Erstellt am 14. Juni 2015, 16:37

Die Toten Hosen als perfekte Festivalband beim Nova Rock. Die Toten Hosen am Höhepunkt: Die Rockband hat in der Nacht auf Sonntag beim Nova Rock den perfekten Festivalauftritt absolviert.

 |  NOEN, APA

Nach tollen Shows von Kraftklub und den Fantastischen Vier, die samt Fans einem einstündigen Starkregen trotzten, legte die dritte deutsche Formation in Serie noch einen drauf. Als Late Night Gast ließ Wolfgang Ambros weit nach 2.00 Uhr die Masse "Schifoan" singen.

Eine beeindruckende Produktion, ein Songprogramm quer durch die Karriere und die gewohnte Spielfreude haben Die Toten Hosen nach Nickelsdorf im Burgenland mitgebracht. "Ich halte es nicht so mit Bands, die ihre Hörer erziehen wollen", sagte Sänger Campino vor dem Auftritt im Interview. "Wenn ich zu AC/DC gehe, dann will ich 'For Those About To Rock' und 'Highway To Hell' hören. Ich will gerne dem Publikum den Partystoff geben, den es haben will." Und den bekam es: Einem wuchtigen Auftakt mit "Bonnie & Clyde", "Liebeslied", "Auswärtsspiel" und "Du lebst nur einmal" folgten im Laufe der zweistündigen, makellosen Performance Hits wie "Hier kommt Alex" und "Alles aus Liebe".

 

Gelände bis ganz hinten voll

"Pushed Again" fasste die Faszination eines Hosen-Auftritts zusammen: Campino legte sich rein, die Band trug ihn musikalisch davon, die Fans zündeten Bengalische Feuer und schwenkten, auf den Schultern Gleichgesinnter stehend, Fahnen - und niemand blieb ruhig stehen, Energie pur! Trinklieder ("Zehn kleine Jägermeister") hatten ebenso ihren Platz wie Durchhalteparolen ("Steh auf, wenn du am Boden liegst"), Nachdenkliches ("Nur zu Besuch") und kritische Töne. Als Einleitung zu "Europa", einem beklemmenden Stück über das Schicksal von Bootsflüchtlingen, sprach Campino FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache direkt beim Namen an: "Lasst euch von solchen Leuten nicht für dumm verkaufen", rief er und plädierte für ein offenes Europa.

Das Gelände vor der Blue Stage war bei der Show der Hosen bis ganz hinten voll, am Ende sangen alle zufrieden die Hymne "You'll Never Walk Alone". Man hatte die Düsseldorfer am bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere und ihres Live-Schaffens erlebt, eine Darbietung ohne Durchhänger, leidenschaftlich wie eh und je, immer noch mit der Punk-Attitüde ausgestattet, die es erlaubt, selbst den von allen Seiten vereinnahmten Überhit "Tage wie diese" ungeniert mitzugrölen.

"Des is ka Hardrock. Des is Austropop." 

Dann kam der "Wolferl! Wolferl! Wolferl!", wie das großteils ausharrende Publikum rief. "I weiß eh, wie i haß", raunte Wolfgang Ambros und erklärte, die Zunge zeigend: "Des is ka Hardrock. Des is Austropop." Der Barde mit der mittlerweile brüchigen, aber über die gewaltige PA des Nova Rock doch cool klingenden Stimme verstellte sich auch gar nicht. Am Anfang wussten der Late Night Gast und die Rockfans zwar noch nicht so richtig miteinander umzugehen, aber am Ende wurden Klassiker wie "Schaffnerlos", "Es lebe der Zentralfriedhof" und "Zwickts mi", zu dem Kids in Slipknot-T-Shirts tanzten, gemeinsam abgefeiert. "Jetzt samma scho do und jetzt is a scho wurscht", gab der 63-Jährige das Motto vor und intonierte "Wem heut net schlecht is".

Als Kontrast hämmerten auf der Red Stage am Abend In Flames und Nightwish ihren Heavy Metal in die Köpfe ihrer Klientel. Eine schwere Geburt war der Auftritt von Solstafir: Die isländische Post-Metalband beschloss den Tag auf der Brandwagen-Stage. "Wir haben drei Flugzeuge nehmen müssen, um hierherzukommen. Und dann wäre beinahe alles wegen dieses Gewitters ins Wasser gefallen", meinte Sänger Addi Tryggvason. "Aber wir haben es gerne, wenn Thor uns das Licht macht." Mit knapp einstündiger Verspätung konnte das Quartett nämlich doch noch seine atmosphärischen Songs der ziemlich dezimierten Meute präsentieren. Wer der Verlockung widerstand, zu den Hosen zu pilgern, konnte sich folglich beileibe nicht beschweren.

Tryggvason und Konsorten zeigten sich nämlich in Spiellaune. Mal treibend und hart, dann melancholisch, um letztlich im Drone zu landen, servierten Solstafir alle wesentlichen Zutaten, die guter Post-Rock aufweisen muss. Ausgewählt wurden dabei vorwiegend jüngere Stücke - begleitet von einer ordentlichen Portion Humor, den man der Gruppe ob des düsteren Materials vielleicht gar nicht zugetraut hätte. "Wir kommen aus Island. War schon mal jemand dort? Da gibt es eigentlich nichts zu sehen - außer Vulkane und Gletscher. Ist doch langweilig", machte der Sänger einen Besuch in seiner Heimat nicht gerade schmackhaft. Musikalisch lohnt Island aber immer eine Reise, wie auch Solstafir wieder bewiesen haben. Das Nova Rock hatte am zweiten Tag wahrlich Unterschiedliches zu bieten.