Erstellt am 18. Juni 2013, 06:44

„Man kann auch zu Reggae headbangen!“. Er galt als „Paradiesvogel“ am Nova Rock und begeisterte am Ende selbst eingefleischte Hard-Rock-Fans. Reggae-Musiker Gentleman im Gespräch mit der BVZ.

 |  NOEN, Martin Reiter / www.reiter-foto.co
BVZ: Du bist einer von wenigen deutschsprachigen Reggae-Musikern, der auch in der Heimat des Reggae, in Jamaika, populär ist. Wie schafft man das?
Gentleman: Indem man es nicht schaffen will, glaube ich. Jamaika kommt auch ganz gut ohne mich aus. Ich habe aber sehr viel Zeit dort verbracht. Mit 18 war ich das erste Mal dort, heute bin ich 39 und bin oft da, hab viel Zeit in den Studios dort verbracht und liebe das, was ich tue, und diese Musik. Und das ist am Ende das, was die Leute sehen und spüren. Dass meine Songs in Jamaika im Radio laufen, ist natürlich noch eine zusätzliche Motivation für mich.

BVZ: Kritiker meinen, dass deutscher Reggae nicht mit Reggae aus Jamaika verglichen werden kann.
Gentleman:
Ich sehe das anders, denn für mich hat Musik generell keine Grenzen. Das ist es ja, was Musik ausmacht, dass sie diesen globalen, universellen Aspekt hat und dass es eben nicht deutschen Reggae gibt oder amerikanischen Reggae. Produktionen werden immer internationaler und es ist am Ende völlig egal, wo der Song aufgenommen wurde, solange nur ein Gefühl dabei rüberkommt. Ich arbeite aber meist mit jamaikanischen Produzenten zusammen und singe auf Englisch, nicht auf Deutsch.

BVZ: Ist Reggae heute noch vergleichbar mit jenem aus Bob Marleys Zeiten?
Gentleman:
Absolut! Reggae ist eine total vielseitige Musik. Es gibt Reggae mit enormen Hip-Hop-Einflüssen, der textlich auch ganz anders ist als jener von Bob Marley, aber es gibt auch immer noch den traditionellen Roots-Reggae, der immer noch sozialkritisch und politisch ist. Daran hat sich nichts geändert. Dass ist es, was diese Musik für mich ausmacht. Ich kenne keine Musikrichtung, die so radikal und gleichzeitig so süß ist, so traditionell und doch stets am Puls der Zeit.

Auf der nächsten Seite: Gentleman über sein neues Album und den damit verbundenen Neubeginn

BVZ: Dein neues Album heißt „New Day Dawn“, was soviel wie „Neubeginn“ bedeutet. Glaubst du, dass sich die Welt im Umbruch befindet?
Gentleman: Zum einen habe ich das Gefühl, dass wir an einem Punkt sind, wo wir merken, so geht es nicht mehr weiter und es muss sich etwas verändern. Das hat wiederum die Folge, dass ein Umdenken in ganz vielen Bereichen stattfindet. Die Art und Weise, wie wir mit unserem Planeten umgehen, zum Beispiel. Ich hätte nie gedacht, dass man in Flüssen und Seen, die früher so verdreckt waren, wieder einmal baden würde können. Und es gab auch noch nie so viele selbstgewählte Regierungen wie heute, noch nie eine Zeit, in der so viele Diktatoren gestürzt wurden. Also ja, es tut sich was! Mit „New Day Dawn“ ist gemeint, dass ich mit jedem neuen Tag die Möglichkeit habe, es aus der einen oder der anderen Perspektive zu sehen. Wir treffen jeden Tag aufs Neue die Entscheidung, wie wir durch das Leben gehen.

BVZ: Lieferst du den Soundtrack für diesen Umbruch?
Gentleman:
Ich denke, das ist zu hochgestochen. Ich mache einfach Musik und die ist ja keine Mathematik, nichts was man berechnen kann, sondern ein Gefühl. Oft kommen dann eben sehr schlaue Leute, die da etwas reininterpretieren. Trotzdem habe ich schon den Anspruch, dass meine Musik mehr als reines Entertainment ist, dass man auch Texte schreibt, die Leute zum Nachdenken bringen und damit Dinge verändern kann. Musik hat immer verändert. Jede Rebellion, jede Revolution hat ihren Soundtrack.

BVZ: Du stichst hier am Nova Rock doch etwas heraus mit deiner Musik. Mit welchem Gefühl gehst du als Reggae-Musiker bei diesem Rock-Festival auf die Bühne?
Gentleman: 
Es ist eine Herausforderung und ich freue mich drauf. Trotzdem ist es eine andere Anspannung als auf einem Reggae-Festival. Aber das ist auch das, was es so besonders macht, für mich und für meine Band. Hier sind Headbanger unterwegs (lacht). Aber man kann auch zu Reggae headbangen. Wir laufen nicht, wie viele glauben, barfuß auf der Bühne rum und kiffen uns die Birne weg. Und: Unsere Musik rockt auch.

Das Interview führte Vanessa Bruckner