Erstellt am 11. März 2013, 07:49

Philharmoniker stellen sich NS-Vergangenheit. Die dunklen "Schatten" in der Geschichte der Wiener Philharmoniker in der Zeit des Nationalsozialismus sind nun von einer Historikerkommission belichtet worden.

Auf der Homepage der Philharmoniker ist ab sofort eine detaillierte Aufarbeitung abrufbar. Auffallend ist der überdurchschnittlich hohe Anteil an Nazisympathisanten. Zudem fand eine Entnazifizierung nach 1945 praktisch nicht statt."Wir wissen, dass wir gemeinsam auf einem Weg sind", erklärte Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker, am Sonntagabend im Rahmen der Präsentation der Ergebnisse der Arbeit der historischen Kommission und des Dokumentarfilms "Schatten der Vergangenheit - Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus". Die Texte zur Geschichte der Philharmoniker im Nationalsozialismus werden in Kürze online gehen, erklärte der Historiker Oliver Rathkolb. "Wir haben keinen einzigen Text vorher vorgelegt", unterstrich er.

Immer wieder wurde in der Vergangenheit auch eine Behinderung der Arbeit der Historiker kritisiert, etwa der fehlende Zugang zum Archiv des Vereins der Wiener Philharmoniker. Daher stellte der Regisseur von "Schatten der Vergangenheit", Robert Neumüller, gleich zu Beginn klar: "Ich wurde von keiner Seite behindert. Mir stand alles offen, es gab keinerlei Einflussnahme." Seine Intention sei es gewesen, die Emotionen, die dieses Thema hervorrufe, "endlich dorthin zu lenken, wo sie auch hingehören: Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus."

Neu ist auch die ungewöhnlich hohe Anzahl der Mitglieder der NSDAP unter den Philharmonikern: Von 123 aktiven Musikern waren 60 Anwärter oder Mitglieder der nationalsozialistischen Partei und zwei Mitglieder der SS. Das ist weit mehr als in der durchschnittlichen Bevölkerung. Bereits vor dem "Anschluss" sei etwa ein Drittel der Mitglieder des Vereins der Wiener Philharmoniker illegale Nationalsozialisten gewesen, erklärte Rathkolb. "Wir wollten nicht nur die Biografien der Vertriebenen und Ermordeten darstellen, sondern auch jene der Nationalsozialisten, die die schnelle Machtübernahme erst ermöglichten", so Rathkolb. Immer wieder habe es auch "überraschende Grautöne" gegeben.

Die Entnazifizierung nach 1945 habe praktisch nicht stattgefunden: Nur vier Musiker wurden nach Kriegsende aufgrund ihrer Nazi-Vergangenheit gekündigt, sechs pensioniert. Auch einige geflohene Philharmoniker wurden eingeladen, zum Orchester zurückzukehren. Dieses Angebot nahm niemand an. "Ich wünsche mir, dass nach meinem Film die Geschichte mit dem Ring nicht mehr im Mittelpunkt steht", erklärte Neumüller.