta Prantl-Peyrer, Martin Pucher, Karl Reiter, Birgit Sauer, Maria Schaller, Dagmar Schellenberger, Walter Schneeberger, Anton Schubaschitz, Elfie Semotan, Tanja Stacherl, Markus Stefanitsch, Ingrid Tschank, Christian Uchann, Barbara van Melle, Joško Vlasich, Klaus Wölfer, Richard Woschitz, Uschi Zezelitsch

Herausgegeben von Michael Gerbavsits, Georg Pehm, Walter Schneeberger. ISBN 978-3-7011-7952-7

Weitere Infos zum Buch unter www.leykamverlag.at

Bisherige Teile der Serie: